Das Glitzern im Auge der Natter
Zülfü Livaneli blickt aus dem Harem auf die Historie
Am 14. Juli 1989, zur Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution, trat Zülfü Livaneli als Repräsentant der Türkei in Paris auf. Als Sänger und Komponist sowie als Filmregisseur ist er weit über die Grenzen der Türkei hinaus bekannt; dass er auch schreibt, sogar gut schreibt, hatte er schon 1978 mit seiner Erzählung «Ein Kind im Fegefeuer» bewiesen. Sein erster Roman, der jetzt auf Deutsch vorliegt, trägt den verlockenden Titel «Der Eunuch von Konstantinopel» und weckt mit dem in gedämpften, rötlich-braunen Farbtönen gehaltenen Einband nach einem Gemälde von Maurice Bompard die Erwartung, man werde hinter die Gitterstäbe der schwülen Welt des Harems blicken können. Wer Lüsternheit erwartet, kann zwar damit rechnen, dass er oder sie auf seine Kosten kommt, und doch wird man aufs heftigste desillusioniert. Erzählt wird die Geschichte von der Einkerkerung eines Sultans in einem mit Fayencen ausgelegten Gemach im Frauentrakt des Topkapi-Serails aus der Sicht eines entmannten abessinischen Sklaven, der dem Leser selbst die Details seiner Kastration nicht erspart.
Auf der Basis zuverlässiger und genau recherchierter Quellen es handelt sich um Texte des Chronisten Naîmâ und ein zehnbändiges «Reisebuch», das «Seyahatname» von Evliya Tschelebi aus dem 17. Jahrhundert lässt der Autor seine Figur, den 67 Jahre alten Habesch Aga, berichten, was geschehen ist und nicht nur ihm die Seelenruhe raubt. Vom ersten bis zum abschliessenden 18. Kapitel wird die Perspektive des Eunuchen konsequent beibehalten; mal berichtet er distanziert, fast abgeklärt, dann wieder mitgerissen von den sich überstürzenden Ereignissen, die ausserhalb des Palastes noch gar nicht bekannt sind. Habesch Aga ist seit Jahrzehnten ein Insider, kennt sich aus im Intrigengespinst der Macht und eben dieses Machtgefüge, dem er sich bisher bedingungslos unterworfen hatte, gerät mit dem Sturz des Padischah aus den Fugen. Man erfährt, dass die Sultansmutter, die ursprünglich aus Venedig stammt, hinter dem Komplott steht, aber dass auch der Wesir eine tragende Rolle spielt.
Das stabile Gefüge von Macht und Gewalt, das Hierarchiesystem, in dem der afrikanische Sklave sich seinen Platz erdient hat, bricht zusammen. Als Vertrauter der Herrschenden und als grosszügig agierender Obereunuch im Harem, als scheinbar entsexualisierter Gebieter über unendlich viele Frauen aus allen Himmelsrichtungen des riesigen Osmanischen Reichs hatte er bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt, er habe seinen Ort auf der Welt gefunden. Und nun zerfallen seine Werte zu nichts.
Nur vordergründig geht es um Lust und lustvolles Erleben auf der einen und um kaum vorstellbare Grausamkeit auf der anderen Seite; wenn die erstaunlichsten Begattungsformen oder die raffiniertesten Ermordungsversuche und Enthauptungen beschrieben werden, dominiert stets die Distanz der Ironie. «Wer ausser seiner erhabenen Person war fähig, seinen Verwandten solche Gnade zu erweisen und ihr Leben zu schonen?», kommentiert Habesch Aga beispielsweise die Milde seines Herrn, des Sultans im Kerker, der seine Familienmitglieder blenden liess, statt sie zu erdrosseln. Der Kitzel des Horrors, der über dem Harem und allen anderen Gemächern der Palastanlage am Goldenen Horn von Istanbul liegt, wird durch diese ironische Grundhaltung zwar nicht aufgehoben, aber in Frage gestellt. Im Verlauf der spannungsreichen Lektüre wird sehr bald deutlich, worum es dem Autor eigentlich geht: um die Verbiegung eines Menschen bis hin zur totalen Selbstaufgabe innerhalb eines Machtsystems, dem er sich nicht entziehen kann. Es ist eine Parabel, die den Analogieschluss zulässt, dass hier die Gefahren eines totalitären Systems im Gewand eines historischen Romans aufgezeigt werden. Zülfü Livaneli hat seine philosophische Studie literarisch so geschickt verkleidet, dass die Lektüre ein Vergnügen ist, ein Nervenkitzel, ein erotischer Spass im Sinne Platons.
Dazu trägt auch die ausgezeichnete Übersetzung von Wolfgang Riemann bei, die frei von Stolpersteinen ist. Bedauerlich ist nur, dass «das Glitzern im Auge der Natter», der ursprüngliche Titel, der sich leitmotivisch durch das Buch zieht als Verführung durch Samt und Seide, Pracht und Prachtentfaltung , im Deutschen nicht beibehalten wurde und dem lockenden «Eunuchen» Platz machen musste.
Monika Carbe
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 31.08.2000
Monika Garbe zeigt sich spürbar fasziniert von diesem Buch auch wenn sie den deutschen Titel unnötig plakativ zu finden scheint. Zwar dürfe der Leser auch "Lüsternheit" erwarten, doch für sie steht viel mehr das System von Macht und Gewalt im Harem im Vordergrund ein System, das plötzlich und unerwartet deutlich aus den Fugen gerät. Garbe sieht in diesem Buch eine Parabel auf andere totalitäre Systeme, ohne dass dabei jedoch das Lesevergnügen auf der Strecke bleibe. Neben der ausgezeichneten Recherche lobt sie vor allem Livanelis literarisches Geschick, die Spannung der Geschichte, das Gruselige, aber auch die subtile, distanzierte Ironie. Und die Übersetzung von Wolfgang Reimann findet die Rezensentin schlicht "ausgezeichnet".
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.