Lang habe ich darauf gewartet. Angekündigt war das Buch bereits für den März 2009. Nun ist es erschienen und das Warten hat sich gelohnt. Vor mir liegt nun das Werk "Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71", herausgegeben von Jan Ganschow, Olaf Haselhorst und Maik Ohnezeit. Den Herausgebern ist es gelungen, 9 hochkarätige Autoren zur Mitarbeit an dem Projekt zu versammeln, und ich muß sagen, die einzelnen Beiträge beleuchten dieses historische Ereignis von den verschiedensten Blickwinkeln sehr informativ, wissenschaftlich und ausgewogen.
Den Anfang macht die kluge Einleitung von Franz Uhle-Wettler. Die nachfolgende Herausgebereinleitung führt allgemein ins Thema ein, verdeutlicht die Motivation der Herausgeber und stellt den Forschungsstand zum Thema dar. Man erfährt, daß dieses Buch das erste seit fast 40 Jahren ist, das den Krieg in seiner Gesamtheit zu würdigen versucht.
Den Anfang macht Maik Ohnezeits Aufsatz zur politischen Vorgeschichte des Krieges. Es folgt die Darstellung Olaf Haselhorsts zum Kriegsgeschehen zu Land, dem schließt sich Alexis Giersch Schilderung der Auseinandersetzungen auf See an. Positiv hervorzuheben ist, daß sich Giersch nicht auf den Krieg selbst beschränkt, sondern einen Abriß über die Entwicklung der Marinepolitik in Deutschland anführt. Somit liefert das Buch gleichzeitig einen Einstieg in die Geschichte der deutschen Marine im 19. Jahrhundert mit Ausblick auf 1914. Lothar Höbelt beleuchtet dann die Angelegenheit aus österreichischer Sicht und zeigt auf, daß trotz gelegentlichem Wunsche, den Preußen die Niederlage von 1866 heimzuzahlen, die überwiegenden Sympathien im Habsburger Reich den deutschen Brüdern im werdenden Reich galten. Den Abschluß dieses ersten Teils bildet Maik Ohnezeits Darstellung des Kriegsendes, der Problematik um die Annexion von Elsaß und Lothringen sowie der politischen Folgen für das junge Deutsche Reich und die europäische Politik des Reichskanzlers Otto von Bismarck.
Der zweite Teil ist der Waffentechnik und der Taktik gewidmet. Im 19. Jahrhundert vollzog sich eine rasante militärtechnische Entwicklung, Stichwort: vom Vorderlader zum Zündnadelgewehr. Wie sehr diese Innovationen das Kriegsgeschehen und Gefechtsverhalten der Soldaten beeinflußten, zeigt der zweite Beitrag von Olaf Haselhorst. Lothar Kuhr widmet sich dann den sogenannten Blankwaffen, also Seitengewehren bzw. Bajonetten und zeigt damit, welche Rolle diese bereits veralteten Waffen noch spielten.
Der dritte Teil hat Wirtschaft und Gesellschaft zum Thema. Dirk Schmidt beschreibt die wirtschaftliche Seite des Krieges, Harald Lönnecker den Krieg in der deutschen Erinnerungskultur am Beispiel der studentischen Eliten.
Im vierten Teil beschäftigt sich Jan Ganschow in einem sehr umfangreichen Artikel mit dem Kriegsvölkerrecht im Deutsch-Französischen Krieg. Nach 1870/71 erfuhr das Kriegsvölkerrecht eine genauere Ausgestaltung als jemals zuvor. Die Erfahrungen des Krieges führten direkt zu den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907.
Den Abschluß bilden Quellen- und Literaturverzeichnisse, eine sehr übersichtliche Zeittafel, die den Konflikt in das historische Umfeld anschaulich einbettet, ein Autorenverzeichnis sowie Namens- und Ortsregister.
Hervorzuheben ist weiterhin, daß im Vorsatz vorn und hinten eine Karte abgedruckt ist, die es dem Leser sehr erleichtert, den Schilderungen politischer und militärischer Ereignisse im Buch zu folgen.
Dem Verlag ist zu danken, dieses Buch veröffentlicht zu haben. Es ist sicher nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß dieses Buch das neue Standardwerk zur Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges darstellt.