Von bösen Dämonen getrieben
Der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Siegfried Unseld
Von Rolf Vollmann
Uwe Johnson, Jahrgang 1934, war sofort mit seinem Erstling, den «Mutmassungen über Jakob», 1959, ein sehr erfolgreicher und berühmter Autor, er bestätigte diesen Ruf für die Öffentlichkeit und seinen Verlag 1961 mit dem «Dritten Buch über Arnim». 1964 erschien «Karsch», kleinere Prosa, 1965 wieder ein Roman, die «Zwei Ansichten». Johnson ging dann nach New York, kam wieder zurück, wohnte in Berlin, liess sich in die deutsche und europäische Literatur- und Zeitschriftenpolitik verwickeln. 1970 erschien dann der erste Band seiner grossangelegten «Jahrestage»; das Werk schien auf zwei Bände veranschlagt, aber als dann 71 der zweite Band kam, war das Ende doch noch nicht ganz abzusehn.
Johnsons Ruhm war eng verknüpft mit dem beruflichen Aufstieg Siegfried Unselds, der, zehn Jahre älter als Johnson, die Verlagsnachfolge Peter Suhrkamps im Jahre 1959 eben mit Johnsons «Mutmassungen» antrat. Zwischen dem jungen Autor und dem Verleger entwickelte sich so etwas wie eine Freundschaft, man besuchte sich, man schrieb sich, bald duzte man sich in den Briefen auch. Natürlich gab es bisweilen Probleme, Johnson war alles andre als ein weltläufiger Mann, er hatte etwas mecklenburgisch-pommersch-bäuerlich Querulantisches an sich, etwas derart Einzelgängerisches auch, dass er sich eigentlich mit fast allen Leuten verzankte. Unseld, vertraut mit den Unarten begabter und genialer Schriftsteller, zuweilen aber auch er gekränkt und aufbrausend, erwies sich gleichwohl als der immer wieder Mässigende. Die Gewichte waren verteilt: natürlich hätte Johnson einen andern Verlag gefunden, aber Unseld war grosszügig und einflussreich und hatte ihn ja auch entdeckt.
Unseliges Ende
Um das nun einmal so zu sagen: grosse Briefschreiber waren weder Unseld noch Johnson. Unseld schreibt meistens sachlich, manchmal geht er auch überraschend weit aus sich heraus; Johnson ist fast immer umständlich; wenn er Stil will, schreibt er gestelzt, gravitätisch, sonderbar witzig dann auch mitunter, später zumal, wenn Unseld solche besonders gestylten Briefe liest, gehn in seinem Kopf offenbar alle Warnlampen an, und er schreibt zurück: was schreibst Du doch schön! Johnson, das zeigen diese Briefe, aber Johnson war offenbar als Schreiber für seine Romane gemacht, sonst für nichts. Manchmal liest man das ganz gern, aber ein grosses Vergnügen ist das alles nicht. Eine kleine Auswahl von diesen Briefen würde genügen, sagt man sich. Und interessiert ist man eigentlich überhaupt nur an dem allem wegen des tatsächlich unseligen Endes, das Johnson dann hatte.
Im Jahre 73, nach grossen Schwierigkeiten, erschien nämlich zwar ein dritter Band der «Jahrestage», dieser Band, zum Leidwesen aller Leser, zum Leidwesen auch der Rezensenten, entpuppte sich aber als bloss erster Teil des abschliessenden Bandes; und dessen zweiter Teil liess nun ewig auf sich warten. Johnson hatte sich mittlerweile in England niedergelassen. Ausserdem hatte er sich entsetzlich mit Unseld zerstritten, wegen Kleinigkeiten, aber die Briefe zeigen, dass dieser Riss kaum mehr zu kitten war. Und dazu kam nun noch im Jahre 75 bei Johnson ein Herzinfarkt, den Johnson aber, noch jung wie er war und vermutlich in seiner provinziellen Art stolz auf seine bäuerlich hünenhafte Gestalt und Gesundheit, am liebsten ganz für sich behalten hätte. Und dann, als ob das alles nicht genug wäre, war er in eine entsetzliche Schreibblockade geraten oder hatte sich in sie hineinmanövriert: die wiederum zusammenhing mit der Idee, seine Frau sei eine östliche Agentin und habe ihn also eine Ehe lang verraten vermutlich eine Wahnidee, aber er hatte sie nun einmal. In einem Brief an Unseld (ab und zu gab es solche Briefe noch) schreibt er, er habe weder Lust zum Schreiben noch überhaupt zum Leben.
Es erschien noch 1975 eine kleine und sehr schöne Max-Frisch-Anthologie, «Stich-Worte», dann kamen 1980 die berühmten Poetik-Vorlesungen, «Begleitumstände». Dann, 1983, zehn Jahre also nach dem dritten Band, erschien der vierte und letzte Band der «Jahrestage», und im Jahr darauf starb Johnson. Höchstwahrscheinlich starb er an einem zweiten Infarkt; ob dieser zweite Infarkt sich hätte vermeiden lassen, ist eine unbeantwortbare Frage, sicher ist nur, dass Johnsons Lebensweise in den Jahren vor diesem zweiten Infarkt von einer fast schon wieder Ehrfurcht gebietenden Vernunftlosigkeit war.
Und eine oft diskutierte Frage war jetzt die: wie hat sich Johnsons Verleger diese dunklen Jahre gegen das Ende hin Johnson gegenüber verhalten? Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, dass diese Frage überhaupt hinter dem ganzen Vorhaben einer Publizierung dieses Briefwechsels steht, und dann beantwortet sich natürlich auch die Frage nach dem Umfang einer solchen Publikation: Unseld muss nun alle, aber auch wirklich alle Briefe drucken lassen, denn jede Auswahl, so gut sie sich begründen liesse und so angenehm sie die Lektüre machte, würde den Verdacht aufkommen lassen, sie sei, vor allem indem sie womöglich Briefe unterdrücke, tendenziell, und das hiesse: hauptsächlich auf den guten Ruf des Verlegers bedacht. Daher nun also, verständlich, vernünftig, plausibel, dieser entsetzlich dicke Band und seine doch quälende Lektüre.
Schlimme Briefe
Und nun zur Sache. Seit den frühen siebziger Jahren ist das Zerwürfnis zwischen Johnson und Unseld wirklich so gross, dass keiner der beiden mehr eigentlich unbefangen schreiben kann; fast alle Fröhlichkeit oder Herzlichkeit hat jetzt etwas Forciertes. Wägt man die Sache ab, dann, bei allem mitunter etwas harten Beharren auf seinen Rechten, die Unseld da ausübt, ist es Johnson allein, der da halb kindisch, halb wie von bösen Dämonen getrieben in seine schliessliche Isoliertheit rennt. Immer wieder nimmt er Winzigkeiten, etwa typographischer Art, zum Anlass, Briefe zu schreiben, in denen alle freundliche Vergangenheit wie etwas Niegewesenes abgetan und nur noch eine fast autistisch anmutende momentane Gegenwart im Blick ist das sind schlimme Briefe. Johnson, möchte man sagen, rennt so lange mit dem Kopf gegen alle Wände, bis er mit dem Kopf auf die letzte Wand stösst, den Tod.
Sehr oft ist Unseld nun nicht ganz der Mann (aber wer wäre der?), diesen Autor wieder ins Lot zu bringen, sicher; andrerseits ist Unseld genau der Mann, der, das wird bis zum Ende hin fast niemals ausgesprochen, Johnson wirklich am Leben hält, indem er ihm Monat für Monat, Jahr für Jahr Geld schickt: zehn Jahre lang also ohne ein Schluss-Manuskript des immer noch unbeendeten Werks. Mit den Jahren verzichtet Unseld sogar auf Mahnungen, nur manchmal spürt man einen verhaltenen Zorn, etwa wenn er einmal, als Johnson zu irgendeinem Anlass achtzig Seiten geschrieben hat, dem Lob dieser achtzigseitigen Prosa die Frage folgen lässt, wie lange Johnson wohl dazu gebraucht habe. Zu dieser Zeit ist Johnson aber schon so weit, dass er diese Spitze, auf die er Jahre vorher sicher entsetzlich gereizt reagiert hätte (in den späten sechziger und beginnenden siebziger Jahren sieht er selbst da Spitzen, wo Unseld einfach sachlich zu sein glaubt; umgekehrt ist da aber auch Unseld manchmal etwas empfindlich), einfach nicht beachtet.
1982 macht Unseld Johnson auf den Kontostand aufmerksam: Johnson steht mit 230 000 Mark in der Kreide; und Unseld kündigt ihm an, er werde irgendwann, im März des kommenden Jahres, die monatlichen Zahlungen einstellen müssen. Und nun das halbe Wunder, und als habe Unseld genau das geglaubt erreichen zu können mit seiner Drohung: Johnson schreibt die «Jahrestage» zu Ende, der vierte Band kommt heraus. Nun ist eigentlich alles in Ordnung; bloss dass Johnson, wie gesagt, stirbt.
Ein paar Mal kommt die Sprache auf Wolfgang Koeppen Koeppen, auch er ein Autor Unselds, und auch er wohl lange Zeit vom Geld seines Verlags lebend, also vom vorgeschossenen Geld auf versprochene Bücher, war mit den Jahren nun wirklich berühmt dafür, dass er die Bücher einfach nicht schrieb, von denen er redete. Und Unseld seinerseits war dann, als Koeppen starb, ins Gerede gekommen. Auch daher nun also, für einen andern Autor, der in ähnlichen Problemen zu stecken schien, diese ausführliche Briefdokumentation (glänzend, aufopfernd geradezu ediert und kommentiert und benachwortet übrigens und mit gründlichen Anhängen versehen von Eberhard Fahlke und Raimund Fellinger).
Fazit: Wir sehn, und das ist mehr und mehr wirklich keine schöne Lektüre, zwei hochkomplizierte Männer sich miteinander befreunden, sich wieder auseinanderleben und aneinander reiben; wir sehn den einen (den, um den es uns ging, das wird man wohl sagen dürfen) zugrunde gehn, aber der andre ist nicht schuld daran, im Gegenteil, was er konnte, hat er getan, damit der andre weitermachte. Es ging aber offenbar nicht. Wir werden die Gründe nicht herauskriegen, aber wir wissen jetzt, welche Gründe keine Rolle spielten. Eins noch, im Grund das Wichtigste, und doch droht es dann fast unterzugehn in solchen denn doch Nebensächlichkeiten: Johnsons «Jahrestage» ist einer der schönsten deutschen Romane.