Auf dem Buchrücken des aktuellen Kerr-Thrillers prangt großzügig der Aufdruck, Kerr schriebe die intelligentesten Thriller seit Jahren. Dies hängt die Messlatte für den Coup sehr hoch, kommt aber nicht von ungefähr, da sich Philip Kerr tatsächlich durch ausgefeilte, spannende und atmosphärisch dichte Thriller auszeichnet. Ich erinnere nur an "Newtons Schatten", in welchem Kerr uns in das alte England versetzt, wo wir Newton als eine Art Sherlock Holmes kennen lernen -grandios! Leider spielt der Coup in der heutigen Zeit und verspielt daher schon einiges Potenzial, aber sehen wir uns dies genauer an:
Bob Clarenco ist Multimillionär und für unseren Geschmack daher steinreich, doch bei einem Börsencrash hat er einen Großteil seines Vermögens verloren und möchte nun endlich wieder in die Riege der Milliardäre aufsteigen. Dazu braucht er die toughe Köchin Eve Merlini, die ihren Mann inflagranti erwischt, ihre Nebenbuhlerin mit Krebsen bedroht und die auftauchenden Polizisten überwältigt hat. Eve landet daraufhin im Gefängnis, aber auch in den Schlagzeilen, was Clarenco auf sie aufmerksam macht.
Er plant einen Coup, der es in sich hat. Clarenco stellt ein eigenes Cateringteam unter Eves Leitung auf, um bei Wallenbergs Wochenend-Retreat das Catering übernehmen zu können. An diesem Wochenende versammeln sich nämlich die 20 reichsten Männer der Welt und feiern ihren Reichtum. Doch dieses Jahr soll alles anders sein, denn das Cateringteam überwältigt die Milliardäre und hält sie als Geiseln, um unglaubliche Forderungen zu erpressen...
Klingt alles nach einem herkömmlichen Geiseldrama? Mag sein, doch Philip Kerr wäre nicht Philip Kerr, wenn er sich nicht einige Rafinessen ausdenken würde und so ist es auch hier, denn hinter dem Geiseldrama steckt viel mehr. Eigentlich soll keiner zu Schaden kommen, um Clarencos Plan wahr werden zu lassen. Erst spät erfahren wir die wahren Pläne der Entführer und sind einfach nur überrascht. Philip Kerr erfreut uns hier mit einer überraschenden und interessanten Wende, die der Geschichte eine neue und spannende Richtung gibt.
Etwas ermüdend dagegen sind die Fakten aus der Finanzwelt, die höchstwahrscheinlich nur Börsenfanatiker interessieren dürften, denn Kerr geht hier manchmal zu sehr in die Details. Zugute halten müssen wir ihm hier aber, dass er recht offen die Finanzwelt kritisiert, in welcher die reichsten Männer der Welt eine unglaubliche Macht haben und das Börsengeschehen bestimmen können.
Philip Kerr erzählt kurzweilig und interessant, sodass er uns durchaus mitreißen kann, allerdings entwickelt er keine so dichte Atmosphäre, wie er das in "Newtons Schatten" geschafft hat, der "Coup" bleibt oberflächlicher und arbeitet mit schablonenhaften Figuren, die nicht authentisch wirken und uns daher nur wenig ans Herz wachsen.
Am Ende präsentiert uns Kerr ein fulminantes Finale, in welchem sich die Ereignisse überschlagen, was allerdings sehr ermüdend wirkt, Kerr übertreibt es hier und kann daher mit all den finalen Wendungen nicht mehr überzeugen. Weniger wäre hier mehr gewesen.
So bleibt festzuhalten, dass der Coup zwar unterhaltsam und spannend ist und durchaus mit innovativen Ideen aufwarten kann, dennoch würde ich mir wünschen, dass Kerr sich wieder historischen Thrillern oder Kriminalgeschichten widmet, rasante Thriller in einfachen Sätzen schreiben einfach schon zu viele Autoren, Kerr aber kann mehr und das sollte er auch ausnutzen.