Eine ganz vorzügliche Schimpfkanonade auf meine Heimatstadt hat sich ein frecher Mensch aus der Ostzone erlaubt. Aufmerksam geworden bin ich durch seine eigene Ankündigung in einer literarischen Kuschelecke auf Xing:
»Seit ein paar Tagen steht mein aktuelles Buch DER BRANDENBURGER TOR - ein übles Machwerk wider die Hauptstadt, bösartig und ungeniesbar ... bereit.«
Wer so über sein Buch schreibt, macht mich neugierig. Ich habe mich also davon überzeugt, dass es so bösartig und ungenießbar ist, wie der Autor verspricht. Ein paar Kostproben:
»Kirche.
Am Bahnhof Alexanderplatz, umgeben von einem kleinen Park, steht die Alexander-Kathedrale, ein Wahrzeichen der Stadt.
Wer sich von Süden her Berlin nähert, erblickt als erstes, hoch aufragend, das Minarett. Vom Morgen bis in die Nacht geht von hier die frohe Botschaft in jede Wohnung.
Einmal am Tag, meist in den Abendstunden, ist jede Familie vor dem Hausaltar versammelt. Und alle Blicke falten sich zum Gebet.«
»Kauderwelsch.
Auf dem Prenzlauer Berg lebt ein kleines Volk, das redet rückwärts.«
»Pissoirs.
Seit jeher waren die achteckigen Häuser aus Eisen Orte des öffentlichen Lebens.
Wichtige Entscheidungen wurden gefällt, Verabredungen getroffen: Hier war die Macht mit Händen greifbar.
Der allgemeine Verfall gab auch diese Plätze deutscher Kultur dem Rost anheim.
In einem der letzten und schönsten Pissoirs fand schließlich das Ministerium für Arbeit seine Heimstatt.«
»Polizei.
Ein pfiffiger Einfall: die Gauner in Uniform zu stecken.
Auf Streife entwickeln sie erstaunliche Instinkte: Diebe, Mörder und Hochverräter erkennen sie von Weitem am Geruch.
Für eine monatlich sichere Beute lassen sich viele Ganoven in den Dienst nehmen.«
Wer ist der Autor dieser Ungeheuerlichkeiten? Ein gewisser Olaf Trunschke, und das Machwerk wurde bereits mit Lobeshymnen aus berufenem Mund überschüttet, so hat ihn unter anderem DIE ZEIT preisgekrönt: »Politisch korrekt sortiert von Akademie bis Zukunft, führen die Texte den Leser wortgewandt durch das Kauderwelsch der City: Hier ist zu erfahren, daß unterm Regierungspalast früher ein U-Boot vor Anker lag, was Berlin seinen Randgruppen, z. B. den Kannibalen, zu bieten hat und warum Korruption heute in jedem Supermarkt angeboten wird.«
Erfreulich an der unerhörten Lektüre ist die Tatsache, dass man das Pamphlet, welches mit zahlreichen Kreuz- und Quer-Verweisen, die zum stundenlangen Verweilen nötigen, nicht ohne ein Schmunzeln zu lesen vermag.
Mein Fazit als echter Berliner, nicht bloß zugereist wie jener freche Trunscke Olaf: Unbedingt lesen!