Florian Russi, Der Drachenprinz
Russis „Geschichten aus der Mitte Deutschlands" sind schöne poetische Erfindungen, die den Leser bei der ewigen Suche nach persönlicher Identität begleiten und bestärken. Sie sind in der nach der Wende neugewonnenen Mitte Deutschlands angesiedelt, und gleichzeitig ist diese „Mitte Deutschlands" ein fiktives, ein imaginäres Bild, das Verlangen hervorruft nach dem alten Einssein mit Land und Stein und Baum, welches es wahrscheinlich nie gegeben hat, nach welchem sich die Menschen aber stets gesehnt haben. So sind die meisten Geschichten in einem echten Sinne romantisch.
Der Autor bedient sich mit Stilbewusstsein der Sprache der Sagen und Legenden und versteht es gleichzeitig, den Leser aufzuschrecken und mit ironischer Distanz wieder aus seiner Versenkung zu holen, wenn er zum Beispiel in der Geschichte „Der letzte Wolf" den Wolf Bero überlegen lässt (vor zweihundert Jahren!) : „Sein genetisches Erbe weiterzugeben war nicht mehr möglich..." (S. 162)
Viele der Geschichten sind skurril und überraschen den Leser mit unerwarteten, auch grausamen Wendungen. Dennoch beendet man die Lektüre des Buches getröstet und vertraut darauf, dass, wie es am Ende heißt, „die Menschen, diese kleinen Wesen auf dem Staubkorn Erde, im unendlichen Weltall auch zu Großem fähig sind." (S. 222). Ob die Geschichten wahr sind? Natürlich sind sie wahr, sonst hätten sie doch nicht erzählt werden können.
Dieter Stockmann hat schöne Zeichnungen gemacht. Das Buch ist sorgfältig ediert und großzügig ausgestattet.
Russi, Florian. 2004. Der Drachenprinz. Geschichten aus der Mitte Deutschlands, mit Zeichnungen von Dieter Stockmann. Weimar: Bertuch Verlag.