Das ist das klischeehafteste Buch, das ich je aus Mangel an Alternativen gelesen habe. Simpler kann man einen Roman nun wirklich nicht schreiben, sowas von oberflächlich, vorhersehbar und kitschig, ohne Phantasie und Einfühlungsvermögen für die Figuren. Und dann ist der Klappentext auch noch völlig irreführend...
DIE EIGENTLICHE GESCHICHTE
(Wer das Buch noch nicht gelesen hat, möge diesen Absatz bitte überspringen!!!):
Vita, die reiche, verwöhnte Tochter eines Sklavenhalters auf einer brasilianischen Kaffeeplantage Ende des 19. Jahrhunderts trifft den Revolutionär Léon, der die Sklaverei abschaffen will und verliebt sich in ihn, doch davon darf niemand etwas erfahren, weil das doch so unschicklich ist. In einer heißen Liebesnacht in einer romantischen Hütte wird sie schwanger, was Léon jedoch - so hat es den Anschein - völlig kalt lässt, da er sich auf ihren Brief in keinster Weise zu der Schwangerschaft äußert. In ihrer Not treibt sie das Kind im Geheimen ab. Jahre später steht Léon wieder vor der Tür und will sie heiraten, und auf einmal sind die Eltern ganz begeistert von ihm, Sklavengegner hin oder her, der hat ja mehr Geld als sie dachten!, nur Vita will nichts mehr von ihm wissen. Trotzdem (besonders einleuchtend!) stimmt sie der Heirat zu, aus was für einem Grund auch immer. In ihrer Hochzeitsnacht wird sie vom Feuer der Leidenschaft gefangen und gibt sich ihrem Ehemann bereitwillig hin, bald darauf ändert sie ihre Ansicht jedoch wieder und versucht mit allen Mitteln, Léon die Ehe ordentlich zu vermiesen. Zwischendurch wird sie dann doch wieder von der Leidenschaft eingenommen, und so geht das eine Zeitlang hin und her, bis sie sich schließlich scheiden lassen will. Doch gerade noch im rechten Moment erfährt sie, dass Léon damals, als sie mit ihm schwanger war, ihren Brief gar nicht erhalten hat und deswegen nicht reagiert hat. Jetzt ist natürlich alles vergessen und sie will ihn zurückhaben. Mit einem innigen Kuss endet die Geschichte, alle sind glücklich und alles ist gut. Vita ist auch wieder schwanger, und das, obwohl sie doch all die Zeit über dachte, nach der Abtreibung unfruchtbar zu sein. Wie schön!
DIE NEBENHANDLUNG
Auch das, was abseits der Liebesgeschichte passiert, ist zwar gut gemeint, aber an der Umsetzung völlig gescheitert: die Autorin versucht, die damalige politische Situation (die Beendigung der Sklaverei) in die Geschichte einzubauen, ansich eine gute Idee, die VORAUSSETZUNGEN für einen gelungenen Roman wären dadurch ja gegeben. Aber die Umsetzung ist so öde und emotionslos, dass der Leser/ die Leserin schnell das Interesse verliert. Auch die Geschichten der Nebencharaktere begeistern nicht. Das Schicksal des ehemaligen Sklaven Felix hätte man sich wirklich sparen können. Was ganz zum Schluss ihn betreffend "aufgedeckt" wird (hätte das ein großer Aha-Moment werden sollen?) war mir ziemlich egal, wenn man das so lieblos hinschreibt wie Veloso berührt das nun mal nicht im geringsten. Gegen Ende hat man allgemein das Gefühl, die Autorin hätte es plötzlich eilig gehabt, ihre Geschichte so schnell wie möglich zu beenden.
Dann gibt es wiederum Szenen, in denen nicht viel passiert (z.B. geht Vita an einer Stelle baden), die aber recht lange und ausführlich geschildert werden. Als Autor geht man doch in solchen beschaulichen Momenten ein bisschen auf die Figur ein und lässt den/die LeserIn an ihrer Gedankenwelt teilhaben. Stattdessen wird nur oberflächlich der Ablauf des Geschehens beschrieben. Oder Vita fällt - meist nachdem etwas geschehen war, dass sie aus dem Konzept brachte oder aufregte - todmüde ins Bett und fällt "sofort in einen tiefen, ruhigen Schlaf". Mit diesem Satz endet sicherlich an die zwanzig Mal ein Absatz, und jedes Mal dachte ich mir erneut: Wie kann die Autorin sie nach so einem Erlebnis in einen tiefen, ruhigen Schlaf fallen lassen?
VITA, DIE HAUPTFIGUR
Veloso konnte sich offensichtlich nicht ganz entscheiden, wie sie die Hauptprotagonistin eigentlich haben wollte, ständig ändert sich ihr Charakter so grundlegend, dass man nicht mehr von Launen sprechen kann. Dann ist sie einmal für Sklaverei, im nächsten Moment wieder dagegen. Einerseits stiftet sie massenweise Geld an Schulen etc. für die Schwarzen, dann spricht sie doch wieder abwertend von ihnen. Was will diese Frau eigentlich?
DER KLAPPENTEXT
Ein Hauptaugenmerk meiner Kritik - und hier trägt mal ausnahmsweise nicht die Autorin die Schuld - liegt allerdings am Klappentext (der Gebundenen Ausgabe, wohlgemerkt!), der einen so grundlegend falschen Eindruck des Buches vermittelt. Fast jeden einzelnen Satz müsste man hier dementieren... Ein paar Beispiele:
"Eine Frau, die gegen die Konventionen kämpft - und eine Liebe, die nicht sein darf..."
Nachdem Vita sich nicht recht entscheiden kann, was sie nun eigentlich will und ob sie nun für oder gegen Sklaverei ist, kann man wohl kaum von einer gegen die Konventionen kämpfenden Frau sprechen. Abgesehen davon muss Vita selten kämpfen, sie macht einfach! Andererseits darf man genauso wenig von einer Liebe, die nicht sein darf sprechen, weil ja ganz plötzlich, als Leon Vita doch heiraten will, alle - vor allem ihre Eltern! - dafür sind.
Vita verliebt sich laut Klappentext "bedingungslos" in Léon. Léon wird als "Rebell" beschrieben, "der mit Leidenschaft gegen die Sklaverei kämpft - und gegen Vitas Familie..."
Vita verliebt sich bedingongslos in Léon? Dass ich nicht lache! Ein ewiger Machtkampf und eine Hassliebe ist das, mehr nicht. Und wann und wo kämpft Léon denn bitteschön gegen Vitas Familie??? Alle in ihrer Familie - bis auf Vita selbst - sind doch ganz hingerissen von ihm und er sagt das ganze Buch hinweg nicht ein böses Wort gegen ihre Familie (was wiederum seinen erbitterten Kampf gegen die Sklaverei unglaubwürdiger macht, wo doch Vitas Familie der "Feind" ist).
FAZIT
Dies ist die längste und negativste Kritik, die ich je geschrieben habe. Das Buch ist für mich ein weiterer Beweis dafür, dass man mit Bestsellerlisten äußerst vorsichtig umgehen sollte. Selbst wenn ich seichte Unterhaltung suche, ist dieses Buch nicht gut genug. Lest lieber "Die Teerose", auch stellenweise etwas klischeehaft und vorhersehbar, trotzdem wunderbar, weil ein spannender Handlungsbogen, ein schöner Sprachstil und Einfühlungsvermögen von seiten der Autorin vorhanden sind.
Den einen Stern (abgesehen davon, dass man null Sterne gar nicht geben kann) gibt's für die anfänglich recht schön beschriebenen Landschaften und den guten Einstieg in die Geschichte - es fängt ja wirklich vielversprechend mit einem äußerst gelungenen ersten Kapitel an (vor lauter Kritik vergaß ich das doch glatt zu erwähnen)!!!
Was mir wirklich ein Rätsel ist und wohl immer bleiben wird: Manche Rezensenten hier sind der Meinung, Veloso gehe einfühlsam auf ihre Protagonisten ein und diese wären in ihren Handlungen immer nachvollziehbar. Gerade das ist für mich jedoch der größte Mangel des Buches. Gibt es vielleicht zwei Ausgaben ein und desselben Romans und ich habe die falsche gelesen??? Interessant, wie Meinungen so stark auseinander gehen können.