Die Autorin wird sicherlich keinen Preis für Originalität bekommen, viele Passagen rufen bei langjährigen Fantasylesern leichte Déjà-vu Gefühle hervor, aber das muss und ist bei dieser Geschichte kein Nachteil. Sie ist einfach gut erzählt. Erzählstil und Plot erinnern mich ein wenig an die Darkover Romane von M.Z. Bradley.
Es handelt sich um einen Entwicklungsroman, Haupt.-und Erzählpersonen sind zwei Jugendliche kurz vor ihrem Eintritt in die Erwachsenwelt, die Herkunft könnte unterschiedlicher nicht sein. Mit diesem Kniff schafft es die Autorin einen guten Überblick über die Gesellschaftsstrukturen ihrer Welt zu schaffen, die klare Anlehnungen an das mittelalterliche Schottland enthält.
Die Handlungen sind im Kontext ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Umstände jederzeit glaubwürdig und nachvollziehbar, auch wen man als Leser über die manchmal auftretende Naivität der Erbprinzessin Raisa und des Straßenkinds Han manchmal verzweifel möchte. Was ich nicht ganz nachvollziehen konnte, wieso erkennen beide die Existenz von magischen Amuletten in ihrem Besitz erst nachdem sie sozusagen mit der Nase darauf gestoßen wurden, aber dies bleibt ein kleiner Schönheitsfehler in einer sehr gut aufgebauten Geschichte.
Ein kleiner Kritikpunkt betrifft die Übersetzung von "Naéming" mit "Fuegung", eigentlich ist mit diesem altenglischen Begriff ein Vertrag oder eine Übereinkunft gemeint, was uns die Übersetzerin mit dem Begriff "Fuegung" sagen wollte entzieht sich mir. Ansonsten halte ich die Übersetzung für sehr gelungen und stimmig, insbesondere weil auf die Eindeutschung von Namen und Begriffen verzichtet wurde, wie es in neuen Übersetzungen, s. z.B."Lied von Eis und Feuer" neuerdings häufiger gemacht wird.
Schon lange habe ich keinen Roman mehr mit so viel Genuss in einem Rutsch durchgelesen, auch wen einige Wendungen vielleicht etwas durchsichtig waren. Die Protagonisten sind auf ihre Art sympathisch und eignen sich als Identifikationsfiguren, man möchte einfach wissen wie es weiter geht und auch viele der Nebenfiguren sind gut ausgearbeitet. Ich muss dem Verriss von BRAIN in soweit recht geben, er hat wirklich ein anderes Buch gelesen und natürlich ist es kein Gemmell oder Abercrombie, das war aber wohl auch nie die Absicht.
Ein kleiner Tipp am Rande, auf der Webseite der Autorin findet sich eine Karte der Welt, die im Kindle leider fehlt.