Über das vorliegende Büchlein muss zuallererst deutlich gesagt werden, dass es kaum eine Einführung in die Lehren des Daoismus sein will und ist, als vielmehr eine Geschichte der Entwicklung der einzelnen daoistischen Strömungen von den Anfängen bis heute. Gestützt auf die Erkenntnisse von Text- und Quellenkritik zeichnet Hans van Ess darin den Gang der daoistischen Lehren durch die Zeit nach, wobei sich speziell für die früheren Zeiten bis etwa inklusive der Han-Dynastie ein Bild ergibt, dass doch recht deutlich von dem unterschieden ist, was der Informierte heute gemeinhin als daoistische Lehre versteht. Van Ess zeigt auf, wie, wann und durch welche Personen oder Schriften gewisse Elemente überhaupt erst Eingang in den Daoismus fanden oder aber daraus verschwanden. Aufgrund des vorgegeben knappen Rahmens der Beck'schen Reihe ist dabei zum einen die Informationsdichte sehr hoch und erfordert konzentriertes Lesen, und zum anderen können die Inhalte der Lehren nur knapp angerissen oder gar nur namentlich erwähnt werden. Wer die daoistischen Lehren nicht bereits kennt, wird sie durch dieses Buch kaum kennen lernen und somit wohl nur wenig mit ihm anfangen können.
Dies sei ausdrücklich festgehalten, aber ebenso, dass dies dem Autor nicht zum Vorwurf zu machen ist. Er hat im vorgegebenen knappen Rahmen eine philologische und historische Schrift zum Daoismus vorgelegt, aber keine philosophische oder theologische. Von Lesern, die den Daoismus noch überhaupt nicht kennen, sollte das Buch daher besser gemieden werden, andere werden es aber eine wertvolle Ergänzung finden, die sie mit dem aktuellen Forschungsstand zum Werden des daoistischen Philosophie- und Glaubenssystems vertraut macht.
Wenn man dem Buch irgend einen Vorwurf machen kann, den vielleicht den, dass die Dichte der Information zu religiös-philosophischen Texten, Lehrern und Strömung vielleicht doch etwas zu hoch ist, mehr noch als in den meisten anderen Bänden dieser Reihe. Dies mag vielleicht daran liegen, dass selbst der informierte abendländische Leser nicht intim genug mit chinesischer Geschichte, Kultur und Prosopographie vertraut ist, um die vielen erwähnten Fakten leicht behalten und verarbeiten zu können, man wird aber doch fragen dürfen, ob bei diesem Buch etwas weniger nicht doch mehr gewesen wäre. Vielleicht, doch in Anbetracht von 2500 Jahren Text- und Religionsgeschichte wahrscheinlich doch kaum möglich.
Insgesamt ein sehr informatives und empfehlenswertes Buch zur Entwicklung des Daoismus, wenn auch keinesfalls beiläufig zu lesen. Seine Lektüre bereichert das Wissen dessen, der den Daoismus schont wenigstens in groben Zügen kennt, alle anderen werden mit ihm aber nur sehr wenig anfangen können.