Der Name „Brockhaus" steht für Qualität in Sachen lexikographischer und bibliographischer Fragen. Entsprechend vielversprechend erscheint eines der neuesten Projekte der Brockhaus AG: ein kompaktes, einbändiges Literatur-Lexikon, das die 1995 erschienene, achtbändige Taschenbuchausgabe ablösen soll.
Welche Anforderungen man an ein solches (mehr als tausend Seiten umfassendes) Werk mit mehr als 4000 Stichwörtern zu Schriftstellern, Werken, Epochen und Sachbegriffen der deutschen, europäischen und internationalen Literatur stellen soll, das wird bei der Lektüre der einzelnen Artikel schnell klar. Meistergültig formuliert hat dies Dieter Wellershoff, dessen Diktum aus dem Jahre 1969 über die Funktion der Literatur vom entsprechenden Personenartikel des Brockhaus lobenswerterweise zitiert wird: „Sie [Die Literatur] versucht den Leser zu irritieren, ihm die Sicherheit seiner Vorurteile und gewohnten Handlungsweisen zu nehmen, sie macht ihm das scheinbar Bekannte unvertraut, das Eindeutige vieldeutig, das Unbewusste bewusst und öffnet ihm so neue Erfahrungsmöglichkeiten." (S. 917) Nun wird man von einem Lexikon über Literatur nicht erwarten können, dass hier literarisch Wertvolles produziert wird, aber der Brockhaus Literatur erfüllt wider Erwarten einige dieser Funktionen.
Denn auch der Literatur-Brockhaus „irritiert" den Leser im besten Sinne durch mehr als 10.000 Werksangaben zu 3000 Schriftstellern aus aller Welt, deren ¼uvres ausführlich dargestellt und durch zahlreiches, sehr anschaulich wirkendes Bildmaterial verdeutlicht werden. „Verunsichert" bleibt der Leser zurück, stellt er doch bei sich riesige Lesedefizite und bis jetzt noch nicht gekannte oder - im besten Falle - ungelesene Autoren fest: glücklich der Nutzer, der treffsicher Angaben über Reinmar von Zweter oder Mauricy Zych aus den Ärmeln zu schütteln vermag; nicht verloren der Ratsuchende, der zu diesen beiden letztgenannten Autoren im neuen Brockhaus Literatur nachschlägt, beschließen diese beiden Autoren doch gemeinsam mit den Sachlemmata „Zwischenakt" und „Zwischenspiel" das in alphabetischer Reihenfolge angeordnete Lexikon.
Zugleich „nimmt" der neue Brockhaus-Literatur „Vorurteile und gewohnte Handlungsweisen", indem er einerseits einen Schwerpunkt bei den zeitgenössischen Autoren aller Couleur und aller Genres legt, zugleich aber Schwerpunkte in der europäisch-abendländischen Literatur erkennen lässt, ohne die Autoren des arabischen, asiatischen oder afrikanischen Kulturraumes zu verschweigen. Natürlich wird jeder Fachmann - sei es der Arabist, der Sinologe oder der Germanist - „seinen" Autor respektive „seine Autorin" vermissen: So findet man als Germanist weder einen Eintrag zum Schriftsteller und Literaturkritiker Gerhard Nebel noch zum Lyriker und Kleist-Preisträger Dirk von Petersdorff. Aber das sind die üblichen Fragen der Selektion, die pragmatisch gelöst werden müssen und bei denen nie jeder zufrieden sein wird.
„Ungewohnt" wirkt auf den ersten Blick das Layout, das keineswegs angestaubt bieder daherkommt, sondern vielmehr durch eine „moderne" Gestaltung, deren sich manche Internet-Präsentation nicht zu schämen bräuchte, Interesse weckt und zum Querlesen motiviert: 1200 Fotos und Tabellen, 150 Infokästen zu Hauptwerken der Literatur und 120 Infokästen zu den Hintergründen der Literaturgeschichte sowie 24 Epochentafeln erzeugen eine ansprechende Leseatmosphäre.
„Das Eindeutige vieldeutig" zu machen, dies gelingt dem Literatur-Brockhaus auf ungewollte Weise: Denn das Lexikon beginnt ungewöhnlich - mit einer Übersicht über „die" 150 Hauptwerke der Weltliteratur (beginnend mit Homers „Odyssee", endend mit Salman Rushdies „Satanischen Versen"), die „in Form von prägnanten Darstellungen des Inhalts, ihrer besonderen Bedeutung oder der Wirkungsgeschichte in hervorgehobenen Infokästen präsentiert" (S. 5) werden und kanonartigen Anspruch erheben. Ob allerdings unter den 17, vom Brockhaus kanonisierten, Weltliteratur-Titeln „seit 1951" (S. 9f.) Tolkiens „Herr der Ringe" und Simenons „Maigret-Romane" neben Frischs „Stiller" und Becketts „Warten auf Godot" bestehen können, stellt mehr als eine Geschmacksfrage dar. Ein mutiger und konsequent durchgehaltener Versuch ist diese Liste zweifelsohne.
„Das Unbewusste bewusst" wird durch 24 essayistische Sonderartikel zu Stichwörtern wie „Autographen", „Kitsch" oder „Zensur", die orientierende Funktion haben und solides Wissen in komprimierter Weise vermitteln.
Summa summarum öffnet der neue Brockhaus Literatur vielfältige neue Erkenntnismöglichkeiten, die für jede Freundin und jeden Freund kultur- und geisteswissenschaftlicher Themen in handfesten und schnellen Informationen geboten werden. Dabei stellt das Lexikon ein hervorragendes Medium für einen ersten Einstieg in die „unbekannte" und unüberschaubare Welt der Literatur dar. Kurzum: Der neue Brockhaus Literatur ist ein unentbehrliches Hilfsmittel für jeden Bücherwurm, der vor, während oder nach literarischen Reisen einen sicheren Hafen ansteuern möchte.