"Tintenhaft kroch die Unsicherheit durch die Fugen und Risse spröde gewordener Tage, schlich sich unter die Oberfläche der Dinge. Man vermochte in den Gesetzen der Wohnung, aber kaum noch denen des Gebäudes zu leben, und so hatte man das Gefühl, etwas schwer Greifbarem ausgesetzt zu sein, das keine Züge besaß, kein Gesicht, keine Gestalt, die man zum Ziel einer Verteidigung hätte nehmen, gegen die man sich hätte zur Wehr setzen können. Die Menschen kämpften, aber sie kämpften gegen Spiegelbilder, es schien mir, als bemerkten sie, dass es nichts half, so dass sie sich aus Furcht vor den schleichenden Wandlungen auf die Verteidigung dessen verlegten, was sich mit ihren Mitteln verteidigen ließ: das, was sie sahen, was sie hatten, was sie besaßen. Mir schien, dass sie immer bösartiger, besessener, irrsinniger vor Angst wurden, weil sie spüren mochten, dass das nicht genügte, denn es war so, als ob sie sich gegen das Untergehen eins Schiffes versicherten bei dem, der selbst auf dem Schiff war und nicht bei einem, der sie retten konnte aus ihrer Not" (S. 69/70)
Das ist die Grundstimmung von Uwe Tellkamps Buch "Eisvogel", einer der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen der letzten Jahre. Wiggo Ritter, ein gegen seinen Vater rebellierender Philosophiestudent, ein nörgelns-labiles Abbild seiner Zeit, trifft auf einen wirklich Radikalen: auf den "Eisvogel" Mauritz Kaltmeister, den Spiritus Rektor der "Organisation Wiedergeburt", der als einziger die Frage wagt, "ob diese Gesellschaft vielleicht deshalb nicht funktioniert, weil der ihr zugrunde liegende Gedanke, das sie bestimmende System: die Demokratie, nicht funktioniert." (S. 150). Die Frage zu stellen, bedeutet sie zu bejahen, denn "Die Demokratie ist die Gesellschaftsordnung des Mittelmaßes, des Geschwätzes und der Unfähigkeit, aus dem Geschwätz heraus fruchtbares Handeln werden zu lassen. Alle Räder sind festgefressen in gegenseitiger Hemmung, fordern die Ungernehmer dies, blocken es die Gewerkschaften ab, sollen die Steuern herunter, laufen die Sozialverbände Sturm, die Arbeitslosenraten steigen, die Wirtschaft wandert ab, die Gesellschaft vergreist, die Jugend hat kaum noch Perspektiven."(S. 150/1) Die Menschen sind "krank von Demokratie", konstatiert Mauritz, und das kann nur durch ein Mittel geändert werden: durch Terror, einen Terror, der die Verhältnisse aufbricht und die Menschen nach einer Ordnung rufen lässt, aus der der künftige "Ordens- und Elitestaat" hervorgehen soll. Die RAF lässt grüßen, allerdings diesmal aus einer nicht rechtsradikalen sondern ständestaatlich-konservativen Seite.
Dem Leser stockt der Atem, wenn er liest, wie knallhart hier jemand über die Ränder des common sense hinausdenkt und wie radikal hier ein Ketzer die wahre Religion unserer Zeit, die Demokratie, auf die Anklagebank zerrt. Aber keine Sorge, die Einwände gegen diese Radikalität werden in dem Buch gleich mitgeliefert, ein ganzer Chor der Gegenargumente flattert dem Leser entgegen, sogar innerhalb der "Organisation Wiedergeburt" schreckt man vor dem Fanatismus Mauritz Kaltmeisters zurück, auch wenn sich Wiggo Ritter, der nörgelns-labile Romanprotagonist, eine Zeitlang dem Einfluss des radikalern Mauritz erliegt. Am Ende aber wenden sich alle vom Eisvogel ab, seine Gönner, seine Freunde, selbst seine schöne Schwester Manuela und schließlich auch Wiggo.
So weit so spektakulär - wie aber wird dieser Plot literarisch umgesetzt? Denn es ist eine Sache, eine brisante Thematik aufzugreifen, eine ganz andere aber sie künstlerisch zu meistern. Steht Tellkamp für sein Thema eine Sprache zur Verfügung, die nicht in Klischees und Banalitäten abrutscht sondern das Außergewöhnliche, um das es geht, mit einer ebenso außergewöhnlichen Sprache beschreibt? Uneingeschränkt ja. Tellkamps Sprache ist wie ein Skalpell, mit dem durch das Hundertmal Gesagtes zu immer neuen überraschenden Formulierungen durchstößt. An der formalen Konstruktion des Romans allerdings werden sich die Geister scheiden. Ob die gesamte Handlung wirklich im anstrengenden Antunes'haften Absatzschreddderstil. erzählt werden muss, bei dem auf einer einzigen Seite zwei- bis dreimal die Zeitebenen gewechselt werden, sei dahingestellt. Auf der andern Seite fällt auf, dass die formale Gesamtkomposition als Ganzes genau jeder Kreisbewegung ähnelt, die an verschiedenen Stellen des Buches als Misere einer Demokratie bezeichnet wird, mit der es nicht vorangeht.
Das Problem des vorliegenden Romans aber ist seine Handlung.. Außer einigen Szenen (beeindruckend: S. 275ff., wo ausgerechnet der Eisvogel ein arabisches Pärchen gegen eine Horde Skinheads in der U-Bahn verteidigt ) wird in dem Roman fast nur palaverert, eine wirkliche Geschichte, in der die Personen, das was sie sagen auch durch ihre Handlungen beglaubigen, findet nicht statt. Dem eiskalten und konsequenten Demokratieverächter Mauritz stehen nur Deppen oder Zögerlinge, Egomanen oder Quietisten gegenüber, die eine mögliche und gehaltvolle Gegenposition zur Verteidigung der Demokratie nicht artikulieren können. So sehr es aber längst überfällig ist, die Sackgassen der Massendemokratie und den Bankrott der politischen Gutmenschenklasse ("Morbus 68" - übrigens das Geburtsjahr des Autors ) kritisch zu thematisieren, so kann dies doch nicht geschehen, ohne nicht der demokratische Position einen ähnlich glaubhaften und charismatischen, jedenfalls gleichberechtigten Handlungsträger zuzuordnen wie ihn der "Eisvogel" Mauritz auf der anderen Seite darstellt. Mit anderen Worten: dem "Eisvogel" Mauritz, der in dem Romans ein aktivistischer Naphta auftritt, fehlt der Settembrini als Widerpart. Das ist schade, denn durch diese Einseitigkeit wurde die Chance vertan, einen wirklichen wegweisenden Roman zu schreiben, der das Tor zu ganz neuen Debatten aufstoßen könnte.