Aus der Amazon.de-Redaktion
Das Opfer ist ein FBI-Agent, der in einem Transvestiten-Nachtclub skalpiert wird. Er kommt mit dem Leben davon, aber bei der Täterbeschreibung hat er ein Problem: War es eine Frau oder ein Mann, die/der ihm die Haut vom Kopf gezogen hat? Thor Voelcker, ein schwarzer Polizist, wird mit den Ermittlungen beauftragt. Seine Quellen sind eine transsexuelle Ethnologin vom Stamm der Sequoyah, die ihm die Ritualkultur der Indianer näherbringt, und eine Drag Queen mit Latino-Herkunft. Schon hat man die bizarre Dreieckskonstellation, die diesen Roman strukturiert, ein dreieckiges Verwirrspiel Mann/Frau zwischen den Informanten und einem Detektiv, der sich bei seinen Undercover-Recherchen als Journalist ausgibt.
Roes' Roman ist ziemlich kompliziert. Whodunnit? Die klassische Krimifrage bleibt so unentscheidbar wie das Spiel der Geschlechter, das sich durch den Roman zieht. Liebhaber klassischer Entlarvungsliteratur werden möglicherweise enttäuscht sein. Viel eher als von der Suche nach dem Attentäter handelt sein Buch vom Rassismus, von sexuellen Vorurteilen und moralischer Korruption in einer Vielvölkergesellschaft. New Leyden heißt der Moloch, in dem sich alles zuträgt, aber Roes macht aus der Anspielung auf New York keinen Hehl. Die neuen Leiden der Identität in Amerika sind die alten, der clash der Kulturen: weiß, schwarz, gelb, rot, männlich, weiblich.
Michael Roes weiß viel, und seinem Ethno-Triller merkt man das an. Was mir davon bleibt ist ein voller Notizzettel, der die Navigation durch das Buch erleichtert hat, vertiefte Kenntnisse der Geschichte und Praxis des Skalpierens und die Atemlosigkeit angesichts grandios erzählter Passagen. Und ich weiß jetzt, was Berdache bedeutet. Verraten wird das hier nicht. Lesen Sie nach, es könnte sich lohnen! --Nikolaus Stemmer
Neue Zürcher Zeitung
Michael Roes' Ethno-Roman
Wer weiss, was eine «Berdache» ist? Mein zehnbändiges Volkslexikon gab nichts darüber preis. Nach der Lektüre von knapp fünfhundert Seiten des neuen Romans von Michael Roes weiss man Bescheid. Noch mehr allerdings weiss man über die Kunst und Gepflogenheit des Skalpierens, darüber, wie sich Transvestiten schminken, und über den U-Bahn-Fahrplan von New York, uptown und downtown. Es ist ein durchaus lehrreiches Buch, wie schon die früheren Bücher von Michael Roes der Versuch einer Synthese von ethnologischem Forschungstext und Roman waren.
Dass es zwischen beiden Seiten dem erzählerischen Fabulieren und der völkerkundlichen Beobachtung eine naheliegende Verbindung gibt, weiss man aus Texten von Malinowski, teilweise auch von Levi-Strauss oder erfährt es, in reflektierter Form, bei Leiris. Es ist eine Verbindung, die sich im Hirn des Forschers herstellt, wenn sich in die sachliche Untersuchung der voyeuristische Genuss, in die wissenschaftliche Erkenntnis der erotische Wunschtraum mogelt.
Michael Roes begibt sich gar nicht erst auf die Ebene des schriftlichen Forschungsberichts. Bei ihm findet die Forschung direkt im Hirn seiner Protagonisten statt: die denken, sprechen oder schreiben nun das, was ihr Autor ihnen an Quellenmaterial zugemessen hat. Sie dienen also sowohl als Romanfiguren wie als Quellentext, sie sind Medium und Nachricht, Wunschtraum und Wirklichkeit in einem.
Das Buch besteht aus drei Arten von Mitteilungen, erzählt von drei Hauptfiguren mit drei verschiedenen Hautfarben, aus drei Perspektiven, die sich säuberlich abwechseln. Es beginnt mit der geschriebenen Mitteilung: eine Art Berichtsheft, verfasst auf Bitten des Ethnologen Ellison von der Indianerin Joan Bayou (bzw. des Indianers John Bayou) Vertreter einer analphabetischen Kultur also, Dozentin an der Uni und bewandert in den alten Traditionen. Als zweites folgt die gesprochene bzw. akustische «Quelle» oral history, gewissermassen: Der weisse Transvestit Elektra bzw. Elbert Late spricht seine Mitteilung auf ein Diktiergerät, als Material für den Sensationsjournalisten Ellison. El, wie sie genannt wird, war einst Lehrerin für alte Sprachen, tritt als Drag Queen in einem Nachtlokal auf und führt im übrigen ein bürgerliches Familienleben mit Frau und Kindern.
Die dritte Form der Mitteilung ist die reflexive und ermittelnde: Der schwarze Polizist und Psychologe Thor Voelcker die Namen in diesem Roman deuten stets in irgendeine Tiefe untersucht den Angriff auf einen FBI-Agenten in einem Sexlokal. Der Mann überlebte, allerdings ohne seinen Skalp. Voelcker, mit einem schönen Gruss an Thomas Pynchon V. genannt, referiert seine Ermittlungen und sich selbst in der dritten Person. Dabei hätte der Autor höchstselbst die Chance in der heillosen Verquickung von Material, Kommentar und Handlung, ein wenig methodische Quellenkritik zu betreiben. Er nimmt sie aber nicht wahr. Im Grunde wirft das Buch von Anfang an zwei Fragen auf. Erstens, natürlich, was zum Teufel nun eine Berdache ist, und, zweitens, die Frage, ob aus alledem, was da zu lesen ist, eine Geschichte entstehen wird.
Der Antwort der ersten Frage kann man mit einiger Gelassenheit entgegensehen, denn, das ist schon nach wenigen Seiten klar (und auch aus früheren Büchern bekannt), dieser Autor hat solchen Spass daran, seine ethnologischen und sonstigen Weisheiten darzulegen, dass er sich die Gelegenheit bestimmt nicht entgehen lassen wird, auch das Wissen, um die Berdaches dem Lesevolk mit Gründlichkeit darzulegen. Die zweite Frage aber betrifft das Erzählen, betrifft die Kunst des Erzählens, welche nun mal etwas ganz anderes ist als das Von-sich-Geben von Wissen und Weisheiten oder das verbale Abschnurren einer Handlung.
Michael Roes hat sich nach dem Umzug seines Ein-Personen-Feldforschungsinstituts aus der arabischen in die Neue Welt mit einer Fülle von Material versehen und begeht den entscheidenden Fehler, es auch seinem Buch zur Gänze aufzuladen. Einen Unterschied zwischen Spekulationen, Vorurteilen, Geschwätz und Fachwissen macht er dabei nicht. So teilen die Roten, die Weissen und die Schwarzen (den Tupfer Gelb im dreifarbigen Zopf nicht zu vergessen) einfach mit, was ihnen nach Massgabe ihres Autors so alles zueinander einfällt. Schwarz über Weiss: «Ja, ihr ständiger Hunger nach Bestätigung, ihr übertriebenes Imponiergehabe, ihre plumpen Annäherungs- und Umarmungsversuche, unsichere, schuldbewusste und aus diesem Grunde wohl grausame Kinder.» Über Schwarz: «. . . starren die Männer vor sich hin, als würden sie in Gedanken vollkommen abwesend sein, vielleicht auf einer Baumwollplantage in Virginia, vielleicht in einem Kral an der Elfenbeinküste.»
Für einen Autor hat Rollenprosa, mag sie noch so abscheulich falsche Konjunktive enthalten, immerhin den Vorteil, dass er sich für die sprachliche Unfähigkeit seiner Figuren nicht selber schämen muss. Auch für die poetischen Entgleisungen («das tiefschwarze Sammet des Weltenraums») und unappetitlichen Nichtwörter («die schimmelige Toastfarbe der Wolkenlaiber») der Elektra Late darf man ihren Autor leider nicht verantwortlich machen. Das Problem aber ist, dass Michael Roes sich in diesem Buch seiner Verantwortung als Autor überhaupt entzieht. Er häuft Material an und sortiert es nicht nach seiner Brauchbarkeit: man kann weiss Gott viel sagen und schreiben über geschlechtliche Ambivalenz, über rassische und geschlechtliche Identität. Man kann sogar so naseweis flaches Zeug schreiben wie: «Doch scheint mir, ich sei die einzige Melancholikerin in diesem Grossraumwagen. Feminität und Melancholie sind Schwestern. Beide suggerieren einen Mangel.» Es ist immer nur Rollenprosa.
Michael Roes häuft auch Handlungen an, Eigenschaften und Phantasien, aber er verankert sie in keinem Charakter. Er lässt sein Personal zwar raunen und munkeln und verdunkeln und herumphilosophieren und schickt es tief in die Abgründe der Seele aber dort lässt er es ohne literarisch kompetente Begleitung. Ihre Gewalttaten bleiben unerklärlich, beschrieben wie Protokolle eines unverständlichen, aber offenbar notwendigen Rituals. Was machen die Leute da? Nun, sie tun, was sie in Krimis tun oder auch bei Karl May, trotz ihrer erzählerisch so viel mehr versprechenden geschlechtlichen Ambivalenz, Destruktivität und Irrationalität.
So schwankt dieses überladene Vehikel von einem Roman dahin, vom Kutscher verlassen, und verliert sich gewissermassen in der Prärie. Oder in der U-Bahn. Oder in den unbewussten Verzweigungen geschlechtlicher und rassischer Identitäten. Nein, so entsteht keine Geschichte. Michael Roes hat wieder einmal mit Wissen geprunkt und als Romancier enttäuscht.
Katharina Döbler
Kurzbeschreibung
Joan Bayou und Elektra machen sich auf die Suche nach Voelcker und kommen dabei einer Verschwörung des FBI auf die Spur.
Der Autor Michael Roes nutzt die Maske des Thrillers, um tiefergehenden Auseinandersetzungen Raum zu geben und die Frage nach möglichen Identitäten neu zu stellen.