Boston 1865: Der Dichter Henry W. Longfellow arbeitet an der englischen Übersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie". Woche für Woche trifft er sich zusammen mit den übrigen Mitgliedern des frisch gegründeten Dante Clubs zum Diskutieren und Korrigieren seiner jüngst übersetzten Passagen. Gleichzeitig macht sich ein Unbekannter daran, Dante auf seine ganz eigene Art zu "übersetzen" - wesentlich plastischer, aber dafür auch umso blutiger. Ein Serienmörder setzt eiskalt und geradezu detailbesessen die in Dantes "Inferno" beschriebenen Höllenqualen in die Tat um. Die Polizei ratlos. Nur der Dante Club durchschaut das Muster der Taten. Doch wie kommt der Täter an sein Wissen über Dante, wo die "Göttliche Komödie" doch noch gar nicht übersetzt ist? Longfellow und seine Kollegen machen sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem unbekannten Dante-Kenner ...
Pearls Roman liegt eine große Kennerschaft der historischen Umstände zugrunde. Die Tatsache, dass seine wissenschaftlichen Arbeiten über Dante ausgezeichnet wurden und er englische u. amerikanische Literatur in Harvard u. Yale studiert hat, zeigt, dass der Mann weiß wovon er spricht, wenn er sich reale historische Figuren, wie die Dichter, die Mitglieder des Dante Clubs sind, als Protagonisten erwählt. Pearl gelingt der Balanceakt zwischen der Vermittlung historischer und literarischer Hintergründe und einem nervenaufreibenden Thriller.
Dabei muss man Pearl als Leser zugegebenermaßen eine gewisse Aufbauphase für Hintergründe, Plot und Figuren zugestehen. Doch er entschädigt den Leser für seine Geduld, indem er mit dem zweiten Mord seines Serientäters die Spannungsschraube kontinuierlich anzieht. Pearl setzt im Finale ein riesiges Puzzle zusammen, in dem jede Komponente des Romans ihren Platz findet und man kommt nicht umhin, die Konstruktion des Plots zu loben. Pearl lässt sich so leicht nicht in die Karten gucken und hält dadurch die Spannung bis zum Finale aufrecht.
Lobenswert ist auch die Atmosphäre des Jahres 1865. Boston ist gebannt von den Eindrücken des Sezessionskrieges, stetig strömen mehr irische Einwanderer in die Stadt und der öffentliche Nahverkehr kommt mit fortschreitender Geschichte durch eine grassierende Pferdeseuche fast vollständig zum Erliegen. Solche historischen Rahmenbedingungen prägen die Atmosphäre des Romans und sind die besondere Würze des Plots.
FAZIT: Pearl liefert mit seinem Debütroman außerordentlich lehrreiche und fesselnde Spannungslektüre ab. Wer vorher noch nicht viel über Dante und seine "Göttliche Komödie" wusste, erhält, dank Pearls so unterhaltsam eingewobenen Hintergründen zu diesem Thema, eine ganz ordentliche Einführung. Wer "Die Einkreisung" von Caleb Carr mochte, der wird Pearls "Dante Club" lieben, denn Pearl erzählt straffer und weniger langatmig als Carr: historisch, lehrreich, raffiniert und hochgradig spannend.