"Als Erstes dringt ihr in unsere Gebiete ein, wo ihr nichts zu suchen habt und die nicht zu betreten ihr versprochen habt; als Zweites erregt euer Eindringen Widerwillen, und Widerwillen bedeutet Widerstand. ... " Diese Worte über die Wut der Paschtunen stammen von Viscount John Morley, Staatssekretär für Indien von 1905-1910. Dass sie der Geschichte vorangestellt sind, sollte man durchaus als Hinweis darauf verstehen, dass in diesem Buch pakistanische Traditionen und Lebensart eine wichtige Rolle spielen.
Kriege beginnen mit einem 'badal', einem Angriff auf die Ehre und den Selbstrespekt eines Mannes. Ein stolzer Mann muss solch eine Beleidigung rächen, sonst erleidet er schwere Schande. Das ist der Grund, warum in den pakistanischen Stammesgebieten pausenlos Kriege geführt werden, erklärt Haji Mohammed seinem Sohn. Es ist eine Frage der 'nang-e-pashto', der Stammesehre. "Wenn man sein Leben nicht mehr in Ehre führen kann, dann ist der Tod besser als das Leben". Viele Jahre später wird der zwischenzeitlich vierzigjährige Omar an diese Ausführungen seines Vaters zurückdenken, als seine Familie bei einem Drohnenangriff der Amerikaner ausgelöscht wird.
Omar al-Wazir: Ein Mann mit mehreren binären Identitäten. Einerseits ein Pakistani. Andererseits mit vielfältigen Beziehungen zum Westen während seiner beruflichen Laufbahn, ob dies nun die Einladung zu einem Vortrag an der Stanford-Universität ist oder die Mitarbeit in einem CIA-Programm. Einerseits die Herkunft aus den traditionell geprägten Stammesgebieten. Andererseits ein technologisch versierter, moderner Mensch. Ein Computerspezialist. Ein logisch denkender Wissenschaftler und ein Moslem zugleich. Auf die Frage, wem seine Loyalität gilt, gibt es nach dem oben erwähnten Drohnenangriff nur noch eine einzige, eine eindeutige Antwort.
Schauplatzwechsel
Jeffrey Gertz: Risikofreudig! Während andere Menschen noch darüber grübeln, ob ihre Rechtsschutzversicherung wohl dieses oder jenes Risiko abdeckt, ist Gertz schon mitten drinnen im Abenteuer. Und so war es kein Wunder, dass er damit beauftragt wurde, eine unabhängige Spezialeinheit aufzubauen. Eine Einheit, die nur dem Präsidenten untersteht. Keine lästige Kontrolle durch den Kongress. Losgelöst von den normalen Dienstwegen der CIA. Auch finanziell unabhängig, denn die Mitarbeiter der HIT PARADE finanzieren sich selber ... das geheimnisvolle System! Als einer seiner Leute in Pakistan erst verschwindet und dann tot auftaucht, beauftragt Gertz eine engagierte Mitarbeiterin mit der Klärung: Sophie Marx.
Sophie, die eine unkonventionelle Jugend hatte bei Hippie-Eltern, später in Princeton studierte, für die CIA in Beirut erfolgreich tätig war, und in Addis Adeba fast von der Gegenseite geschnappt wurde. Die gut aussehende junge Dame recherchiert erst vor Ort und dann, als sich ihr erster Ansatz als Flop herausstellt, in London, wo der getöte Kollege offiziell für eine Fondsgesellschaft tätig war.
General Malik, der Herr der Geheimnisse. Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Er sammelt akribisch Informationen. Taktiert mit den Kämpfern in den Stammesgebieten und mit den Amerikanern. Insbesondere zu Cyril Hoffman, stellvertretender Direktor der CIA, hat er ein gutes Verhältnis.
Eben dieser Cyril Hoffman, der auch der Ansprechpartner von Jeffrey Gertz ist. Als weitere Mitarbeiter der HIT PARADE sterben, erkennt er klarsichtig, dass das Gertz'sche Experiment eine Gefahr für die amerikanische Regierung darstellt und handelt.
Und dann wäre da noch Thomas Perkins, der Chef der Fondsgesellschaft, für die der erste Tote offiziell gearbeitet hat. In der Welt der Hedgefonds nennt man ihn 'Pacman', weil er ein Vermögen nach dem anderen verschlingt. Ein Milliardär. Ein motorisierter Schlund, der durch das Finanzlabyrinth rast. Aber auch eine sehr sympathische Figur. Wundert es da, dass Sophie Marx, die aus armen Verhältnissen stammt, während ihrer Recherchen in London mit ihm anbandelt?
"Die Wahrheit war keine gerade Linie. Sie hatte Ecken und Kanten." (448)
Schwarz und Weiß, Licht und Schatten. Wer sind die Guten und wer die Bösen? Es gibt in diesem Buch keine eindeutige Zuordnung. Alle Figuren sind sowohl das Eine als auch das Andere. Nichts ist wie es scheint. Doppelspiel. Bei jedem!
Vor allem anderen so scheint es mir, geht es David Ignatius darum, um Verständnis zu werben. Verständis für das pakistanische Stammesdenken. Verständnis für die dortigen Traditionen, die so ganz anders sind, als hier bei uns. Man liest viele paschtunische Ausdrücke und Redewendungen, die erklärt und übersetzt werden. Geschichtliches und Literarisches. David Ignatius holt weit aus. Ob es Rudyard Kiplings Ballade von Ost und West ist oder John Miltons 'Paradise Lost'.
Wer Action sucht, wir möglicherweise mit diesem Buch nicht glücklich werden. Wichtiger als Verfolgungsjagden oder Tote ist die Darstellung des Tagesgeschäftes. Die akribische, vielleicht auch mühsame Suche nach Fakten. Sackgassen inklusive. Sowohl auf pakistanischer als auch auf amerikanischer Seite.
Mein Fazit:
US-Drohnenangriffe in den pakistanischen Stammesgebieten. Die Versuche der US-Administration den Krieg gegen den Terror doch noch zu gewinnen, wenn nötig auch mit unkonventionellen Methoden. Die Unterschiede zwischen pakistanischen Traditionen bzw. Denken und der amerikanischen Lebenseinstellung. Vorurteile und falsche Verdächtigungen: kann man den Pakistanis trauen?
Auch wenn manche der Figuren etwas blass geblieben sind, mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Der Bezug zum aktuellen Geschehen, die Darstellung des pakistanischen Denkens, all das fand ich sehr gelungen. Empfehlenswert.
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Über den Autor:
Zweimal die Woche werden die Beiträge von David Ignatius in der Washington Post veröffentlicht. Sein Spezialgebiet ist die Aussenpolitik, insbesondere der Nahe Osten. In einem Artikel vom 2. Juni 2012 schreibt Ignatius, dass der neue CIA-Chef David Petraeus, ein früherer Vier-Sterne-General, verantwortlich für den Irak, Centcom und Afghanistan, den Einsatz von Drohnen in den pakistanischen Stammesgebieten eingeschränkt hat. Was nicht zu Begeisterung bei den CIA Counterterrorismus-Leuten geführt hat.