Die "Mankellsche Verführung" beginnt mit der ersten Zeile und hält 140 Seiten an. Das liest sich so:"...Frrüh am Morgen des 13.Januar erreicht der Wolf ein kleines Dorf. Er bleibt stehen und nimmt Witterung auf. Irgendwoher kommt Blutgeruch...Am Waldrand beginnt der Wolf zu fressen. Es geht leicht, weil das Fleisch noch nicht gefroren ist. Er ist jetzt sehr hungrig. Nachdem er einen Lederschuh von einem Fuß gezerrt hat, beginnt er, das Bein von unten her anzunagen..."
Was ist furchtbares geschehen?
In Hesjövallen, einem kleinen Dorf, wurden achtzehn meist alte Menschen auf bestialische Weise niedergemetzelt. Die Polizei glaubt an die Tat eines Wahnsinnigen. Brigitta Roslin, eine Richterin, ist anderer Meinung. Sie ist sogar der Überzeugung, dass die Tat minutiös geplant worden ist und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Und tatsächlich: Ein rotes Seidenband, das die Polizei am Tatort gefunden hat, bringt die Richterin auf die Spur eines geheimnisvollen Chinesen...
Krimi-Spannung in Wallander-Qualität. Ich war gefesselt. Allerdings lässt mich Mankell in diesem Zustand ziemlich verwirrt zurück, denn er hat andere Zwecke im Auge. Er will mich auf etwas aufmerksam machen, etwas, was ihm besonders am Herzen liegt: auf den schwarzen Kontinent, auf Afrika. Ab Seite 141 führt Mankell bedächtig - aber sehr anschaulich - an die Thematik heran.
Er greift die Armut der chinesischen Bauern in der Mitte des 19.Jahrhunderts auf und zieht damit eine Parallele zur Geschichte des afrikanischen Kontinents: die Verelendung der Landbevölkerung, deren Flucht in die Städte, ihre Verschleppung und Versklavung.
Dann kommt Mankell zu seiner fiktiven Geschichte und zu seinen damit verbundenen Befürchtungen.
An einem Wintertag des Jahres 2006 versammeln sich im Sitzungssaal des Gebäudes "Der gelbe Kaiser", fünfzig Kilometer westlich von Peking, die mächtigsten Frauen und Männer Chinas. Yan Ba hält im Auftrag des Präsidenten eine fünfstündige Rede. Er trägt vor, dass China vor einer großen Bedrohung stehe, der nur mit kühnen Maßnahmen begegnet werden könne. Man befürchtet Chaos in verschiedenen Teilen des Landes, wenn hundert Millionen Bauern sich wütend erheben. Denn trotz steigenden Wohlstandes befindet sich die Landbevölkerung am Rande des Existenzminimums.
Die Lösung des Problems, so der Redner weiter, liege in der Übersiedlung Millionen chinesischer Bauern auf den afrikanischen Kontinent, die dort brachliegendes Land bearbeiten könnten. China würde nicht als Eroberer kommen, sondern als Freund.
Mankells Ängste vor dem großen Engagement Chinas in Afrika sind nicht unbegründet.
Chinas enormes Wirtschaftswachstum fordert Rohstoffe: Kupfer aus Sambia, Mangan aus Gabun, Holz aus dem Kongo und von überallher Erdöl. Ein Ministerialbeamter aus Peking beschreibt die Haltung Chinas so:"Jede Beziehung zwischen uns und einem afrikanischen Staat ist eine Freundschaft zwischen Partnern auf gleicher Augenhöhe."
Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki findet allerdings zum Thema: "China, Afrikas neuer Freund" ungewöhnlich harte Worte: Angesichts von Chinas übermächtiger Wirtschaftskraft sei die Gefahr groß, dass Afrika quasi zu dessen Kolonie werde. Bisher diene man dem Partner vor allem als eins: als Lieferant für Ressourcen. Afrika, das Rohstofflager der Volksrepublik. Mbeki:"Dadurch ist Afrika zur Unterentwicklung verdammt. Es besteht die Gefahr, dass zu China eine Beziehung aufgebaut wird, die koloniale Abhängigkeiten wiederholt."
Mankell will wohl mit diesem Buch seiner Fan-Gemeinde einen Denkanstoß zu "seinem" Thema geben. Wer sich darauf einlassen will, der kann das getrost tun, denn er schreibt über 200 Seiten politisch fundiert und engagiert. Vor allem aber schreibt Mankell in seiner gewohnt brillanten Art. Der Krimi jedoch bleibt leider auf der Strecke.
Wer nur den Krimi lesen will, ohne etwas zu versäumen, der lese nur folgende Seiten: S.9-140; S.257-416; S.520-603.
Herr Mankell, bleibt nur zu hoffen, dass Ihnen Ihre Fans diese "Bauernfängerei" nicht übel nehmen werden.