Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Roman beginnt wie ein Action-Thriller: eine Frau (oder ist es ein Mann) steht auf dem Bahnsteig in New York und beobachtet einen Mord durchs Fenster des gegenüberliegenden Wohnblocks. Im Sex-Club THE MEAT im alten Fleischereidistrikt der Stadt wird ein FBI-Agent bei lebendigem Leib skalpiert, von einem Täter unklaren Geschlechts. Polizeipsychologe und "Revierbulle" Voelcker, Afro-Amerikaner, ist mit der Aufklärung des Falles betraut. Indem er sich als Ethnologe Ellison ausgibt, bittet er, bevor er selbst zwischen alle Fronten gerät und verschwindet, zwei Personen unklaren Geschlechts, ihre Erfahrungen aufzuschreiben: Joan oder John Bayou, die indianische Anthropologin, eine Berdache, was bedeutet: nicht Mann, nicht Frau. Und die Drag Queen Elektra, eigentlich Elbert Late, im bürgerlichen Leben glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder, abends aber geschminkter stöckelnder Star im MAD COW. Joan Bayou schreibt in Hefte, besonders ausführlich über Riten, Welterfahrung und kulturelle Wurzeln ihres Volkes, der Sequoyah. Elektra spricht ihre Vorstellungen über die fließenden Grenzen zwischen den Geschlechtern in ein Tonbandgerät. Voelcker selbst erzählt seine Sicht der Dinge aus dem Untergrund, der U-Bahn; die Haltestellen gliedern den Text.
Der Leser muss sich nun aus diesen drei Informationsquellen selbst das Geschehen zusammenreimen, das sich ihm spannend wie ein Krimi, aber in raffinierter Lückenhaftigkeit darbietet. Man tastet sich durch den Dschungel New Yorks wie ein Stadtindianer, von spärlichen Indizien und Andeutungen eher verwirrt als geleitet. Zwar schält sich am Ende der Kern des Falles heraus: Eine alte Rechnung ist zu begleichen zwischen den Indianern und dem FBI. Die Berdache will in einem gewagten Coup die Gerechtigkeit wiederherstellen, bringt dabei aber Ereignisse ins Rollen, die zu einem gewaltigen Blutbad zu eskalieren drohen. Nicht alle Rätsel gehen aber am Ende auf, abrupt bricht der Roman ab, die Handlungsfäden hängen lose vor dem gründlich verstörten Leser, der nur eines sicher weiß: dass seine Verstörung beabsichtigt ist.
Dass die Erscheinung der Dinge nur selten mit ihrem Wesen übereinstimmt, wissen Sie bereits. Dass die Erscheinung der Dinge aber Teil ihres Wesens ist, beschreibt womöglich am einfachsten die Essenz der kommenden Lektionen. Was der Polizeipsychologe Voelcker im Roman seinen Schülern ans Herz legt, kann sich der Leser gleich selber hinter die Ohren schreiben. Er erhält eine sehr eindrückliche Lektion in der Erschütterung seiner Vorurteile und Gewissheiten. Nicht umsonst sind die drei Erzähler, denen der Autor die Darstellung seiner Geschichte anvertraut, allesamt Lehrer oder Dozenten. Alle drei haben selbst eine doppelte Identität und widmen sich, jeder auf seine Weise, ihrer noch ganz in ihren Anfängen stehenden Erziehungsaufgabe: den Blick zu öffnen für die Vielgestaltigkeit der Welt; zu zeigen, wie flüchtig und fehlbar unsere Denkkategorien sind, die konventionellen Unterscheidungen nach Rasse, Geschlecht und Kultur. Das Denken in Gegensätzen schärft das Verständnis für die Widersprüchlichkeit dessen, was wir Identität nennen. Der Mensch ist nicht festgelegt. Er hat Nachtseiten, die er auslebt, real oder in der Fantasie, so wie auch Gewalt und Grausamkeit in ganz verschiedenen Formen und Funktionen auftreten können: entwürdigend als Tritt eines Polizisten, naturgewaltig-erhebend im Zubiss des Wolfes in der Wildnis, kulturprägend beim Brauch des Skalpierens. Marterrituale, bei den Indianern sinnstiftende Tradition, verflachen bei den Freizeitmasochisten der New Yorker Sex-Clubs zur finalen Epiphanie des amerikanischen Traums. Auf dem Weg in die androgyne Gesellschaft verwischt sich auch die Grenze zwischen den Geschlechtern. In der Spannung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Pol gibt es mehr Möglichkeiten, als man sich gemeinhin träumen lässt.
Michael Roes, Doktor der Philosophie, bewegt sich bewusst zwischen Theorie und Fiktion. Sein letzter Roman Rub'al-Khali, Leeres Viertel (1996, mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet), war zugleich seine Habilitationsschrift. Was dort die Theorie des Spieles war, ist hier nun eine auf ethnologische Recherchen gegründete, breit angelegte Reflexion über die menschliche Identität in der Gesellschaft. Allerdings passt sich das wissenschaftliche Material in dem neuen Roman organischer in den Gang der Handlung ein. Die erzählerische Potenz des Autors fügt die Teile zu einem beeindruckenden Ganzen zusammen. Mit fundiertem Insiderwissen, zugleich aber auch mit dem forschenden Auge des Außenseiters skizziert der Deutsche Michael Roes den Schauplatz New York (im Roman New Leyden genannt). Roes kennt die Brutalitäten des Polizeisystems, er weiß Bescheid über die Niederungen, die Untergründe, und hat sich eingefühlt in die schwierige Psychologie des Rassengemisches.
Die Wahrnehmung selektiert subjektiv, erklärt der Polizeipsychologe seinen Schülern. Dem entspricht die konsequente Perspektivtechnik des Romans mit ihren drei subjektiv selektierenden Blickwinkeln. Dabei entstehen Szenen schön und scharf konturiert wie Filmsequenzen, etwa die Ankunft Elektras im Sequoyah-Reservat, der Auftritt der Drag Queen im engen gelben Chiffonkleid eine Art High Noon im Indianerstädtchen, von Joan/John Bayou beobachtet wie mit dem fokussierenden Auge einer Kamera. Das Tonband, auf das Elektra spricht, enthält ganz naturalistisch auch Nebengeräusche wie Lautsprecherdurchsagen der U-Bahn oder den Mitschnitt des Polizeifunks. Wird aber kurz vor einem erhellenden Geständnis der Aus-Knopf gedrückt, bleibt auch der Leser ausgeschlossen. Einen über dem Ganzen stehenden Berichterstatter gibt es nicht; auch die drei ohnehin schon mittelbaren Erzähler verschwinden gelegentlich völlig, wenn sich die Berichte in Dialoge auflösen. Die Klarheit der sorgfältig gebauten Sätze steht in umgekehrtem Verhältnis zur Undurchsichtigkeit des Gesagten. Die Wirkung ist so faszinierend wie irritierend. Rückblicke, Erinnerungen sind in verblüffendem Präsens erzählt, vielleicht um dem Zeitempfinden der Sequoyah zu entsprechen. So entsteht ein Erzählgeflecht, wo Realität und Vision nicht grundsätzlich getrennt sind und auch die Zeit keineswegs linear verläuft -- ganz nach der atavistischen Logik der Indianer. --Eva Leipprand
Neue Zürcher Zeitung
Die Kunst des Skalpierens
Michael Roes' Ethno-Roman
Wer weiss, was eine «Berdache» ist? Mein zehnbändiges Volkslexikon gab nichts darüber preis. Nach der Lektüre von knapp fünfhundert Seiten des neuen Romans von Michael Roes weiss man Bescheid. Noch mehr allerdings weiss man über die Kunst und Gepflogenheit des Skalpierens, darüber, wie sich Transvestiten schminken, und über den U-Bahn-Fahrplan von New York, uptown und downtown. Es ist ein durchaus lehrreiches Buch, wie schon die früheren Bücher von Michael Roes der Versuch einer Synthese von ethnologischem Forschungstext und Roman waren.
Dass es zwischen beiden Seiten dem erzählerischen Fabulieren und der völkerkundlichen Beobachtung eine naheliegende Verbindung gibt, weiss man aus Texten von Malinowski, teilweise auch von Levi-Strauss oder erfährt es, in reflektierter Form, bei Leiris. Es ist eine Verbindung, die sich im Hirn des Forschers herstellt, wenn sich in die sachliche Untersuchung der voyeuristische Genuss, in die wissenschaftliche Erkenntnis der erotische Wunschtraum mogelt.
Michael Roes begibt sich gar nicht erst auf die Ebene des schriftlichen Forschungsberichts. Bei ihm findet die Forschung direkt im Hirn seiner Protagonisten statt: die denken, sprechen oder schreiben nun das, was ihr Autor ihnen an Quellenmaterial zugemessen hat. Sie dienen also sowohl als Romanfiguren wie als Quellentext, sie sind Medium und Nachricht, Wunschtraum und Wirklichkeit in einem.
Das Buch besteht aus drei Arten von Mitteilungen, erzählt von drei Hauptfiguren mit drei verschiedenen Hautfarben, aus drei Perspektiven, die sich säuberlich abwechseln. Es beginnt mit der geschriebenen Mitteilung: eine Art Berichtsheft, verfasst auf Bitten des Ethnologen Ellison von der Indianerin Joan Bayou (bzw. des Indianers John Bayou) Vertreter einer analphabetischen Kultur also, Dozentin an der Uni und bewandert in den alten Traditionen. Als zweites folgt die gesprochene bzw. akustische «Quelle» oral history, gewissermassen: Der weisse Transvestit Elektra bzw. Elbert Late spricht seine Mitteilung auf ein Diktiergerät, als Material für den Sensationsjournalisten Ellison. El, wie sie genannt wird, war einst Lehrerin für alte Sprachen, tritt als Drag Queen in einem Nachtlokal auf und führt im übrigen ein bürgerliches Familienleben mit Frau und Kindern.
Die dritte Form der Mitteilung ist die reflexive und ermittelnde: Der schwarze Polizist und Psychologe Thor Voelcker die Namen in diesem Roman deuten stets in irgendeine Tiefe untersucht den Angriff auf einen FBI-Agenten in einem Sexlokal. Der Mann überlebte, allerdings ohne seinen Skalp. Voelcker, mit einem schönen Gruss an Thomas Pynchon V. genannt, referiert seine Ermittlungen und sich selbst in der dritten Person. Dabei hätte der Autor höchstselbst die Chance in der heillosen Verquickung von Material, Kommentar und Handlung, ein wenig methodische Quellenkritik zu betreiben. Er nimmt sie aber nicht wahr. Im Grunde wirft das Buch von Anfang an zwei Fragen auf. Erstens, natürlich, was zum Teufel nun eine Berdache ist, und, zweitens, die Frage, ob aus alledem, was da zu lesen ist, eine Geschichte entstehen wird.
Der Antwort der ersten Frage kann man mit einiger Gelassenheit entgegensehen, denn, das ist schon nach wenigen Seiten klar (und auch aus früheren Büchern bekannt), dieser Autor hat solchen Spass daran, seine ethnologischen und sonstigen Weisheiten darzulegen, dass er sich die Gelegenheit bestimmt nicht entgehen lassen wird, auch das Wissen, um die Berdaches dem Lesevolk mit Gründlichkeit darzulegen. Die zweite Frage aber betrifft das Erzählen, betrifft die Kunst des Erzählens, welche nun mal etwas ganz anderes ist als das Von-sich-Geben von Wissen und Weisheiten oder das verbale Abschnurren einer Handlung.
Michael Roes hat sich nach dem Umzug seines Ein-Personen-Feldforschungsinstituts aus der arabischen in die Neue Welt mit einer Fülle von Material versehen und begeht den entscheidenden Fehler, es auch seinem Buch zur Gänze aufzuladen. Einen Unterschied zwischen Spekulationen, Vorurteilen, Geschwätz und Fachwissen macht er dabei nicht. So teilen die Roten, die Weissen und die Schwarzen (den Tupfer Gelb im dreifarbigen Zopf nicht zu vergessen) einfach mit, was ihnen nach Massgabe ihres Autors so alles zueinander einfällt. Schwarz über Weiss: «Ja, ihr ständiger Hunger nach Bestätigung, ihr übertriebenes Imponiergehabe, ihre plumpen Annäherungs- und Umarmungsversuche, unsichere, schuldbewusste und aus diesem Grunde wohl grausame Kinder.» Über Schwarz: «. . . starren die Männer vor sich hin, als würden sie in Gedanken vollkommen abwesend sein, vielleicht auf einer Baumwollplantage in Virginia, vielleicht in einem Kral an der Elfenbeinküste.»
Für einen Autor hat Rollenprosa, mag sie noch so abscheulich falsche Konjunktive enthalten, immerhin den Vorteil, dass er sich für die sprachliche Unfähigkeit seiner Figuren nicht selber schämen muss. Auch für die poetischen Entgleisungen («das tiefschwarze Sammet des Weltenraums») und unappetitlichen Nichtwörter («die schimmelige Toastfarbe der Wolkenlaiber») der Elektra Late darf man ihren Autor leider nicht verantwortlich machen. Das Problem aber ist, dass Michael Roes sich in diesem Buch seiner Verantwortung als Autor überhaupt entzieht. Er häuft Material an und sortiert es nicht nach seiner Brauchbarkeit: man kann weiss Gott viel sagen und schreiben über geschlechtliche Ambivalenz, über rassische und geschlechtliche Identität. Man kann sogar so naseweis flaches Zeug schreiben wie: «Doch scheint mir, ich sei die einzige Melancholikerin in diesem Grossraumwagen. Feminität und Melancholie sind Schwestern. Beide suggerieren einen Mangel.» Es ist immer nur Rollenprosa.
Michael Roes häuft auch Handlungen an, Eigenschaften und Phantasien, aber er verankert sie in keinem Charakter. Er lässt sein Personal zwar raunen und munkeln und verdunkeln und herumphilosophieren und schickt es tief in die Abgründe der Seele aber dort lässt er es ohne literarisch kompetente Begleitung. Ihre Gewalttaten bleiben unerklärlich, beschrieben wie Protokolle eines unverständlichen, aber offenbar notwendigen Rituals. Was machen die Leute da? Nun, sie tun, was sie in Krimis tun oder auch bei Karl May, trotz ihrer erzählerisch so viel mehr versprechenden geschlechtlichen Ambivalenz, Destruktivität und Irrationalität.
So schwankt dieses überladene Vehikel von einem Roman dahin, vom Kutscher verlassen, und verliert sich gewissermassen in der Prärie. Oder in der U-Bahn. Oder in den unbewussten Verzweigungen geschlechtlicher und rassischer Identitäten. Nein, so entsteht keine Geschichte. Michael Roes hat wieder einmal mit Wissen geprunkt und als Romancier enttäuscht.
Katharina Döbler
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.