Ein Musiker, der langsam erblindet. Aus schwierigen Verhältnissen, talentiert, aber gefährdet. Der Klassikbetrieb, der einem Haifischbecken gleicht und wie eine Kulturkarawane von Trend zu Trend eilt; Aus diesem "Rohmaterial" macht Petra Morsbach einen ganz wunderbaren, tiefgründigen und hochkonzentrierten Roman, aus dessen Fängen sich der Leser nur ungern wieder befreit.
Moritz Bauers Elternhaus ist nicht gerade ein Hort der Kunst. Die Eltern machen sich gegenseitig das Leben schwer, sie leben in beengten Verhältnissen, die Mutter hat eine selbstzerstörerische Ader und ihre Ohnmacht lässt sie an Moritz und seinem Bruder Kurt aus.
Moritz, der an einer Netzhauterkrankung leidet und zugleich früh eine geniale Begabung für Orgel und Klavier zeigt, hat eine schwierige Kindheit. Doch er erkennt, dass ihm sein Talent eine verheißungsvolle Eintrittskarte in ein schöneres, glanzvolles Leben zuspielt und er arbeitet hart daran, seine Chancen zu verwirklichen.
Er entdeckt das Cembalo für sich und beginnt eine verheißungsvolle Karriere, die ihn bald in die großen Konzertsääle führt.
Doch auch der Klassikbetrieb ist modischen Wellen unterworfen und irgendwann sinkt sein Stern.
Moritz Bauer kämpft nicht nur mit seiner Erblindung, sein kompliziertes Verhältnis zu seiner Homosexualität, die Schatten seiner Familie, der Kunstbetrieb, ein schwieriges Verhältnis zu einem Gönner -- all das nimmt Moritz Bauer vollkommen ein. Er lebt eine Innerlichkeit, die ihn von seiner Umgebung oft gänzlich abkoppelt...
Petra Morsbachs Thema hätte bös ins Auge gehen können.
Aber ihr ist ein wirklich bemerkenswerter Roman gelungen, der geschickt den schmalen Grat zwischen Genie und Lächerlichkeit auslotet.
Sie ist nicht nur eine versierte Musik-Kennerin, von der der Leser wirklich noch eine Menge lernen kann. Ihr gelingt es, ihr musiktheoretisches Wissen und Insider-Kenntnisse des Kulturbetriebs in eine Geschichte zu kleiden, die den Leser vollkommen absorbiert. Ein Entwicklungsroman auf höchstem Niveau, ein absolut lesenswerter Geheimtipp!