Auf das Buch "Der Buchhändler von Kabul" war ich durch einen Artikel im "Spiegel" aufmerksam geworden. Als sich dann (nur)männliche Leserbriefschreiber der Kritik anschlossen und Seierstad mangelnde Sensibilität im Umgang mit dieser anderen "Kultur" und "ungeheuerlichen" Vertrauensbruch dem (enttarnten) Buchhändler gegenüber vorwarfen, musste ich es unbedingt selber lesen.
Seirstad, die mehrere Wochen zu Gast im Hause des Buchhändlers lebte, berichtet sehr genau und mitfühlend über die Hoffnungen der Menschen in Afghanistan, nachdem die Taliban-Schreckensherrschaft beendet worden war. Nie habe ich besser verstehen gelernt, wie grenzenlos diese Menschen durch die Realität enttäuscht worden sein müssen.
Genauso deutlich intensiv, aber sehr behutsam in der Wortwahl, beschreibt die Autorin die Clan- und Familienverhältnisse in einem typisch muslimischen Land. Vom absolutistisch herrschenden Patriarchen, von seinen Geschäften, Wünschen, Launen und Vorstellungen sind alle abhängig: die Söhne, die alte Mutter, die Ehefrauen und -auf unterster Stufe- die jungen Frauen und Mädchen. Ihre authentische Darstellung einer für uns unvorstellbar anderen und in Teilen sehr, sehr schlimmen Welt bietet die einmalige Chance zur Einfühlung.
Das Buch "Allah & Eva" von (der holländischen Diplomatengattin) Betsy Udink beschreibt ebenso offen und einfühlsam die extreme Situation der Frauen in Pakistan und ist eine gute Ergänzung.
Wenn man dann noch "Die verlorenen Söhne" von Necla Kelek liest, kann man die Klage über Unsensibilität und das mangelnde Verständnis für Seirstads Aussagen nicht nachvollziehen.