"World War I was the great seminal catastrophe of this century...."
George Frost Kennan (1904 - 2005), us-amerikanischer Historiker und Diplomat
In wenigen Tagen, am 11. November wird der französische Staatspräsident wie jedes Jahr am Grabmahl des unbekannten Soldaten in Paris einen Kranz niederlegen und zum Gedenken an den Waffenstillstand von 1918 eine Gedenkminute einlegen....
....auch außereuropäische Staaten wie Australien oder Neuseeland gedenken auch nach 92 Jahre dieses Ereignisses. Am 25. April, dem "ANZAC Day", wird dort der Landung des "Australian and New Zealand Army Corps" am Ufer der türkischen Halbinsel Gallipoli gedacht. Darüber hinaus führte der Erste Weltkrieg nicht nur in den Staaten Europas und den USA zu tief greifenden Veränderungen, sondern betraf auch weit von der europäischen Front entfernte Länder wie Australien, China, Indien, Japan, Neu-Guinea und die Südsee....
In seiner Einleitung geht PD Dr. Daniel Marc Segesser zunächst der Frage nach, ob der Erste Weltkrieg wirklich der erste Weltkrieg war, bzw. als solcher auch bezeichnet werden kann. Hierbei kommt der Autor zum Ergebnis, dass globale militärische Konflikte keineswegs ausschließlich ein Phänomen des 20. Jahrhunderts waren.Der seit dem 15. Jahrhundert im Gang befindliche europäisch-koloniale Expandierungsprozess war stets begleitet von oder geprägt durch militärische Auseinandersetzungen, sowohl von Kriegen zwischen europäischen und indigenen Kontrahenten als auch in gestaltvon global geführten Kolonialkriegen europäischer Staaten und den USA. Als Beispiele werden der Österreichische Erbfolgekrieg (1740 - 1748), der Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) und der Amerikanische Unabhängigkeitskrig (1775 - 1783) angeführt.
In seinem weiteren Aufbau folgt der in Zusammenarbeit des Wiesbadener Marix Verlages mit der Frankfurter Rundschau in der Reihe "marixwissen" im September 2010 herausgebene Band in acht Kapiteln zunächst dem klassischen Prinzip der Chronologie. Im ersten Kapitel werden die Ausgangslage vor dem Ersten Weltkrieg, seine globalen (!) Ursachen und die Kriegsziele der beteilgten Mächte hinterfragt. Die beiden nächsten Kapitel sind der "Julikrise und Kiegsschuldfrage" und dem Verlauf des Kieges an verschiedenen Fronten gewidmet. Neben der West- und Ostfront, sowie weiteren Fronten in Europa wird hierbei auch der außereuropäischen Welt z. B. durch eine ausführliche Beschreibung der militärischen Entwicklungen im Kaukasus, Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und im Pazifik angemssen Rechnung getragen.
Das Verhältnis von Front und Heimatfront ist Gegenstand des fünften Kapitels, das sich ebenso wie das sechste in einem Längsschnitt mit dem Alltag an der Front wie in der Heimat, der Problematik von Waffen und Technologie, sowie der Mobilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft für den Krieg beschäftigt. Daneben wird ein Aspekt hinterfragt, dem in der Gesamtdarstellung des Ersten Weltkrieges bisher eher weniger Bedeutung eingeräumt wurde, nämlich "Kriegsverbrechen und Völkermord". Gegenüber dem Zweiten Weltkrieg, bei dessen Betrachtung dieser Themenkomplex stets eine wichtige Rolle spielt, ist auch heute wohl weniger bekannt, dass dieser auch bereits während des ersten Weltkrieges - wie z. B. Genozid an den Armeniern - schon zu heftigen Diskussionen zwischen Juristen und in der Öffentlichkeit führte.
Mit dem siebten und achten Kapitel wird die historische Chronologie wieder aufgenommen. Im Focus der Betrachtungen stehen hierbei das "Wendejahr" 1917, die globale Kriegsmüdigkeit in der zweiten Hälfte des Krieges, das Kriegsende und der Friedensschluss. Die Frage einer militärischen Niederlage oder wirtschaftlich-gesellschaftlicher Erschöpfung wird ebenso nachgegangen, wie den utopischen Reparationsforderungen und anderen, weiteres Unheil verheißenden Bestimmungen des Versailler Vertrages. Die Aufteilung der einstigen deutschen Kolonien, Schutz- und Pachtgebiete ist ein weiterer Hinweis des globalen Ausmaßes. Das letzte Kapitel befasst sich mit der "Bedeutung des Ersten Weltkrieges in der Erinnerungskultur und der Geschichtswissenschaft". Mit dem Ergebnis, dass das mitlerweile geflügelte Wort von der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" nicht nur als Element einer europäischen Zivilisationskrise, sondern auch als zentrale Zäsur in der neueren Geschichte der gesamten Menschheit zu verstehen ist. Ein elfseitiges Verzeichnis "ausgewählter Literatur" bildet den Abschluss eines in seinen Dimensionen beeindruckenden neuen und preisgünstigen Kompendiums.
5 Amazonsterne.