Das vorliegende Buch „Der Chiemgau“ kennt beide Arten von Leuten: Solche die man für den Chiemgau erst noch begeistern muß und solche, die es schwarz auf weiß lesen wollen, warum sie dieser wundervollen Landschaft rund um den Chiemsee bereits so zugetan sind. Beiden hilft das Buch. Damit aber auch alle überall hinkommen, wo es schön ist, wo Kunst und Kultur sowie Ortschaften und Landschaften, Kirchen und Klöster den ersten oder den wiederholten Besuch lohnen, muß einem jemand sagen, wohin man fahren sollte. Niemand kann das besser als die seit Jahrzehnten in München lebende Schriftstellerin Lillian Schacherl, die sich durch zahlreiche Veröffentlichungen über Kunst- und Kulturlandschaften Mitteleuropas einen Namen gemacht hat. Jeder, der ihr Chiemgau-Buch zum Begleiter wählt, wird alsbald zugeben müssen, daß die promovierte Autorin nicht nur bestens Bescheid weiß und auf den verschiedensten Wissens-gebieten beschlagen ist, sondern auch eingängig und feinsinnig zu schreiben versteht. Wer sich ihr anvertraut, wird von der Autorin gleichsam verläßlich an die Hand genommen.
Der Chiemgau ist nun einmal in jeder Hinsicht ein Kleinod unter den deutschen Landschaften, der einen Vergleich mit schönen Landstrichen in anderen europäischen Ländern nicht zu scheuen braucht. Den Mönchen in den Chiemgauklöstern sagt die Autorin in ihrem Buch noch späten Dank dafür, daß sie das „Wildland“ zur Kunstlandschaft geformt haben. Andere haben ihren Beitrag ebenfalls geleistet. Auch der schwermütige König Ludwig II. hat mit dem Bau von Herrenchiemsee ein ganz klein wenig dazu beigetragen, auch wenn sein „hochkalkulierter künstlicher Prunk“ mehr die Touristen staunen macht als daß er bedächtige Gäste seelisch beglücken könnte, selbst wenn die Pracht das Auge blendet. Wenn der König kam, mußte die Seeschiffahrt eingestellt werden und der Alltag der Scheu des Einsamen weichen. Er stieg nicht einmal am Bahnhof Prien aus seinem Hofzug. Für diesen Vorgang hatte er sich neben dem kleinen Rimstinger Bahnhof einen Pavillon bauen lassen, um dann ungesehen vom nahen Urfahrner Ufer zu seiner Königsinsel überzusetzen.
Die Autorin gibt uns auch Kunde vom farbigen Deckenfresko in der Pfarrkirche von Prien, das - für eine Kirche völlig ungewöhnlich - die denkwürdige Seeschlacht von Lepanto zeigt, bei der 1571 die osmanische Seemacht zerschlagen wurde. Dabei liegt die Kirche heute etwas verstört an einer ampelbewehrten verkehrsreichen Kreuzung, und die schlechten Parkmöglichkeiten fürs Auto würden den einen oder den anderen einfach vorbeibrausen lassen. Wenn da nicht Lillian Schacherl doch zur Besichtigung verleiten würde.
Es ist unmöglich, die Vielseitigkeit des Buches zu würdigen. Kennt jemand die „Klytämnestra in Hittenkirchen“, wie die Autorin jene nur noch den Älteren bekannte Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt nennt? Auf dem Friedhof, der aufs Wasser des Sees hinunterschaut, suchte ich nach ihrem Grab und fragte eine ältere Frau danach, wobei ich etwas ironisch wie Lillian Schacherl auf die extravagante „Gestalt von luziferischer Majestät“ hinweisen wollte. Ich hab’s mir verkniffen und erhielt die Auskunft: „Ich bin ihre Schwester, wohne in Ruhpolding und mach´ hier das Grab!“
Wer weiß heute noch, daß im östlichen Chiemgau unterhalb des Hochfelln schon die Kelten und Römer Erzabbau betrieben haben? Den Wittelsbachern ist es zu verdanken, daß der Erzabbau vor vier Jahrhunderten wieder in Gang kam, und daß der Erzgewinnung die Erzverarbeitung im Alpenvorland folgte. Fast wie ein kleines Ruhrgebiet, worauf beziehungsreich Ortsnamen wie „Eisenberg“, „Eisenärzt“ oder „Kohlbrenn“ hinweisen. Heute ist das alles zum Denkmal geworden, schön anzusehen und für jedermann aufschlußreich. Selbst wenn hier noch gewerkelt würde, könnten die vorindustriellen Relikte wegen ihrer Kleinheit die Naturschönheiten nicht beeinträchtigen.
Aber lassen Sie sich das doch das alles und noch viel mehr von Lillian Schacherl erzählen, die das so meisterhaft und wunderbar kann. Der Band verführt beim Lesen, hierher zu kommen, den Landstrich zu genießen und sich, wenn man wieder zu Hause ist, beim Schmökern an die glücklichen Tage zu erinnern, die man ohne dieses Buch nicht erlebt hätte.