Der Roman erzählt die Geschichte der Helene Cohrs, Tochter eines Heidebauern, die als späte Nachzüglerin 1903 geboren wird und deren Geburt die Mutter mit dem Leben bezahlt. Kein guter Einstand bei dem Vater, der mit der Ehefrau auch eine wichtige Arbeitskraft auf dem Hof verliert! Als der älteste Sohn mit Frau bald den Hof vom am Leben zerbrochenen Witwer übernimmt, wird Lene von ihrem Bruder wie eine Stieftochter großgezogen. Je älter sie wird, desto mehr gerät sie in die Rolle einer Magd. Jedwede Zuwendung ermangelnd, flüchtet sie sich in eine sture Religiosität. Weil sie in jeder freien Minute nur die Bibel studiert, wird sie im Dorf schließlich „die Nonne" genannt. Eines Tages taucht ein Mensch wie aus einer anderen Welt im Dorf auf. Dr. phil. Hubertus Teich aus Hamburg ist Botaniker aus Leidenschaft und kann sich dank vom Bruder geführter Reederei einen „Landsitz" in der Heide leisten. Lene besorgt ihm den Haushalt und lernt dafür den Geschmack von Schinken und Schokolade kennen. Dinge, von denen ihresgleichen sonst nur träumen kann. Nach Jahren kommt es dann zu einer schicksalsschweren Begegnung zwischen den beiden (ausgerechnet beim Pilzesammeln - Klischee, ik hör dir trapsen): Hubertus schläft mit der jungfräulich-unwissenden Lene, die daraufhin prompt schwanger von ihm ist. Als sie das feststellt, ist Hubertus allerdings längst aus Lenes Welt verschwunden. Um seine Existenz in Hamburg nicht zu gefährden, zieht er den konsequenten Schlussstrich vor - ohne nach dem kurzen Liebeserlebnis auch nur noch ein Wort mit Lene zu wechseln. So muss Lene sehen, wie sie dem jähzornigen Bruder-Stiefvater die „frohe Kunde" beibringt und anschließend im Dorf trotz der Schande weiterlebt, zumal sie sich standhaft weigert, die Identität des Vaters preiszugeben. Als Lisa, Lenes Tochter, dann geboren ist, dauert es noch drei quälende Jahre, bis Lenes Mischung aus Verzweiflung, Mut und Entschlossenheit zum Verlassen der ausbeuterischen Familie und der engen Dorfgemeinschaft und damit zum Aufbruch ins Ungewisse reicht. Ob sie untergeht oder das Schwimmen lernt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden...
Die Geschichte wird zwar recht bieder, aber sehr flüssig und unterhaltsam erzählt. Es ist fast, als hätte hier jemand Theodor Fontane die epische Breite ausgetrieben, ohne dass der ebenso präzise wie wohlwollende Blick auf Mensch und Welt leiden musste. Im „Eulenruf" halten zudem immer wieder eingestreute Vorgriffe den Leser bei der Stange und deuten frühzeitig den Fortgang der Geschichte an, so z.B. den Höhepunkt des Kontakts zwischen Lene und Hubertus Teich oder die späte Ehe Lenes.
Irina Korschunow, die sich einen Namen als Kinder- und Jugendbuchautorin gemacht hatte, bevor sie sich der Erwachsenenliteratur zuwandte, liefert mit dem „Eulenruf" zwar Literatur für „Große" ab, aber keine große Literatur. Trotzdem (oder gerade deswegen?) gute Unterhaltung!