Zugegeben, der Titel der neuesten Produktion aus dem Hause Lohrbär ist zunächst irritierend. Er bezieht sich auf die Aussage von Franz Josef Strauß, dass die geplante Wiederaufbereitungsanlage in der Nähe des Oberpfälzer Ortes Wackersdorf "nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfarbrik" sei.
1980 ließ Bayern Standorte im Land für eine atomare Wiederaufbereitungsanlage von Kernbrennstäben prüfen. Der bis dahin für ruhig und autoritätshörig gehaltnen Oberpfälzer begehrte auf. Es folgten in den nächsten acht Jahre die bis dato größten Demonstrationen, die größten Polizeieinsätze und das größte Rockkonzert in der Geschichte der Bundesrepublik. Zwanzig Jahre nach dem Aus für die Bauarbeiten (Mai 1989) an dem geplanten Großprojekt haben die Autoren Angela Kreuz und Dieter Lohr Zeitzeugen interviewt und daraus dieses unfangreiche Feature zusammengestellt. Die Herangehensweise ist dabei eher ungewöhnlich. Kein Sprecher führt den Hörer. Die Interviews werden weder eingeleitet noch kommentiert. Jede Aussage steht mehr oder weniger für sich, wird höchstens durch den jeweiligen Kontext oder im Verhältnis zu den Aussagen der Anderen Interviewten "kommentiert". Es gleicht einer Stimmensammlung. Begründet wird diese Vorgehensweise von den Autoren mit der Unmöglichkeit objektiver Berichterstattung.
Dass der Hörer trotzdem nicht überfordert ist, ist der guten (chronologischen und thematischen) Gliederung geschuldet. Das Feature ist keineswegs ein Hörgenuss für Nebenbei. Es verlangt Eigeninitiative. Unabdingbar ist deshalb die Inhaltsangabe im Begleitheft. Nur dort erfährt man nämlich wer spricht. Und wer alles spricht! Befürworter und Gegner, Journalisten und Juristen, Regional- und Bundes-Politiker, Wissenschaftler und Musiker, Polizisten und Anwohner, Pfarrer und Demonstranten, Hausfrauen und Unternehmer, Schriftsteller und Professoren. Ein paar bekannte Namen gefällig? Bitteschön: Monika Hohlmeier, Harald Grill, Margit Wild, Wolfgang Niedecken, Jutta Ditfurth, Hans Schuierer. 110 Tracks auf zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 156 Minuten. Dennoch werden einige Fragen aufgeworfen, die offen bleiben. Der interessierte Hörer muss, wenn er nicht zu den Experten zählt, sich die Antworten weiterführend besorgen.
Ist es eigentlich tatsächlich so, dass für die "Nachgeborenen" alles, was mit dem Kampf um und gegen die WAA Wackersdorf zusammenhängt, ebenso weit entfernt ist wie der 2. Weltkrieg, wie ein Interviewter (Gerhard Götz, ehemaliger Bundesgrenzschutz-Beamter und Foto-Journalist) bemerkte? Vielleicht ist es das tatsächlich. Harald Grill (Schriftsteller) sprach von einem "Lehrstück an Demokratie" und meint vielleicht auch ein Leerstück. Er bemerkt, dass das Ereignis Wackersdorf zeigt, dass es selbst in einer Demokratie für Staat und große Konzerne genügend Möglichkeiten der Tranksahle am Bürger und letztlich also der Beugung der Demokratie gebe. Rolf Thymi (Journalist) beklagt im nachhinein, dass es keine Aufarbeitung der Wiederaufbereitung gab und gibt. Weder Soziologen, noch Politologen hätten sich damit auseinandergesetzt. um ein Sozigramm der Entwicklung zu liefern und damit zu zeigen wie es nie wieder sein dürfe. Monika Hohlmeier wiederum merkt an, dass letztlich das Problem der atomaren Wiederaufarbeitung nicht gelöst sei. Nur die Verantwortung sei nach außen verlagert wurde.
Das Begleitheft ergänzt die CD und bleibt der Grundidee treu. Auch hier wird weder kommentiert noch erläutert. Die abgebildeten Fotos sind weitere Zeitzeugen.
Fazit: Ein umfangreiches und interessantes Feature, das sowohl als Auffrischung als auch als Einführung in das Thema WAA Wackersdorf geeignet ist.