Obwohl ich schon ab und an ein Buch des Genres Fantasy lese, war ich noch nie sonderlich angetan von Drachen. Die stereotypischen Geschichten von einem muskulösen Helden, der jene Geschuppten würgt und großbrüstige Kriegerinnen besiegt, haben mich einfach nie aus den Socken gerissen. Dass es auch anders geht, beweißt Jo Walton. Überraschungen über Überraschungen versüßten mir das Lesen dieses Buches, auch wenn mich das Konzept anfangs gar arg gewundert hat. Statt sinnloser Prügelei, statt Gut gegen Böse, wandeln Drachen in den Schuhen von Menschen. Doch leider ist das Buch eher selten in der Buchhandlung anzutreffen. Trotz der sehr amüsanten Idee, ist das Werk in einer etwas gewöhnungsbedürftigen Art als Taschenbuch gebunden, und durch die Festigkeit lässt sich das Buch nicht gerade lange strapazieren. Vorsicht wäre also angesagt.
Schon der Anfang läutet ein eher gewaltfreies Handeln ein, auch wenn man das nicht unbedingt von dem Genre gewohnt ist. In einer Höhlenszenerie sehen wir den großen Bon Argonin, der von seinem ältesten Sohn Penn sanft in den Tod begleitet wird. Der Bruch mit dem Kanon der Kirche und den recht unorthodoxen Beichten des alten Vaters, wird Penn im wahrsten Sinne des Wortes ein Damoklesschwert über den Kopf gehangen. Wie ernst die Lage aber erst wird, zeichnet sich durch seine Schwester Berend ab, deren Gatte nach alter Sitte den Leichnam des just verstorbenen Bon Argonin größtenteils ausschlachtet. Es ist so üblich, das adelige Drachen die Leichname ihrer Eltern fressen, da sie nur so wachsen und stark werden können. Den Stand und die Stellung sind allein den Dingen unterworfen, wie mächtig ein Drachen über andere ist. Fans der eigentlichen Fantasy brauchen also nicht zu bangen. Die Drachen sind nicht etwa verweichlicht, sondern Walton hat einfach geschickt den Mythos Drache in das viktorianische Zeitalter eingeflochten. Ihr Schreibstil ist erfrischend und humorvoll, obgleich er seinesgleichen vergeblich in den großen Gesellschaftsromanen des vergangenen Jahrhunderts sucht. Typische soziale Probleme werden trotz ihrer Darstellung mit Drachen deutlich. Der Tyrannei der Adeligen über die Arbeiterklasse, der Fluch und Segen der Industrialisierung, das Verschwinden der religiösen Gefühle und sogar die Rolle der Frau werden ausführlich behandelt. Wir nehmen unweigerlich Anteil der beiden jüngsten Schwestern Haner und Selendra, die einen Packt zum Schutz beider schließen. Während Haner unter der Fuchtel Berends leben muss und sie dem Zwang der familiären Zensur auferliegt, muss Selendra sich gegen die Bissigkeiten der großen Benandi zur Wehr setzen, die die Schirmherrin Penns und dessen Frau ist. Zwischendurch und auch ganz allgemein geht es drunter und drüber. Eine Liebelei jagt die nächste und die gesellschaftlichen Tabus werden gebrochen, wie nie. Sogar wir Menschen bekommen eine dezente Rolle: Wir als "Yargen" haben ursprünglich die Drachen christianisiert(!). Obwohl ich den Roman mit gemischten Gefühlen angefangen habe, war ich schnell belustigt. Drachen anstatt Menschen zu benutzen, hat durchaus seinen Reiz und das der Roman durchaus sehr romantisch ist, wird letztendlich durch die gesellschaftskritischen Töne wieder aufgewogen.
Einziger Wehrmutstropfen ist wohl das überhastete Ende. Hat sich der Werdegang Avans als Ankläger erst einmal in die Länge gezogen, wird plötzlich allzu sehr das Edikt beschleunigt. Zeichnete sich am Anfang ein gefährliches Ringen ab, so löst sich verwunderlicher Weise alles in Dampf auf. Obwohl ich einem glücklichen Ende absolut nicht abgeneigt bin, ging wir das alles einfach zu schnell. Ein paar Seiten mehr hätten dem ganzen durchaus keinen Abbruch getan. Trotzdem bin ich sehr begeistert von dem Buch, in das sehr viel Liebe geschrieben wurde. Hat man sich erst einmal mit der gewöhnungsbedürftigen Idee ausgesöhnt, kann das Werk gewaltigen Spaß machen.
Fazit: Pointiert, humorvoll und warmherzig geschrieben. Ein Buch zum Schmökern, in dem zwar kritische Akzente mitschwingen, aber doch dann eher die Unterhaltung überwiegt. Wer sich mal auf etwas Neues einlassen möchte und nicht gar zuviel Abenteuer und Kampf erwartet, für den kann "Der Klan der Klauen" durchaus interessant sein. Doch für hartnäckige Fans der Heroic-Fantasy oder der klassischen Fantasy ist es bei beleibe nichts. Für sie könnte die Handlung äußerst langweilig und zu sehr gesellschaftlich sein, zumal die eigentlichen Spielregeln von Tolkien und Co. absolut nicht beachtet werden.