Die vorliegenden Rezensionen von Stirners Der Einzige und sein Eigentum" sind alle mehr oder weniger positiv. Zu Recht, denn das Buch ist wichtig, einflussreich, spannend und aktuell.
Nur eine Rezension weist auf ein Problem hin: Nicht alle Ausgaben sind empfehlenswert.
Völlig indiskutabel ist die Ausgabe des area-Verlags, auch wenn sie mit Abstand die billigste ist.
Die Ausgabe des area-Verlags enthält weder einen Kommentar noch ein Nachwort.
* Die Ausgabe ist unvollständig, wie Jannis Hallen schon sagte. Es fehlen kommentarlos die wichtigen Vorbemerkungen Stirners, mit denen er unter dem Motto Ich hab`mein Sach' auf Nichts gestellt" das zentrale Thema seines Buches einleitet.
* Die Ausgabe enthält Änderungen im Text, ohne irgend einen Hinweis zu den Editionsprinzipien: Wörter werden groß geschrieben, um interpretierend deren Bedeutung hervorzuheben: Ich hab' mein' Sach' auf NICHTS gestellt (400); Stirners eigenwillige, pointiert eingesetzte Großschreibung des Wortes Ich und überhaupt von Personalpronomen wird nicht übernommen. Der Text wurde bearbeitet nach den Regeln vor der Rechtschreibereform, aber auch das nicht konsequent und fehlerhaft.
* Weit über 100 Fehler, manchmal vier, fünf auf einer Seite (205, 211), verballhornen Stirners Hauptwerk, das 1844 in einer fast fehlerfreien Ausgabe erschienen war: die wenigen Fehler der Erstausgabe von 1844 werden übernommen: falsche Anführungszeichen (146), falsch geschriebene Fremdwörter: Schiboleth (105, 167); Wahre dich statt Wehre Dich; in der Erstausgabe Korrektes hingegen wird falsch geschrieben: (157, 162, 171, 177 u.ö.); an Stelle eines Gedankenstrichs (-) steht ein = (40, 193); griechische Wörter werden ebenso verhunzt (81), wie Namen: Eloots statt Cloots (223). Wörter fehlen : Gedanke durchzieht Reformationsgeschichte [bis] heute. Man versuche einmal diese Stelle zu verstehen: Möglichkeit und Wirklichkeit sollen immer zusammen. Man kann nichts, was man nicht tut, was man nicht kann. Dass Stirner so tautologisch nicht argumentierte, zeigt das Original: Möglichkeit und Wirklichkeit fallen zusammen. Man kann nichts, was man nicht tut, wie man nichts tut, was man nicht kann. (358).
* Durch Scannen der Vorlage in Fraktur-Schrift (Ähnlichkeit des Fraktur-s mit dem -f) gibt es zahlreiche Fehler: Selbstauslösung statt Selbstauflösung (37), resormatorische statt reformatorische (70), aus statt auf (71), über mich hinaufragte statt hinausragte (187), Gr. Heiligkeit statt Sr. Heiligkeit (222), zustießt statt zufließt (222), Weise statt Welfe (261). Da ist statt von Gefäß vom Gesäß (53) die Rede und statt gefühlt wird gesuhlt (61), usw. usf.
Die Reclam-Ausgabe dagegen ist eine seriöse Ausgabe mit einigen Mängeln:
* Das Nachwort ist ideologisch und oft unsachlich; der Herausgeber stellt Stirner als kleinbürgerlichen Gernegroß dar.
* Sie enthält Fehler, z.B. lücken- und fehlerhafte Kommentierung: falsche Auflösung eines anonymen Beitrags: statt Carl Reinhold Jachmann nennt Meyer Carl Witt (EE 115), falsche Jahreszahl: 1842 statt 1844 (EE 162), falsche, fehlende und irritierende Zeichensetzung (EE 35, 162, 258 u.ö.), Übernahme von Fehlern aus der editio princeps (EE 215: Wahre Dich statt Wehre Dich) usw.
Die Ausgabe des Alber-Verlags bietet über 500 Kommentare, enthält eine auf Missverständnisse in der Stirner-Rezeption eingehendes Nachwort und Stirners Reaktion auf die ersten Kritiken an seinem Buch (u.a. von Ludwig Feuerbach), mit der er auf wichtige Aspekte seiner Philosophie verdeutlicht. Auch diese Ausgabe ist nicht völlig fehlerfrei, und sie ist vergleichsweise teuer. Für den,der sich intensiver mit Stirner beschäftigen möchte, lont sich jedoch diese Investition.