Dass es sich bei diesem Buch um mehr als einen bloßen Thriller handelt, wird schon beim Namen des Autors klar. Akif Pirincci schreibt auf hohem literarischem Niveau und ist wahrlich ein Meister seiner Kunst.
Ich muss zugeben, dass ich bisher keinen seiner Katzenkrimis gelesen habe sondern mich bisher auf seine anderen Werke konzentriert habe. Zuerst Der Rumpf und Yin, dann Tränen sind immer das Ende, Die Damalstür und zu guter Letzt Der eine ist stumm, der andere ein Blinder. Jedes dieser Bücher ist ein wahres Erlebnis und besitzt gedankliche Tiefgänge, die einen immer wieder aufs Neue fesseln.
Was mir an Der eine ist stumm, der andere ein Blinder besonders gefallen hat, ist der subtile moralische Appell. Das ganze hat mich teilweise an Uhrwerk Orange erinnert, denn auch in jenem Buch schwankt man immer wieder zwischen der Anteilnahme und der Abscheu.
Was Akif meiner Meinung nach in seinem Buch anspricht ist die Verwahrlosung unserer Zeit und der gewaltvolle Versuch, diesen Misstand zu berichtigen. Es geht um Frauen, die sich prostituieren lassen und sich dadurch ihr eigenes seelisches Grab schaufeln. Es geht um eingewanderte türkische Familien, die sich in deutschen Gefilden breitmachen und nicht einsehen, dass sie ihre moralischen Vorstellungen umstrukturieren müssen um der zukünftigen Generation Hoffnung zu geben. Ich denke, Akif Pirincci, selbst Türke, kann sich durch seine Abstammung durchaus erlauben, diesen Appell an den Mann zu bringen. Nicht zuletzt vermag er seine Kritikpunkte so clever und subtil zu verfassen, dass es dem Leser kaum auffällt.
Das Buch hat auch viel damit zu tun, wie Menschen sich von falschen Vorstellungen leiten lassen und sich selbst damit in die Misäre stürzen und noch dazu ihre Mitmenschen. Der Autor stellt dem Leser Fragen, wie:
Ist es richtig, seine Frau dazu zu zwingen, sich zu verschleiern und ihr den Gang aus dem Haus zu verweigern? Wird sich dieses Festkrallen an den alten Traditionen letztlich auszahlen oder wird es den Misstand nur vergrößern?
Ist es richtig, ein Kind nach dem anderen in die Welt zu setzen ohne sich um die Erziehung, um die Aufklärung oder die Moral seiner Kinder zu scheren?
Dies sind nur zwei der Fragen, die mir dieses Buch gestellt hat. Akif Pirincci verknüpft diese moralischen Appelle zu einer raffinierten und geradezu bösartigen Story, die einen einfach gefangennimmt. Es geht dabei um Kinder. Kinder, denen möglicherweise niemals ein Hauch von Liebe eingeflößt wird. Kinder, die von Geburt an dazu verdammt sind, zu Dämonen heranzuwachsen. Kinder, die in einer Welt wie dieser nur misraten können. Wie kann man diese kleinen Engel retten? Wie kann man ihre Unschuld bewahren? Eine Idee, die das Buch aufgreift, ist, die Kinder zu entführen, ihnen einen christlichen Irrglauben in den Kopf zu setzen, solange sie dafür noch empfänglich sind, und sie danach Tja, an dieser Stelle wird es makaber.
Die Geschichte der beiden Hauptdarsteller, den zwei Detektiven, war für mich beim Lesen eher zweitrangig, wenn auch durchaus unterhaltsam. Die Ideen, die man zwischen Zeilen herauslesen muss, haben mich viel mehr zum Weiterlesen bewegt.
Ein sehr gutes, spannendes und aufrüttelndes Buch, nur zu empfehlen!