Das Technische vorweg: Die DVD hat eine gute Qualität, den O-Ton, aber keine Extras. Und nun zum Film: Douglas Sirk, eher für Melodramen bekannt, hat einen Kriegsfilm gemacht. Er basiert auf der wahren Geschichte des Kampffliegers und Pfarrers (!) Dean Hess, der versehentlich im Zweiten Weltkrieg eine Kirche und ein Waisenhaus bombardiert und viele Kinder getötet hatte. War es eine Art Sühnewillen, der ihn dazu trieb, im Koreakrieg Kinder zu retten, sie unter größten Schwierigkeiten durch umkämpftes Gelände zu führen und ihnen ein Waisenhaus zu errichten? Jedenfalls, darum geht es, und der Film hat keinen guten Ruf, weder bei Sirkianern noch bei Sirk selbst. Aufwändig, ja, technisch solide, ja, aber unpersönlich sei er - und zudem habe Sirk unter dem engen Korsett gelitten, das der wirkliche Dean Hess ihm auferlegt habe. Wunschbesetzung Robert Mitchum fiel flach - wer schon mal wegen einer Drogengeschichte gesessen hatte, von dem wollte Hess sich nicht verkörpern lassen. Rock Hudson musste es richten. Aus dramaturgischen Gründen Hess ein Alkoholproblem anzudichten hatte der echte Hess ebenfalls nicht gebilligt. In allen mir bekannten Sirk-Büchern, auch in einem grundlegenden Interview mit John Halliday (das hat bei Sirkianern eine ähnlich fundamentale Bedeutung wie das Truffaut-Interview bei Hitchcockianern) rangiert der Film als minder wichtiges Werk.
Und - damit stelle ich mich vielleicht in eine eher einsame Ecke, aber ich tu's gern - dieser Film ist WUNDERBAR, gnadenlos unterschätzt, sehr persönlich, sehr Sirk, überhaupt nicht korsettig, facettenreich, melodramatisch, dramatisch, bewegend, berührend, klug, und eine der zartesten Andeutungen von Liebesgeschichte (das sind immer die besten) hat er noch zudem. Und er ist optisch sehr Sirk. Bei einer gegen Sirks Willen eingebauten propagandistischen Einleitung sehen wir eines dieser Kampfflugzeuge und fragen uns, haben die wirklich sooo knallrote Nasen oder hat der Sirk da wieder einmal tief in den Farbeimer gelangt? Wie dem auch sei, nach wenigen Minuten ist klar, Kriegsfilm, Melo, völlig egal, wir sind in Sirk Country, wie es leibt und lebt, und er setzt seine ganzen extravaganten Farben und Schauwerte nicht einmal selbstzweckhaft ein (was man von seinen schwächeren Filmen nicht immer sagen kann). Choralgesänge bei den Credits und eine Kanzel, auf die Licht scheint, welches durch ein Fenster in alle schillernden Spektralfarben gebrochen ist - das ist nicht nur eine Reverenz an eine wichtige Szene in Sirks "Was der Himmel erlaubt", sondern zeigt von Anfang an diese Zerrissenheit des Dean Hess, zu der dieser baumlange, aber sanftmütige Rock Hudson eigentlich gar nicht schlecht passt. Im Krieg tief verunsichert wegen seiner Tat (Sirk'sche bittere Ironie: Hess erfährt davon ausgerechnet durch die Propaganda des Nazi-Radios, aber die Braunen haben sogar mal Recht, von den Fakten her zumindest), kann er den Frieden auch nicht als Mann Gottes finden: Seine Predigt ist gut, aber leidenschaftslos. Typisch Sirk: Gegenstände und tragende Teile der Räume, in denen sich der Protagonist befindet, bilden dunkle Schatten und enge Kadrierungen innerhalb der Kadrierung. Die Kirche ist Hess kein Ort der Erhebung, sondern der Bedrückung. Dies wird sich - gerade bei Hudsons enormer Körpergröße - in den engen Baracken des Luftwaffenstützpunktes in Korea später fortsetzen. Nein, nein, so sehr unpersönliches Auftragswerk ist das alles nicht, wie Sirk immer meinte - er versteht schon, diese bittere Zerrissenheit dieses Mannes glaubwürdig darzustellen, diese extremen Gegensätze (Frieden predigende Religion und Krieg führender Mann, Nazipropaganda, die aus Hess einen gewissenlosen Schurken macht, aber ihn trotz der Verlogenheit nachdrücklich verunsichert), dieses Gefühl: Ich weiß nicht, wohin ich gehöre. Das haben wir schon bei dem Titel, "Battle Hymn", keine Ode an die Schlacht soll das sein, sondern das Aufeinanderprallen von Widersprüchlichem. Es ist bekannt, dass Sirk ein guter Titel immer unglaublich wichtig war, und auch "Der Engel mit den blutigen Flügeln" passt ja ganz gut zu diesem Zwist. Hess muss sie sich noch verdienen, die Flügel. Am Ende wird er es geschafft haben.
Doch zunächst ist er ja noch in der Fremde, in einem fremden Land und in einem fremden Leben, von dem er fühlt, dass er es sich da erst noch einrichten muss, und von dem er zunächst nicht weiß, ob er das je können wird. Wieder sind solche scheinbar nebensächlichen Details wie Hudsons Körpergröße wichtig, er kann sich den Koreanern zu Beginn schon deshalb nicht auf Augenhöhe nähern, weil sie unglaublich viel kleiner sind (was bei dem CinemaScope-Format gelegentlich zu Kadrierungsproblemen führt, aber dieses In-der-Fremde-Sein schon gut zum Ausdruck bringt). Ich will nicht sagen, dass der sehr geschätzte (und übrigens ebenfalls recht große) Mitchum nicht ebenso gut oder etwas besser gewesen wäre, aber der Hudson und der Film, die sind schon wunderbar.
Dem Film gelingt dabei etwas, das Sirk (der in seinem Werk recht viele aufgezwungene Happy Endings zu verzeichnen hat) öfter einmal auszeichnet, aber hier am schwierigsten war: Die Vorgaben, die es gegen seinen Willen gab, konnte er sämtlich von einem scheinbaren Nachteil in einen immensen Vorteil verwandeln, oder zumindest konnte er den Nachteil ausgleichen. Mitchum durfte nicht spielen? Hudson spielt gut! Hess durfte nicht trinken? Na endlich kommt Sirk mal ohne das Trunksucht-Motiv als Zeichen für Zerrissenheit aus, denn das kennen wir doch schon (wenngleich "In den Wind geschrieben" zu seinen besten Werken zählt). Die Orientierungslosigkeit ist eben auch ohne dieses Motiv fühlbar. Und vielleicht gab es ja auch die Vorgabe, dass Hess sich nicht in Korea verlieben oder gar eine Affäre haben durfte, denn er war verheiratet und seine Frau erwartete ein Kind, als er in Korea stationiert war. Dafür gibt es aber eine Beinahe-Liebesgeschichte zwischen der koreanischen Pflegemutter En Sun Yang (Anna Kashfi) und Hess. Diese ist von einer zärtlichen Schönheit im Andeutungsweisen, wie man das selten gesehen hat. Gerade die Tatsache, dass sich Sirk hier zurückhalten musste, gereicht dem Film zum Gewinn, und so ist es auch mit der Tatsache, dass diese Liebe aus äußeren Zwängen heraus eine unmögliche Liebe bleiben musste. Das Romantische, das Wehmütige, das Tragische, Sirk führt es immer schon zusammen, und er, der sonst gern auch mal ein bißchen dicker aufträgt, findet hierbei die zartesten und wahrsten Töne seines gesamten Werkes. Überhaupt kommt Sirk bei allem erkennbaren sirk'schen Gestaltungswillen mit relativ wenig vordergründigem Pathos aus, erledigt seine Geschichte auch in kaum mehr als der Hälfte der Zeit von "Die Herberge zur sechsten Glückseligkeit" (dem Film, der gegen Ende einen ähnlichen "Kindertreck" zeigt und von daher mit Sirks Film vergleichbar ist). Dramatisches findet eher in dem sanften Gesicht von Hudson oder in der zurückhaltenden Art von Anna Kashfi statt. Am Schluss ist diese Frau nicht mehr da - aber noch als Abwesende anwesend. Denn das Waisenhaus ist ihr Projekt gewesen, es trägt ihren Namen, es ist fertig, doch auf dem Gruppenbild am Ende hat nun Hess' Ehefrau den ihr formell gebührenden Platz eingenommen. Aber dass wir die Anwesenheit En Sun Yangs immer noch spüren, macht diesen Film zum Meisterwerk gerade im Unsichtbaren, oder: L'essentiel est invisible pour les yeux. Sirk hat ein ganz unverwechselbares Kriegs-Melodram geschaffen, das es locker mit seinen bekannteren Werken aufnehmen kann.