Aus welchem Grund sollte man sich über 1000 Seiten antun, die den schier unüberschaubaren 30jährigen Krieg, seine Vorgeschichte und die unentwirrbar ineinander verwobenen machtpolitischen und religiösen Hintergründe zum Thema haben, und das alles ganz ohne die allerkleinste rührende Liebesgeschichte im Hintergrund... noch nicht einmal historisierende Kochrezepte gibt's -- und auch keine verwegenen Spekulationen über spektakuläre Perversionen und Alkovenhistörchen. Das dürfte den einen oder anderen Leser abschrecken, und tatsächlich sollte man Ricarda Huchs "Dreißigjährigen Krieg" nicht aus falsch verstandenen Bildungsbürger-Ambitionen lesen. Andererseits braucht man aber auch kein unentwegter Hobby-Historiker sein; auch ist der Dreißigjährige Krieg als ganz besonderes Steckenpferd nicht nötig. Um diesen Roman genießen zu können, sind nämlich vor allem Neugier und Freude an außergewöhnlich präziser, stilsicherer Sprache unbedingte Voraussetzung .
Über 1000 Seiten über all die Intrigen, Eitelkeiten, über religiöse Verblendungen und eiskaltes realpolitisches Kalkül, die den 30jährigen Krieg tatsächlich 30 Jahre dauern ließen; über 1000 Seiten ein dichtes Geflecht aus Konstellationen und wechselseitigen Verpflichtungen quer durch die deutschen Kleinststaaten und die europäischen Großreiche samt ihren Potentaten und Feldherren mit ihren Intelligenzquotienten von 0 bis 100 und höher, dazu eines jeglichen persönliche Eitelkeit und überpersönliches Interesse... Über 1000 Seiten über geniale Denker und Wissenschaftler wie z.B. Johannes Kepler, der einerseits dem neuzeitlichen Weltbild den Weg ebnete und zugleich immer noch stark dem alten Weltbild verpflichtet war, das er maßgeblich überwinden half -- ganz zu schweigen von regierungsunfähigen Kaisern und Königen, die nicht allzu heftig herauszufordern ratsam war. Hie Alchemie und Astrologie, hie Mathematik und Astronomie; hie Ideologie, hie Beobachtung sine ira et studia... Noch war dieses Duell nicht entschieden.
Dazu fähige Generäle und unsägliche Herrscher über Leben und Tod ihrer Untertanen. Religiöse Hintergründe bis hin zu Wahn und Hexenjagd, denen aus allen Poren noch das Mittelalter trieft, unentwirrbar verflochten mit eiskaltem Kalkül und Machtstreben, das locker mit den einschlägig Berüchtigten des 20. Jahrhunderts mithält... Und dann noch das unsägliche Leid, das dieses Konglomerat eine ganze Generation in ganz Mitteleuropa dermaßen prägte, dass es noch Jahrhunderte später den "niederen Ständen" stets präsent war -- Stoff mehr als genug für spannende Literatur, möchte man meinen. Und spannend liest sich diese Geschichte des Dreißigjährigen Krieges auch, obwohl die einschlägig beliebten Sex&Crime-Zutaten leider (?) draußen bleiben müssen. Ricarda Huch spielt in einer anderen Klasse...
Ricarda Huchs "Dreißigjähriger Krieg" ist also kein historischer Roman der gängigen Sorte. Stilistisch stellt Huch das Gros der Konkurrenz der letzten hundert Jahre ohnehin in tiefsten Schatten; hier schreibt eine versierte Kennerin der Geschichte, die auch mit der Sprache zu fechten weiß. Dementsprechend fordert dieser Roman auch seine Leser: Huchs "Dreißigjähriger Krieg" will nicht häppchenweise während der morgendlichen Trambahnfahrt konsumiert werden, sondern fordert streng den konzentrierten Leser, der ihm eine ganze Reihe von Nachmittagen und Abenden zu opfern bereit sein muss. Schließlich ist die Materie kaum zu überschauen -- dass Huch hier tausendundeinen Faden auseinandergefieselt hat, dass sie bei aller Knappheit ihre Figuren plastisch hervortreten lässt, all das will gewürdigt werden. Umgekehrt muss man konzentriert bei der Sache bleiben, wenn man nicht den Überblick über die aberhundert Personen und Schauplätze verlieren will. Und ohne ein gerüttelt Maß Hintergrundwissen geht hier ohnehin nichts. -- Ich will hier nicht mit meiner ach so umfangreichen Bildung angeben; mir ist garantiert genauso vieles durch die Lappen gegangen wie vielen anderen auch. Ich will nur keine falschen Hoffnungen wecken -- und den Verlag anregen, der nächsten Auflage vielleicht wenigstens ein Personenregister mitzugeben...
Wer die angedeuteten Mühen auf sich nimmt, wird dafür reich belohnt, mit einem historischen Roman, der vor historischem Wissen schier platzt, der historische Personen in Fleisch und Blut schildert, und das alles in einer präzisen, eleganten Sprache, die so ganz nebenbei auch ohne jeden peinlichen Anachronismus das 17. Jahrhundert vor Augen erstehen lässt.