Seit ich den ersten Teil der Chroniken der Templer von Joseph Nassise gelesen habe, scharrte ich de facto schon mit den Hufen und war sehr gespannt, ob der Autor das Szenario der Tempelritter der Neuzeit auch im zweiten Teil auf einem ähnlich hohen Level halten konnte, wie es "Der Ketzer" vorgab. Der Plot der Geschichte schliesst sich nahtlos an den Vorgänger an - Vergangenes wird reflektiert und der Zeitraum bis hin zum Anfang dieses Werkes relativ rasch überbrückt, so dass auch ein jeder, der den ersten Teil nicht gelesen hat, einem direkten Einstieg etwas abgewinnen kann und direkt in die von Joseph Nassise kreierte Rahmenhandlung eintauchen kann.
Wie von "Der Ketzer" gewohnt verliert sich der Autor nicht in meisterliche literarische Strukturen, sondern scheint sich auf das zu besinnen, was er kann : Kurz und salopp, aber spannend zu erzählen - und das ist vielleicht das Problem bei dieser Fortsetzung, rauscht doch das Buch in relativ kurzer Zeit (immerhin sind es "nur" 283 Seiten) am Leser vorbei, während der eigentliche Handlungsort, sprich die auf dem Backcover beschriebene Forschungsstation, erst richtig nach dem ersten Drittel des Buches auftaucht und der Leser eigentlich auch erst dann merkt, das der Roman genau dort spielt.
Die Elemente, die Joseph Nassise im ersten Roman einen wundervollen Start in diese - vorerst geplante - Trilogie beschert haben, nämlich den mittelalterlichen Orden der Templer in das 21. Jahrhundert zu adaptieren, geraten bei "Der Engel" zunehmend mehr in den Hintergrund, bekommt man doch eher den Eindruck, ein S.W.A.T.-Team mit übersinnlichen Fähigkeiten als Protagonisten zu verfolgen, das nicht nur zwischen Dies- und Jenseits hin- und herzuwandern scheint, sondern im Falle grösster Aussichtslosigkeit auch den spirituellen Faktor nutzen kann.
Der Schwenk hin zu Genmanipulationen (der Prolog und das Backcover sollten eigentlich bereits vorab darauf hindeuten, allerdings ist mir dieser Fakt erst nach der Hälfte des Buches klargeworden), die auch ein Thema der heutigen Welt sind, wirkt - weil der Roman eigentlich hauptsächlich darauf aufgebaut ist - ein wenig altbacken bzw. einfach nicht passend, da haben andere Romane ohne den übersinnlichen Touch dieses Thema weitaus besser verarbeitet, zumal das Grandé Finale am Ende eigentlich sehr erzwungen daherkommt.
Letztendlich habe ich dieses Buch nach einem Wochenende durchgelesen und bleibe mit gemischten Gefühlen zurück, denn die guten Ansätze von "Der Ketzer" wurden nicht wirklich weiter verfolgt, stattdessen ging der ursprüngliche Gedanke, nämlich der Fokus auf den neuen Templerorden, wie er im ersten Teil allgegenwärtig war, hier fast komplett verloren und könnte auch ohne die übersinnlichen Fähigkeiten der einzelnen Protagonisten auskommen. Fazit : Für "Der Engel" gibt es Sympathiepunkte, weil die Charaktere des ersten Teils weiter gemeinsam an einem Strang ziehen und man diese mittlerweile kennt, aber die Erwartungen, die (zumindest ich) an dieses Werk hatten, wurden leider in keinster Weise erfüllt. Der Roman unterhält, die notwendige Tiefe und eigentliche Struktur fehlen bzw. ist letztere einfach zu einfach. Schade - hier hätte mehr draus werden können, aber vielleicht kehrt Joseph Nassise im dritten Buch "Die Schatten" wieder zur Stärke des ersten Werkes zurück!