Japaner lutschen ihre Fischstäbchen gern roh, lieben am Basedow-Syndrom leidende Comicfiguren und bescheren der westlichen Welt mit schöner Regelmäßigkeit neue Geschmacksverirrungen, die staunen lassen. Eine davon ist "Der Calamari Wrestler".
Der gemeine Nipponssohn bleibt für den World Wide Wessi unergründlich: So gesittet er sich morgens neben den anderen Sardinen in der U-Bahn auch gibt, so enthemmt brüllt er nach dem dritten Näpfchen Feierabend-Saké zum Voll-Playback "Ännchen von Tharau" und anderes deutsches Liedgut. Und gerade dann, wenn man meint, ihn doch durchschauen zu können, lässt er den filmischen Kamikaze-Flieger "Der Calamari-Wrestler" in die Wühltheken des Westens stürzen.
Der Film aus dem Jahr 2004 kombiniert das japanische Faible für Fischiges und Rohes zu einem bizarren, in der Welt des Profi-Wrestlings angesiedelten Plot, der selbst erklärte Trash-Liebhaber sprachlos machen dürfte.
Als Wrestler Taguchi seinen Gegner in die Knie zwingt, scheint für die ewige Nr. 2 im Ring ein Traum in Erfüllung zu gehen: Endlich ist er Beste der Besten! Der Triumph währt allerdings nicht lange, denn noch bevor Taguchi seinen Sieg so richtig auskosten kann, entert ein riesiger Kalmar den Ring, entreißt ihm erst den Meisterschaftsgürtel und macht ihm dann, nach kurzem, erbittertem Kampf, auch den Titel abspenstig. Für den Verlierer bricht eine Welt zusammen, zumal der Kampfstil des fischigen Herausforderers an den des vor Jahr und Tag verschwundenen Champions Kan-Ichi Iwata erinnert. Bei dem handelt es sich um den Verflossenen von Taguchis Frau Myoko, die ihre alte Liebe nie vergessen hat. Tatsächlich nimmt der Kalmar Kontakt mit der jungen Frau auf, und schließlich kommt eine ziemlich unglaubliche Geschichte ans Licht. Als es scheint, die bizarren Geschehnisse hätten ihren Höhepunkt bereits erreicht, kommen auch noch ein Tintenfisch und ein Krustentier im XXL-Format ins Spiel, das sich "Squilla Boxer" nennt ...
Das von der FSK ab 12 Jahren freigegebene (entgegen der Aussage des Aufklebers auf der DVD behauptet amazon.de übrigens, der Film sei etwas für Leute ab 6) Resultat wirkt, als wäre Muppet-Erfinder Jim Henson ins Land der Morgenröte ausgewandert, um dort ein Konkurrenzprodukt zu den Märchenfilmen aus den tschechischen Barandov-Studios zu schaffen.
Die Mimik der auf dem Niveau einer Soap Opera agierenden Darsteller legt nahe, dass man ihnen vor Drehbeginn erzählt hat, sie träten in einem Stummfilm auf, die Spezialeffekte finden vor allem im Kopf des Zuschauers statt (der Oscar gebührt einem jeden Filmfan, der sich auch nur für eine Sekunde vorstellen kann, der Kalmar aus dem Titel solle etwas anderes vorstellen als das Offensichtliche, also einen Menschen im Kostüm), und die Handlung des Films folgt dem wahrscheinlich ersten Durchdrehbuch der Filmgeschichte.
Zuschauer, die das Hirn nicht bereits nach der ersten seltsamen Hälfte des gut 90 Minuten langen Films in den Standby-Modus geschaltet haben, und die versuchen, bis zum Schluss mitzudenken, werden nicht einmal sagen können, ob das Ende nun happy ist oder nicht - Respekt, liebe Japaner, so was schafft sonst nur Claude Chabrol (für Japan: Kyo De Sha Ba Royu)!
Kann man den "Calamari Wrestler" empfehlen? Nein.
Sollte man von ihm abraten? Nein, warum auch - der Film bietet harmlose Unterhaltung, die hie und da zum Schmunzeln veranlasst, den Zuschauer unterm Strich aber etwas ratlos zurücklässt. Kenner des Asia-Kinos, die angesichts der in anderen Filmen mühelos von Baumkrone zu Baumkrone springenden Martial Arts-Krieger allenfalls noch müde die Augenbraue hochziehen, können dem Film vielleicht sogar noch etwas mehr abgewinnen als Otto Normalzuschauer. Mein ganz persönliches Fazit allerdings lautet: Einmal ansehen reicht vollkommen aus. Alldieweil sich das vom durchschnittlichen TV-Programm eines durchschnittlichen Freitagabends aber mit Fug und Recht ebenfalls sagen lässt, war der "Calamari Wrestler" die schlechteste Alternative nicht; dem Geld, das ich für den Film bezahlt habe, weine ich nicht hinterher.
Die DVD aus dem Hause Ascot Elite lässt dem Zuschauer die Wahl zwischen dem japanischen Original und der deutschen Synchronfassung (beide in stereo), bietet als weitere Option die jeweils entsprechenden Untertitel und ... ja, das war's dann auch schon. Die deutsche Synchronisation setzt, wen überrascht's, keine neuen Maßstäbe in punkto Güte; auch der Ton ist eher mau. Das Bild bewegt sich auf VHS-Niveau und wirkt durchgängig leicht rotstichig. Fazit: Technische Meisterleistungen sehen anders aus.
R e s ü m e e
"Der Calamari-Wrestler" ist eine Art filmisches Chindogu: Man weiß auch nach dem Abspann nicht genau, was man da gerade gesehen hat und was das alles sollte. Die wohlwollendste Art der Kurzbeschreibung, die mir einfällt, lautet wie folgt: "Der Calamari Wrestler" ist ein reichlich seltsames modernes Märchen mit special effects, die nicht sehr special sind und die der Phantasie des Zuschauers einiges an Entgegenkommen abverlangen.
Tipp: Zu den Gold-Fischli alkoholfreies Pils reichen - das Gefühl, dass die linke Gehirnhälfte mit der rechten Bäumchen-wechsel-dich spielt, stellt sich bei diesem Film ganz von allein ein. Wer danach immer noch nicht genug hat, darf sich im Anschluss dann noch "Koala Executive" ansehen.