Man merkt sofort, dass der Autorin das Schreiben dieses Büchleins diebische Freude bereitet hat. Etwas von diesem Vergnügen überträgt sich auf den Leser.
Gegenstand ihres Romans ist - wie der Titel eindeutig kundtut - die berühmte in Phaistos gefundene Tonscheibe. Diese ist paradigmatisch für das ganze minoische Kreta: Mangels ausreichender Daten ist sie - obwohl ästhetisch und handwerklich offenkundig das Werk eines entwickelten Geistes - rettungslos unterdeterminiert, was bedeutet, dass sie vielleicht sogar entziffert werden kann, diese Entzifferung aber in keinem Fall zwingend ist. Das trifft auf unglaublich viele Aspekte der minoischen Kultur zu, was damit zu tun hat, dass es trotz einer Fülle von architektonisch und künstlerisch faszinierendem Material einfach zu wenig schriftliche Dokumente gibt, und das Wenige in geradezu absurder Weise verschieden interpretiert werden kann.
Verena Appenzeller spielt in ihrem Roman ein Spielchen. Sie konstruiert eine Geschichte so, dass sie in den bekannten archäologischen Fakten resultiert, aber auf eine Art, die alle ernsthaften Bemühungen der Wissenschaft auf die Schippe nimmt, aus diesen Fakten rückwärts auf die Geschichte zu kommen. Ihr Buch ist leicht und amüsant zu lesen, selbst wenn man daran glaubt, dass eine "wirkliche" Entzifferung des Diskos immerhin möglich ist.
Mir gefällt an dem Buch besonders, dass sie ihren eigenen Text nicht ganz ernst nimmt. Anachronismen, sprachliche Verniedlichungen, ihr Hang zu alemannischem Sprachgebrauch, fügen sich gut zur ironisch konstruierten Handlung des neuen Buchs ein.
Auch gelingt es ihr, den Handlungsstrang durch mehrere Windungen und überraschende Wendungen bis zum Schluss hin spannend zu halten, obwohl man ja in gewissem Sinn von vorneherein weiss, was herauskommt.
Bewertung: Eine angenehme, leichte und unterhaltsame Lektüre, die den Ernst aus der Beschäftigung mit dem mysteriösen Diskos herausnimmt. Mit Sicherheit war alles völlig anders als Verena Appenzeller es beschreibt. Dummerweise steht alle Sicherheit in diesem Fall auf sehr tönernen Füssen.