Karin Kneissl legt mit dem Werk Energiepoker zweifellos eine fundierte Analyse zum richtigen Zeitpunkt vor. Ein Zeitpunkt, in dem die fossilen Energieträger Öl und Gas nach dem 2003 begonnen Irak-Krieg diesmal im Iran wieder zu ganz zentralen Teilen über Krieg und Frieden zu entscheiden drohen.
Wer sich allerdings ein knallhartes Argumentarium gegen Erdöl, Erdgas oder Atomenergie erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr stößt man im Buch auf ein Plädoyer für Diversifizierung und einen sinnvollen Energiemix. Dies nicht nur, weil sich das Buch auch an jene richtet, die strategische Investitionsentscheidungen u.a. in der Energiebranche fällen, sondern auch weil der moralisch drohende Zeigefinger nicht Karin Kneissls Sache ist. Dominiert wird dieses Buch von einer ausgewogenen und sachlichen Debatte und vor allem durch eine wirklich bemerkenswerte Fülle von Fakten, Daten und Zusammenhängen. Nach der Lektüre des Buches werden auch bereits auf dieses Thema sensibilisierte LeserInnen neue Argumente im Ärmel haben, um wie die Autorin einleitend feststellt die Konflikte unserer Zeit durch die Linse des Ölmarkes besser verstehen zu können.
Karin Kneissl beschreitet im Energiepoker nicht nur die auch öffentlich vieldiskutierten Argumentationspfade, sondern widmet sich sehr intensiv dem Dickicht der Debatte. Dazu zählt beispielsweise die Rolle Afrikas und die Energiepolitik der Großmächte am vergessenen Kontinent. Für die Journalistin und Nahostexpertin Kneissl bedeutet das aber nicht, die zentralen Aspekte der Debatte mit aktuellen Fakten und Facetten zu bereichern. Der Blick auf die Finanzmärkte, Börsentaktiken, Investitionsoptionen oder die Ölkonzerne zwischen Profiten, Unsicherheit und Kritik fällt in der gegenwärtigen Fülle an Literatur zu diesem Thema nicht überall so umfassend wie bei Kneissl aus. Auch wenn man über die tatsächliche ökonomische Bedeutung der Transformation von Ölkonzernen zu Energiekonzernen oder den Sinn von Atomenergie vortrefflich und hitzig streiten mag, stellt dieses Buch mit Sicherheit eine Bereicherung der Debatte dar.
Bleibt nur zu hoffen, dass der leider etwas stolze Verkaufspreis von 29,90 Euro nicht hinderlich ist, in dieser wichtigen über Krieg und Frieden mitentscheidenden Frage die Argumente von Karin Kneissl deutlich hörbar zu machen.
Thomas Roithner
Quelle: Friedensforum, Hefte zur Friedensarbeit, hrsg. vom ÖSFK Stadtschlaining, Heft 3-4/2006, Juni 2006, Seite 26.