Anno 1932 treffen sich befreundete Engländer allerbesten Rufes jeden Dienstagabend -- das ein oder andere Club-Mitglied kennen wir aus verschiedenen Miss-Marple-Romanen von Agatha Christie. Doch hier treten die meisten anderen Figuren zum ersten Mal auf, und ihr Debut macht süchtig nach mehr: Mr. und Mrs. Bantry zum Beispiel, oder der pensionierte Kommissar Sir Clithering (früher bei Scotland Yard)... und noch einige andere.
Die herzige alte Miss Marple hat mit "Mord im Pfarrhaus" anno 1930 erstmals die literarische Bühne betreten, und in diesen locker zusammenhängenden 13 Erzählungen tritt sie zum zweiten Mal in der Literatur auf. Mit Bravour.
Der Dienstagabend-Club: Jeden Dienstagabend erzählt ein Club-Mitglied einen Kriminalfall; meist, doch nicht immer, handelt es sich um einen Mord. Soooo streng ist die Club-Mitgliedschaft freilich nicht definiert, offensichtlich gibt's nach dem sechsten Fall auch eine längere Unterbrechung. Aber immer sind standesgemäße Briten aus dem gehobenen Mittelstand versammelt, mit normal funktionierendem Verstand (außer bei einer...) und sehr dezentem liebenswürdigem Spleen. Very british sind sie alle, egal ob sie Jurist, Hausfrau oder Schauspielerin sind. Man mag sie alle, bzw.: Ich mag sie.
Jedenfalls handelt es sich stets um solche Fälle, dessen Lösung nur einem im Raum bekannt ist. Aufgabe der anderen Clubmitglieder ist es nun, aufgrund der Geschichte weiterzukombinieren und ebenfalls seine Lösung den anderen darzulegen. Einmal, in "Die vier Verdächtigen", steht sogar ausgerechnet der Berichterstatter Sir Clithering vor einem Rätsel... Wie wir Leser nicht anders erwarten, kommt Miss Marple stets auf die Lösung -- mehr noch: Ihr entgeht auch nicht das allerkleinste Detail, und immer erkennt sie, was wichtig ist und was nicht. Und wie in den langen, berühmten Miss-Marple-Romanen bekommt auch hier der Leser sämtliche entscheidenden Details pritschbreit mitgeteilt -- aber im Gegensatz zu Miss Marple übersehen wir sie regelmäßig und kommen partout nicht auf die richtige Lösung, und wenn wir doch ausnahmsweise einmal drauf kommen, dann krähen wir vor Begeisterung... Dabei haben wir noch einen großen Vorteil: Agatha Christie verwendet bereits 1932 oft Ideen oder Motive, die auch in den späteren Romanen eine Rolle spielen werden (z.B. in "Die Tote in der Bibliothek" oder in "16 Uhr 50 ab Paddington"). Aber Achtung: Dame Agatha variiert diese Motive, spielt mit ihnen -- aber sie käut sie nicht wieder. Niemals. Deswegen ist es auch für uns Leser nicht entscheidend, ob uns das immer auffällt. Wenn's uns auffällt, dann erhöht's freilich den Lesegenuss ein weiteres Mal.
13 Kurzgeschichten, und in jeder klärt Miss Marple einen vertrackten Fall auf. So verschieden die einzelnen Fälle auch sind, eines haben sie gemeinsam: Alle miteinander sind sie erstklassige Miss-Marple-Krimis. Alles ist drin, was den Krimis um die alte Dame ihren besonderen Charme verleiht: Das stets präsente ländliche England der frühen 30er Jahre mit allem Zubehör liefert die Atmosphäre, bleibt jedoch vornehm im Hintergrund. Mythengewaber hat gegen Miss Marples gut trainierten Verstand keine Chance, und die Geschichten sind alles andere als humorlos. Freilich geschieht das nicht mit Schenkelklopfer-Humor, sondern mit einer herzigen alten Dame namens Miss Marple, die ganz arglos schlussfolgern kann: "Selbstverständlich gab es nur eine Möglichkeit, den armen Sir Richard zu erstechen, aber ich möchte wirklich wissen, was ihn zunächst veranlasst hatte zu stolpern." Vor allem aber fällt der unvergleichlichen Miss Marple stets eine Parallele zum heimatlichen St. Mary Mead ein -- und zwar ganz egal, das Verbrechen in Cornwall oder auf Gran Canaria verübt wurde. Merke: "[Miss Marple] weiß es, weil ein Gemüsehändler namens Peasegood vor Jahren einmal bei [ihrer] Nichte Steckrüben statt Karotten ablieferte", und kommt dem tatsächlichen Täter auf die Schliche. Oder, um's mit dem letzten Satz der letzten Geschichte zu sagen: "Miss Marple hatte wieder einmal Recht gehabt."
Genaugenommen handelt es sich um zwölf Krimi-Kurzgeschichten mit Miss Marple als Aufklärerin der Verbrechen, mit einer klaren Einstiegsgeschichte. Der zwölfte Fall, erzählt von der etwas tumben Miss Helier, bildet den klaren Abschluss. Doch dann gibt's als Zugabe noch Fall Nummer 13, und auch das ist ein Geniestreichlein: Ohne Miss Marples Menschenkenntnis wäre in "Der Fall von St. Mary Mead" ein Unschuldiger des Mordes angeklagt worden. Aber wozu durchschaut sie auch die allerdurchtriebensten Manöver, und wozu ist gerade zufällig der hochangesehene Sir Clithering in der Gegend?
Übrigens: Da ich vermute, dass die meisten Leser nach der Lektüre mehr Kurzgeschichten mit Miss Marple, um Miss Marple und um Miss Marple herum lesen mögen, empfehle ich statt diesem Band gleich das umfangreichere
"Miss Marples Fälle. Die kompletten Kriminalgeschichten". Es enthält außer dem kompletten Dienstagabend-Club noch einiges mehr.
Zurück zum Thema: Egal ob Sie nur den eigenen Verstand ölen und sich dabei bestens unterhalten wollen, oder ob Sie auch bei der Lektüre zwischendurch Wert legen auf ein gewisses Niveau, oder ob's Ihnen einfach Spaß macht: Im Dienstagabend-Club sind Sie richtig.