Was kann mich dazu bringen einen Film zu lieben, in dem es um einen Mann geht, der sich wie ein absolutes Arsc*lo*h verhält, eine tiefe Verehrung dem Militär gegenüber hegt und seinen Lieutenant Colonel Rang verehrt wie einen alten Adelstitel? Ein Mann, der als die beiden wichtigsten Dinge im Leben angibt: "Erstens: Eine Pussi. Dann kommt lange nicht mehr. Und Zweitens: Einen Ferrari."? Ein Mann, der durch ein enttäuschtes Leben, Alkoholismus und die vollständige Erblindung, ein zynischer, misanthropischer, sexistischer und verbal gewalttätiger Selbstmordkandidat geworden ist?
Ganz einfach: Weil er durch Al Pacino verkörpert wird!
Aber das ist natürlich nicht alles. Der Film ist gar nicht so menschenverachtend, wie man dies nach dieser Einleitung meinen könnte und auch unser Colonel Leutnant ist es nicht. Eigentlich ist es ein Film über die Moral des Lebens. Der Colonel hat seine verloren und der zweite Protagonist, der junge Schüler Charlie, steht gerade am Scheideweg eines Gewissenskonfliktes, der, egal wie er sich entscheidet, entweder auch seine Moral ankratzt, oder harte existenzielle Konsequenzen für sein Leben mit sich bringt.
Aber so beginnt die Story:
Der alternde, designierte Lieutenant Colonel Frank Slade, ist durch seine Erblindung am Thanksgiving Wochenende auf einen Aufpasser angewiesen. Der junge, aus ärmlichen Verhältnissen stammende, talentierte Charlie Simms, besucht mithilfe eines Stipendiums, die renommierte Baird-School in Vermont. Er gerät durch eine bösen Streich am Rektor der Schule, in eine Gewissens- und Loyalitätskonflikt und wird vom Rektor unter starken Druck gesetzt, die Täter bloßzustellen. Über Thanksgiving hat er Bedenkzeit, dann wartet das Schultribunal auf ihn. Aus Geldmangel hat er einen Job an Land gezogen: Den Aufpasserjob bei Colonel Slade. Auch als er erkennt, dass der ein feindselig-aggressives Verhalten an den Tag legt, kann er auf das Geld nicht verzichten. Er lässt sich sogar gegen seine Willen nach New York City schleppen, wo Slade angeblich eine Vergnügungstour machen will. Bald erkennt Charlie was er wirklich vorhat: Eine Suite in einem Luxushotel, ein exquisites Abendessen, seinen großen Bruder besuchen, mit einer Frau schlafen, einen Ferrari fahren - und als Höhepunkt will Colonel Slade sich in voller Paradeuniform das Hirn rauspusten.
Schon wieder sitzt Charlie in der Gewissensklemme. Er begleitet den ständig betrunkenen, blinden Colonel, widerwillig, aber doch auch mit wachsendem Respekt, auf dessen letzter ungebärdigen Zelebrierung seines Lebens, bis zum bitteren Ende. "Ich bin schlecht. Nein, ich bin nicht schlecht. Ich bin scheußlich." konstatiert Col. Slade.
(Keine Angst, ich habe nicht alles verraten, der Film geht noch weiter...:-))
Es hat mir wiederholt unendlich viel Spaß gemacht, diese beiden Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, auf ihren verrückten, melancholischen und lehrreichen Trip durch New York zu begleiten. Man muss bei allem Lob über Pacino, der den Film fast allein bestreitet, auch Chris O'Donnell erwähnen, der den unschuldigen und schüchternen Jungen so zurückgenommen spielt, wie dieser Charlie eben auch sein soll. Auch Charlie verliert auf diesem Trip ein wenig von seiner Unschuld und lernt eine Menge über das Leben - und über die Frauen.
Fazit: Martin Brest gelingt hier mit dieser Literaturverfilmung ein Meisterstück und eine Parabel über das Menschsein. Eine One Man Show mit einem furiosen und hypergenialen Al Pacino, in einem durch und durch amerikanischen Film, dessen Ende ein wenig pathetisch geraten ist, aber sei`s doppelt und dreifach verziehen! :-))) Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich Slades Darsteller tatsächlich für einen Blinden gehalten. Für diese Rolle erhielt Al Pacino seinen ersten und einzigen Oscar nach 8 Nominierungen! War wohl etwas überfällig. Seit "Der Pate I" war der Oscar eigentlich Pflicht.... aber da sieht man halt mal wieder, dass diese Verleihung, nett gesagt, nicht ganz ernst zunehmen ist. :0)
Regie : Martin Brest
Ltn. Col.Frank Slade : Al Pacino
Charlie Simms : Chris O'Donnell
Rektor Mr. Trask : James Rebhorn
Zur DVD: Entspricht der Universal DVD von 2004
Englischer Originalton vorhanden, deutsche Uts auch. Ich empfehle natürlich den Originalton, da Pacinos Stimme gigantisch ist!
Laufzeit 150 Min
Bildformat: 1,85:1
Bild- und Tonqualität könnten etwas besser sein!
US-Kinotrailer
Produktionsnotizen und unbewegte Filmographien von Besetzung und Regisseur. Also nix besonderes....