Aus der Amazon.de-Redaktion
Henning Mankell -- mit seinen Stories um den Kult-Kommissar Kurt Wallander dauerhaft auf den einschlägigen Bestseller-Listen vertreten -- präsentiert sich also seinen Fans hier nicht als Krimi-Autor, sondern als poetischer Anwalt der Chancenlosen: Derer, die gezwungen sind, "das Leben roh zu essen". Trotz aller Tragik des Sujets gleitet der Romancier, der dem heimischen Schweden zeitweise den Rücken kehrt, um in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo Theaterstücke zu inszenieren, aber nicht in schwermütige Betroffenheitsprosa ab. Es darf -- mit anderen Worten -- auch gelacht werden: Über die Tomaten- und Zwiebelkulturen beispielsweise, die in Mandiocas Hosentaschen hervorragend gedeihen. Oder über den schwerfälligen Tristeza, der eine Bank gründen will und dem Nelio für den Fall, dass er seine Denkgeschwindigkeit steigert, erst einmal ein Paar Turnschuhe verspricht.
Vor allem aber bekennt sich Der Chronist der Winde -- in Schweden mit dem Sveriges-Radio-Romanpreis 1996 ausgezeichnet -- bedingungslos zur Kraft der Träume: "Man kann fliegen, ohne sichtbare Flügel zu haben, dachte Nelio. Die Flügel sind in uns, wenn uns vergönnt ist, sie zu sehen." --Christine Wahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
»Die Botschaft des Stückes lautet: Das Elend der um ihr Leben kämpfenden Kinder resultiert aus Unwissenheit und Zivilisationsferne, mithin aus der Gleichgültigkeit der Reichen auf der Welt.« Toni Meissner in der Abendzeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Der Autor über sein Buch
"Seitdem hat sich natürlich meine Beziehung zu Afrika verändert und vertieft und ist zu einem entscheidenden Teil meiner Identität als Schriftsteller geworden. Nun stehe ich sozusagen ziemlich breitbeinig da, mit dem einen Fuß im Schnee und dem anderen im Sand" , sagt Mankell.
Seit Jahren lebt er nun die Hälfte des Jahres in Afrika und leitet das Theater in Maputo. Diese Arbeit bedeutet ihm ebensoviel wie das Schreiben, denn Mankell möchte hier auf eine andere Art Geschichten erzählen. "Ich habe hervorragende Schauspieler, die problemlos Shakespeare in Europa spielen könnten", meint er. In einem Land, wo der Analphabetismus durch die Armut noch weit verbreitet ist, sieht er das Theater auch als Mittel, den Menschen von dem zu erzählen, was in der Welt vorgeht. So verbinden sich für Mankell Phantasie und Realität auf dem Theater zu einer Möglichkeit, die Komplexität des Lebens besser zu verstehen. "Als Junge träumte ich davon, zum Ende der Welt zu reisen. Und für mich war Afrika dieser Ort. Es war gerade so weit weg, wie meine Phantasie reichte." -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Der Chronist der Winde. von Henning Mankell. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ihre Aufgabe im Leben war: zu überleben.
Tagsüber sah er im Zentrum der Stadt die Reichen auf den breiten Avenues aus ihren glänzenden Autos steigen und wieder wegfahren, weiße Männer, schwarze Männer, Inder. Von Cosmos hatte er erfahren, was diese Autos kosteten. Die Summe war so schwindelerregend, daß es war, als hätte Cosmos von der Entfernung zu einem Stern gesprochen und nicht vom Preis eines Autos. Wenn er diese Reichen betrachtete, konnte Nelio zugleich seine eigene Armut sehen. Zwischen den Reichen, die offenbar dauernd in eiligen Angelegenheiten unterwegs waren, und dem Rudel der Straßenkinder gab es einen Abgrund, den er sich täglich öffnen sah. Sie überquerten ihn, wenn sie rasch zur Stelle waren und baten, das Auto waschen oder bewachen zu dürfen, während der schwarze, weiße oder indische Mann, der mit seinem Aktenkoffer ausstieg, seine bedeutenden Aufträge erledigte. Nelio hatte Cosmos einmal gefragt, wer diese Männer seien, was sie in ihren Aktenkoffern hätten, und wieso sie immer so beschäftigt wirkten. Cosmos hatte keine Antwort gehabt, aber zugegeben, daß es wertvoll sein könnte, es in Erfahrung zu bringen. Bei einer günstigen Gelegenheit hatte er Mandioca und Tristeza angewiesen, ein Auto aufzubrechen und den Aktenkoffer zu stehlen, der darin lag. Anschließend hatten sie hinter der Tankstelle Schutz gesucht und den Koffer untersucht. Mandioca hatte phantasiert, er wäre voller Geld. Aber als sie die Schlösser öffneten und den Deckel aufklappten, hatten da nur die vertrockneten Reste einer Eidechse gelegen. Es war ein magischer Augenblick, denn niemals hätten sie sich vorgestellt, eine tote Eidechse könnte das Geheimnis der großen Reichtümer sein.
-Sie tragen Kästen mit toten Tieren herum, sagte Cosmos gedankenvoll. Vielleicht sind es spezielle Eidechsen, die vor bösen Geister schützen?
-Es ist eine gewöhnliche Eidechse, sagte Mandioca, nachdem er sie genommen, gründlich studiert und schließlich beschnüffelt hatte.
-Irgendwas muß es aber bedeuten, meinte Cosmos.
-Laßt uns jedenfalls deutlich machen, daß wir jetzt wissen, was in ihren Koffern ist, sagte Nelio. Woher ihm diese Idee gekommen war, wußte er nicht, genausowenig wie bei so vielem anderem, was in seinem Kopf vorging. Er stellte sich vor, es gäbe da einen heimlichen Raum, wo die überraschenden Gedanken auf einen günstigen Moment warteten, um in die Freiheit zu entschlüpfen.
-Wie machen wir das, ohne daß sie uns erwischen? fragte Cosmos.
Nelio überlegte. Plötzlich wußte er es.
-Wir fangen eine lebende Eidechse und stecken sie in den Koffer, sagte er. Dann legen wir ihn zurück ins Auto. Mandioca und Tristeza knacken die Autotür so, daß man nichts merkt. Der Mann bekommt etwas, worüber er grübeln kann, solange er lebt. Wir haben jetzt die Macht über ihn. Wir wissen, wie es zugegangen ist. Er weiß es nicht.
Cosmos nickte. Dann rief er Alfredo Bomba und erteilte ihm den Auftrag, sofort eine der Eidechsen zu fangen, die an den Baumstämmen auf und ab huschten oder sich in den Ritzen der Hausfassaden versteckten. Alfredo Bomba stellte sich regungslos neben einen Baum, legte seine Hand an den Stamm und wartete, bis eine Eidechse ganz in der Nähe war. Dann ruckte er mit dem Handgelenk, und die Eidechse steckte zwischen seinem Daumen und Zeigefinger fest.
Nelio wollte wissen, wie er diese Kunst gelernt hätte.
Alfredo Bomba hatte sich über die Frage gewundert.
-Ich habe den Eidechsen abgeschaut, wie sie die Insekten fangen, sagte er.
Da es Tristeza war, der das Auto bewachte, konnten Mandioca und Tristeza ungehindert die Autotür noch einmal öffnen und den Koffer zurückstellen. Als der Besitzer des Wagens zurückkam, gab er Tristeza einen Schein über ganze 5000, weil er das Auto so gut gehütet hatte.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.