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Die bisherigen Rezensionen werden dem Buch meiner Ansicht nach nicht gerecht. "Der Dieb der Zeit" ist für einen Hamilton-Roman sicherlich sehr gewöhnungsbedürftig, zumal viele der Charaktere einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen und teilweise sogar recht unsympathisch daherkommen, was jedoch vom Autor durchaus beabsichtigt ist. Eine "Europafeindlichkeit" kann ich auch nicht erkennen. Im Gegenteil, selten kamen z. B. Deutsche in den Geschichten eines Engländers besser weg, als hier.
Europa wird als florierende Wirtschaftsregion beschrieben, deren Leistungen selbst die Amerikaner kaum etwas entgegenzusetzen haben, die sich andererseits aber auch mit extremistischen Separatisten und Globalisierungsgegnern herumschlagen muss. Nicht ganz unrealistisch, wie ich finde. Mich irritiert eher, dass Asien in Hamiltons Utopie scheinbar gar keine wichtige wirtschaftliche Rolle spielt, obwohl das aus heutiger Sicht doch eher unwahrscheinlich erscheint.
Absolut faszinierend und durchaus nachvollziehbar beschreibt Hamilton die Entwicklung des Internets hin zur Datasphäre und die damit einhergehenden Konsequenzen. Auch die Verjüngungsprozedur des Jeff Baker erscheint nach heutigem Kenntnisstand als durchaus wahrscheinlich. Hamilton hat sich offenbar eingehend wissenschaftlich zu diesem Thema beraten lassen. Das die sexuellen Aspekte des Romans dem Einen oder Anderen übel aufstossen war abzusehen.
Weiterhin übersehen meine Vorredner, dass "Der Dieb der Zeit" als Sprungbrett für die in wesentlich fernerer Zukunft spielenden Romane "Der Stern der Pandora" und "Boten des Unheils" (und dem nachfolgenden "Void-Zyklus") dient. Dass die Übersetzung so schlecht sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Leider geht mit der Übersetzung immer irgendeine Verzerrung des Originals einher, das ist wohl unvermeidlich. Wer das nicht akzeptieren mag, muss halt das Original lesen. Insgesamt halte ich die Ausdrucksweise der deutschen Übersetzung in Bezug auf die Story für absolut angemessen. Wenn die Frauen in "Sex and the City" so reden, dann ist das 'Kult' und hier ein "sprachlicher Offenbarungseid"? Das halte ich für wenig differenziert, weil die Umstände den sprachlichen Umgang bestimmen. Wenn pubertierende oder auch erwachsene Frauen untereinander über Sex reden, dann hört sich das eben selten besonders anspruchsvoll an.
Als eigenständiger Roman wird "Der Dieb der Zeit" sicherlich manchen verwirren, der vielleicht zuvor den "Armageddon-Zyklus" gelesen hat. Doch im größeren Kontext der "Commonwealth Saga" erscheint die Story in einem anderen Licht. Es sei nur jeder Interessierte darauf hingewiesen, dass Hamilton sich in diesem Roman weniger auf die technischen Aspekte konzentriert, als vielmehr auf die menschlichen und familiären Konsequenzen, die sich aus einer wie hier beschriebenen Verjüngung ergeben könnten.