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Der Brand: Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945
 
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Der Brand: Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945 [Gebundene Ausgabe]

Jörg Friedrich
4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (46 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Im Frühjahr 1945 war Deutschland ein Trümmerfeld: Alle großen und viele mittelgroße Städte lagen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Schutt und Asche. War das Flächenbombardement der Engländer und Amerikaner gegen Deutschland ein Kriegsverbrechen? Diese Frage wirft der Historiker Jörg Friedrich in diesem eindringlichen Buch auf. Der Autor bezeichnet den Bombenkrieg der Alliierten als "Zivilterror". Vor allem den englischen Premier Churchill macht Friedrich für den vermeidbaren Tod Hundertausender Menschen verantwortlich.

Entsprechend hat das Buch bei seinem Erscheinen viel Wirbel ausgelöst: In Großbritannien warfen einige Medien und Historiker dem Autor vor, er wolle die Geschichte verdrehen und die Kriegführung der Alliierten mit den nationalsozialistischen Verbrechen gleichsetzen. Davon allerdings kann keine Rede sein. Friedrich zweifelt nicht daran, dass der Kampf gegen das NS-Regime moralisch gerechtfertigt war. Ebenso verweist er darauf, dass Deutschland zuerst mit der Luftschlacht begann -- Angriffe auf englische Städte wie London und Coventry hatten verheerende Folgen.

Die Art und Weise, wie die Alliierten den Bombenkrieg gegen die deutschen Städte führten, kritisiert der Autor als ebenso unmenschlich wie überflüssig. Die Bomben waren nämlich nicht nur gegen Rüstungsfabriken und Verkehrswege gerichtet. Sie sollten ganz bewusst die Zivilbevölkerung treffen. Deswegen setzten die Alliierten nicht nur Sprengbomben gegen bestimmte Gebäude ein, sondern vor allem Brandbomben. Diese entfachten am Boden unaufhaltsame Feuerstürme, die Menschen, Häuser und alles Brennbare verschlangen.

Das "moral bombing" sollte den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung brechen. Das misslang jedoch, wie Friedrich konstatiert: Anstatt gegen das nationalsozialistische Regime aufzubegehren, verfielen die Deutschen angesichts des apokalyptischen Bombenhagels in Depression und Apathie. Trotz der erkennbaren militärischen Sinnlosigkeit, so lautet der Vorwurf des Autors, steigerten Engländer und Amerikaner ihre Abwürfe aber immer weiter und nahmen wissentlich ein "Massaker" an der Zivilbevölkerung in Kauf.

Ausführlich schildert Friedrich die Angriffe auf einzelne deutsche Städte: Hamburg und Berlin, Dresden und Pforzheim, Nürnberg, Essen und andere mehr. Er fügt die vielen lokalen Berichte über die Kriegsereignisse zusammen und liefert somit eine Gesamtdarstellung des Bombenkriegs in Deutschland. Neben dem militärischen Verlauf dieser Angriffe und der eingesetzten Waffentechnik interessiert Friedrich vor allem, wie die deutsche Bevölkerung die Bombardements erlebte. Er beschreibt reportagehaft und mit emotionalisierender Sprache die Allgegenwart der Todesangst, die ständige Flucht vor den Bomben in Keller und Bunker, den Verlust von Angehörigen.

Friedrichs Buch rührt bewusst an ein Tabu. Denn angesichts der barbarischen NS-Verbrechen wollte vor allem in Deutschland lange Zeit niemand die Art der alliierten Kriegsführung in Frage stellen. Friedrich tut genau das -- nicht als rechtsradikaler Geschichtsrevisionist, sondern als Wissenschaftler. Die Debatte um dieses Buch ist ebenso schmerzhaft wie notwendig. --Christoph Peerenboom

Der Spiegel

Bomber kommen immer durch
Dürfen Täter sich als Opfer fühlen, wenn die militärischen Machtverhältnisse sich umkehren und die Angegriffenen mit furchtbarer Vergeltung zurückschlagen? Mit seinem Buch „Der Brand“ löste der Berliner Publizist und Historiker Jörg Friedrich im Jahre 2002 eine erregte Debatte über den Luftkrieg der Briten und Amerikaner gegen Nazi-Deutschland aus. Friedrich hat erstmals, dazu noch als Deutscher aus der deutschen Bodenperspektive, eine umfassende, packende, glänzend geschriebene Darstellung der Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen die schrecklichen Erlebnisse der betroffenen Zivilisten, von denen schätzungsweise über eine halbe Million im Feuersturm umkamen; 800.000 wurden schwer verletzt.

Bei Kriegsende machte die Royal Air Force geltend, sie allein habe 657.000 Tonnen Bomben auf Deutschland geworfen – die amerikanischen Angriffe nicht mitgerechnet. Den Bombenkrieg erlebten 30 Millionen Deutsche, über tausend Städte und Gemeinden gerieten ins Inferno, über 100.000 Kinder fielen dieser Strategie zum Opfer, in fünf Jahren von 1940 bis 1945 widerfuhren den Deutschen Dinge wie noch keiner Zivilbevölkerung vor ihnen. Ihren Höhepunkt erreichten die Flächenbrände, die alliierte Bomben entfachten, erst im letzten Kriegsjahr. Von Januar bis Mai 1945 starben jeden Tag durchschnittlich 1000 Zivilisten im Bombenhagel auf das schon nahezu wehrlose Reich. Kriegsentscheidend waren diese Angriffe längst nicht mehr, vielleicht sogar nicht einmal mehr kriegsverkürzend. Dresden, im Februar 1945 zerstört, ist zum Symbol einer sinnlosen Vergeltungs- und Strafaktion gegen eine schutzlose Zivilbevölkerung geworden.

Also ein Kriegsverbrechen, wie der konservative Historiker Arnulf Baring meint? Oder ist Friedrichs Buch vielmehr ein problematischer, „noch nie da gewesener Angriff auf die Kriegsführung der Alliierten“, wie die Londoner Zeitung „The Daily Telegraph“ die Studie bezeichnete? Der britische Geschichtswissenschaftler Correlli Barnett warf Friedrich sogar empört vor, er habe sich „gefährlichen Revisionisten“ angeschlossen und versuche, eine „moralische Gleichwertigkeit zwischen Churchills Unterstützung für die Flächenbombardements und den unsäglichen Verbrechen“ der Nazis herbeizuschreiben – das sei „niederträchtiger und gefährlicher Unsinn“.

Fragen über Fragen, zum Teil so schwer zu beantworten wie philo¬sophische Aporien: Ist Friedrich ein Revisionist? Selbstverständlich, antwortete der Autor unerschütterlich, die Geschichtsschreibung wird ständig revidiert. Heiligt der gute Zweck jedes Mittel? Kein Zweifel, die Niederringung Hitlers war notwendig und gerecht, das steht auch für Friedrich außer Diskussion. Nur, ist der Gerechte schon dadurch, dass er die gerechte Sache vertritt, also einen gerechten Krieg führt, in allen seinen Taten gerechtfertigt? Das sei eine Frage, die sich jeder selbst stellen und neu beantworten müsse, so Friedrich. Er beansprucht lediglich, mit seinem Buch die Tatsachenbasis dafür geliefert zu haben. Friedrich, ebenso lakonischer und gerade deshalb auch pathetischer Erzähler wie akribischer Geschichts- und Quellenforscher, führt seine Leser ohne Arg auf vermintes Gelände. Aber die Deutschen, das hat die Rezeption dieses Buches auch gezeigt, sind nach 60 Jahren Auseinandersetzung mit der Vergangenheit moralisch davor gefeit, sich in einen fatalen und larmoyanten Opferkult zu flüchten.

Friedrichs Verdienst besteht darin, den Schleier des Vergessens und Verdrängens weggezogen zu haben, den auch diejenigen über Verlauf und Ausgang des strategischen Bombenkriegs ausgebreitet hatten, die ihn am konsequentesten betrieben hatten – die Briten. Denn ihnen war nie wohl gewesen bei dieser unmenschlichen Art der Kriegsführung, die auch nie die Unterstützung der ganzen Nation fand, sondern immer bei allen Besonnenen einen nagenden Selbstvorwurf des nationalen Gewissens nährte. Der Bischof von Chichester, George Bell, kritisierte im Februar 1944 im Oberhaus Churchills Regierung „wegen ihrer Politik der Bombardierung feindlicher Städte im gegenwärtigen Umfang, besonders von Zivilisten“. Es müsse „eine Verhältnismäßigkeit zwischen den eingesetzten Mitteln und dem erreichten Zweck bestehen“.

Auch im Unterhaus stellte der Labourabgeordnete Richard Stokes die moralische Berechtigung des Bombenkriegs öffentlich in Frage. Und Lord Salisbury, Oberhaupt der führenden Familie der Konservativen Partei Großbritanniens, vertrat in seiner Privatkorrespondenz die Ansicht, „dass die Deutschen natürlich damit angefangen haben, aber wir nehmen uns nicht den Teufel zum Vorbild“. Sir Arthur Harris, Chef des Oberkommandos der britischen Bomberverbände („Bomber-Harris“), steht heute zwar in Bronze gegossen im Zentrum von London. Aber er war nach Kriegsende nicht zum Lord ernannt worden wie praktisch alle anderen ranghohen britischen Oberbefehlshaber und wanderte verbittert aus.

Seinen Flugzeugbesatzungen wurden keine besonderen Erinnerungsmedaillen zugestanden, obwohl das „Bomber Command“ 56000 Gefallene zu beklagen hatte; auf den Schlachtfeldern im Ersten Weltkrieg waren nicht so viele britische Offiziere gestorben. „Mit dem Rücken an der Wand“, urteilt der angesehene Historiker John Keegan, Verfasser eines Standardwerks über den Zweiten Weltkrieg, „hatte das britische Volk beschlossen, nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass es sich auf das Niveau des Feindes begab. Nach dem Sieg erinnerte es sich daran, dass es an die Werte des Fair Play glaubte. Der strategische Bombenkrieg, der vielleicht noch nicht einmal als vernünftige Strategie gelten kann, war auf keinen Fall Fair Play.“ Das ins Gedächtnis zurückgerufen zu haben, machte Friedrichs Buch in Großbritannien für viele zum Skandalon.

Mit den Flächenbombardements von Städten wurde ein Prinzip in die Kriegsführung eingebracht, das zuvor nur für die Belagerung von Festungen gegolten hatte. Dort mussten die Bürger, die innerhalb der Mauern einer verteidigten Stadt ausharrten, alle Härten des feindlichen Ansturms erdulden: Beschuss, Hunger und Brandschatzung. Um diesem Schicksal, das Paris teilweise im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erlitten hatte, zu entgehen, hatte die französische Regierung während des Debakels im Juni 1940 die Hauptstadt kampflos übergeben – entgegen Churchills Drängen.

Zwar bombardierte die deutsche Luftwaffe im September 1939 Warschau – aber die polnische Hauptstadt konnte in diesem Sinne als „Festung“ angesehen werden. Und am Nachmittag des 14.  Mai 1940 machten deutsche Flugzeuge das Zentrum von Rotterdam dem Erdboden gleich. Das war das erste militärisch nutzlose Flächenbombardement des Zweiten Weltkriegs, in dem etwa 900 Zivilisten starben; der niederländische Widerstand brach danach völlig zusammen. Doch hatte die Luftwaffe anscheinend eine Meldung der Erdtruppen nicht mehr rechtzeitig empfangen, die Stadt stand sowieso vor der Übergabe.

Bis Mitte Sommer 1940 ließen alle kriegführenden Nationen, von diesen beiden Ausnahmen abgesehen, die feindlichen Großstädte unangetastet. Nur die Bombardierung militärischer Ziele im weiteren Sinn – Flugplätze, Kriegshäfen oder Eisenbahnknotenpunkte – war nach herkömmlichem Kriegsrecht legitim. Bei Ausbruch der Luftschlacht um England bestand Hitler zunächst darauf, die Angriffe auf Flugplätze und die Londoner Hafenanlagen zu beschränken. So groß waren die Ängste vor einem hemmungslosen Terrorkrieg gegen die Zivilbevölkerung, der theoretisch schon angedacht worden war, etwa von dem italienischen Luftkriegsvisionär Giulio Douhet oder den britischen Luftwaffen-Planern Hugh Trenchard und John Slessor, dass keine Seite als Erste die moralische – und durchaus eigennützige – Ächtung des Bombenkriegs im Hinterland des Feindes durchbrechen wollte.

Das änderte sich, je länger sich die Schlacht um England ohne entscheidendes Ergebnis hinzog. Am 24.  August 1940 lud eine deutsche Maschine, die sich verirrt hatte, ihre Bombenlast über Ostlondon ab. In der folgenden Nacht flog die Royal Air Force einen Vergeltungsangriff auf Berlin. Für Hitler war damit die Zeit der Selbstbeschränkung vorbei; er entschloss sich zu einer fatalen Eskalation. Am 4.  September verkündete er vor einer jubelnden Menge im Berliner Sportpalast: „Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Ausmaß angreifen – wir werden ihre Städte ausradieren! Wir werden diesen Nachtpiraten das Handwerk legen, so wahr uns Gott helfe. Es wird die Stunde kommen, da einer von uns beiden bricht, und das wird nicht das nationalsozialistische Deutschland sein.“ Eines der größten militärischen Verhängnisse der Kriegsgeschichte nahm seinen Lauf.

Anfangs waren die Deutschen in diesem Schlagabtausch die Überlegenen, obwohl sie gar nicht über schwere strategische Langstreckenbomber verfügten; sie flogen gegen England mit Mittelstreckenbombern, die eigentlich für die Unterstützung der Bodentruppen vorgesehen waren. Ende 1940 zerstörten oder beschädigten sie in der Industriestadt Coventry 60 000 Gebäude (568 Tote). Während des ganzen „Blitz“-Winters 1940/41 brannten London und andere britische Städte. Allein bei einem einzigen Angriff am 29.  Dezember 1940 verursachte die deutsche Luftwaffe in der City of London 1500 Feuersbrünste. Noch 1941 konnten die Briten keiner deutschen Stadt vergleichbare Schäden zufügen. Die Verluste der Flieger des „Bomber Command“ waren im Laufe des ganzen Jahres 1941 höher als die Zahl der Opfer in den bombardierten Städten; 700 Maschinen der Royal Air Force kehrten von ihrem Einsatz nicht zurück.

Erst Anfang des darauffolgenden Jahres, als die Wehrmacht auch am Boden, vor Moskau, ihren ersten großen Rückschlag hatte hinnehmen müssen, begann sich das Blatt zu wenden. Neue, erheblich verbesserte Angriffsflugzeuge (vom Typ „Halifax“ und „Lancaster“) wurden in Dienst genommen, genauere Navigationshilfen und Zielsuchgeräte erhöhten die Wirkung und die Eindringfähigkeit der Maschinen beträchtlich. Und den Oberbefehl übernahm ein Mann, der weder Zweifel noch Skrupel kannte: Arthur Harris, damals 49, ein engstirniger Offizier, für den der Bombenkrieg eine Obsession war. „Viele Menschen sagen, mit Bomben lässt sich der Krieg nicht gewinnen“, sagte er kurz nach Amtsantritt im Februar 1942. „Meine Antwort lautet, wir haben es noch nicht versucht. Warten wir es ab.“

Die Generalprobe erfolgte in der Nacht vom 28. zum 29.  März 1942 bei einem Einsatz gegen Lübeck, eigentlich ein nachrangiges militärisches und industrielles Ziel. Die mittelalterliche Backsteinarchitektur der historischen Hansestadt wurde in großen Teilen bis auf die Grundmauern zerstört; es gab 320 Tote. Die britischen Verluste dagegen blieben diesmal gering: Die Bombergeschwader kehrten zu 95 Prozent unversehrt zurück. „Bomber-Harris“ war begeistert, er gab sich überzeugt, dass er nunmehr die Zauberformel für den Sieg gefunden hatte. „Ich wollte meine Besatzungen Blut lecken lassen … Sie sollten zur Abwechslung mal ein Erfolgserlebnis haben“, prahlte Harris mit makabrem Zynismus.

Zugleich fielen die letzten Bedenken. Immer mehr Brandbeschleuniger wurden den Bomben und Luftminen beigemengt; so wurden, bei entsprechenden Wetterbedingungen, jene entsetzlichen Feuerstürme entfacht, die zum Beispiel in Hamburg, Kassel, Darmstadt, Wuppertal und Magdeburg wüteten. Als die Brände im Juli 1943 in Hamburg erloschen, war mehr als die Hälfte der Wohnungen zerstört, und mindestens 34 000 Einwohner waren tot, darunter viel mehr Frauen als Männer. Die Überlebenden standen unter Schock. Fasziniert beobachtete der spätere Verleger Gerd Bucerius die britischen Angriffswellen. Als er die Leichen in der verwüsteten Innenstadt sah, empfand er „Grauen und Mitleid“, aber auch: „Ihr, die Toten, habt es so gewollt.“

Friedrich, Jahrgang 1944, hat diese Leidensgeschichte eindrucksvoll dokumentiert und spannend erzählt. Längst ging es nicht mehr vorrangig darum, die Rüstungsproduktion direkt zu treffen. Das Ziel war vielmehr die „Enthausung“, die großflächige Vernichtung von Wohnraum, vor allem in Arbeitervierteln. Denn die Bomber-Patrizier in London blieben ihren Klassenvorurteilen verhaftet; sie glaubten, wie der britische Militärhistoriker und Stratege Basil Liddell Hart schon lange vor dem Krieg prophezeit hatte, dass „die Elendsviertel durch Bombenangriffe zu wütendem Aufruhr und Plünderungen getrieben werden“ und in Nazi-Deutschland aus Kriegsmüdigkeit eine Neuauflage der russischen Revolution von 1917 möglich wäre. Sie unterschätzten die Disziplin des deutschen Proletariats gröblich.

Dennoch hätten die Briten die Luftschlacht über Deutschland wohl kaum gewinnen können, wenn sie nicht im Laufe des Jahres 1942 entscheidende Unterstützung bekommen hätten – durch die U.S. 8th Air Force mit ihren schwer bewaffneten B-17 „Flying Fortress“, zu denen später B-24 „Liberator“ und „Mustang“-Begleitjäger mit tausend Kilometer Reichweite kamen. Die Amerikaner konnten anscheinend unerschöpfliche Reserven in die Materialschlacht werfen. Sie konzentrierten sich, anders als die Briten, auf Tagangriffe und auf Einsätze gegen vermeintliche „Engpässe“ der deutschen Kriegswirtschaft statt auf Wohngebiete. Die strategischen Tag- und Nachtangriffe lähmten im Winter 1944/45 das deutsche Wirtschaftsleben. Die Produktionsleistung sank um 30 Prozent bei Stahl, um 25 Prozent im Motorenbau. Am Ende brach das Transportwesen fast vollkommen zusammen.

Das Deutsche Reich erwies sich als zunehmend verteidigungsunfähig. Die Zahl der Bomber über Deutschland nahm weiterhin zu, ihre Verlustrate ging im Januar 1945 zurück auf weniger als ein Prozent der Maschinen pro Einsatz. 1944 hatte die 8th Air Force der Amerikaner dagegen noch 2400 Bomber verloren. In den letzten Monaten konnte die deutsche Luftwaffe mangels Treibstoff ihre wenigen verbliebenen Jäger kaum noch starten lassen. Das Luftschutzsystem band zwei Millionen Männer und Frauen. Die Flak richtete immer weniger aus, weil die schnellen und hoch fliegenden Bomberverbände ihrem Feuer nicht länger als einige Minuten ausgesetzt waren.

Die wachsenden Erfolge der alliierten Bomber gingen einher mit den Niederlagen der Wehrmacht am Boden. Deshalb konnten, als alles vorbei war, die Ideologen des Luftkriegs gegen die Zivilbevölkerung wie Harris behaupten, sie seien die Väter des Siegs gewesen. Beweisen lässt sich das nicht.

Dagegen scheint fest zustehen, dass die Moral der deutschen Zivilbevölkerung trotz der furchtbaren Bombardierungen nie wirklich ins Wanken geriet. John Keegan hat dieser überlebenden Bevölkerung, der im Mai 1945 alle Mittel zum Wiederaufbau fehlten, ein für einen Angehörigen der Siegernation erstaunliches Zeugnis ausgestellt: „Durch nichts bestätigten die Deutschen ihren Ruf, ein diszipliniertes und mutiges Volk zu sein, so überzeugend wie durch die Zähigkeit, mit der die Männer und Frauen in den heimgesuchten Städten 1943 bis 1945 die alliierten Luftangriffe ertrugen.“

Die Frauen vielleicht noch mehr als die Männer, muss man hinzufügen, weil sie an der Heimatfront die Verantwortung für das tägliche Leben und die Familien trugen. Vielleicht wollte Jörg Friedrich, jenseits aller Polemik, nichts anderes aufzeigen, und mit seinem Bestseller den Opfern der Luftangriffe auf Hitler-Deutschland, den hilflosen, wenn nicht unschuldigen Menschen da unten in ihren Kellern und Bunkern, ein literarisch-historisches Denkmal setzen.

Nachwort von Romain Leick zu Der Brand. SPIEGEL-Edition Band 35 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Die Zeit, 28.11.2002
Gespalten zeigt sich Rezensent Volker Ullrich zu dieser Studie über den alliierten Bombenkrieg im Deutschland des Zweiten Weltkrieges. Zum einen sei das Buch tatsächlich, wie vom Verlag behauptet, die erste umfassende Beschäftigung mit diesem Thema: Jörg Friedrich gehe hier sowohl auf die alliierten Bombardierungsstrategie, auf die "Geografie der Zerstörung", auf die auf deutscher Seite unzureichende Vorsorge für den Luftkrieg, auf die "psychologischen Folgen des Bombenkrieges" und auf das Schicksal der Kulturgüter ein. Besonders eindrücklich schildere Friedrich, "wie der Einzelne das Bombardement erlebte und wie er das Erlebte verarbeitete". Und doch: Der Rezensent - selbst im Luftschutzkeller geboren - hat dieses Buch mit "zwiespältigen Gefühlen" aus der Hand gelegt und nennt dafür zwei Gründe: Friedrich versäume es, das im Bombenkrieg erfahrene Leid der Deutschen in den "politisch-militärischen Kontext" zu stellen - schließlich waren den alliierten Bombenangriffen die Bombardierung Warschaus (1939), Rotterdams (1940) und Coventrys (1940) vorangegangen. Und zum zweiten halte sich der Autor, "was die historisch-moralische Bewertung des Geschehens angeht, merkwürdig bedeckt". Oftmals rücke er das Geschehen "semantisch" in die Nähe des Holocausts - Ullrich zitiert: 'Zivilmassaker', 'mongolischer Vernichtungsorkan', 'Krematorien' als Beschreibung der Bunker. Friedrich würde den Vorwurf der Aufrechnung sicher zurückweisen, schreibt Ullrich, der das leichter glauben könnte, wenn der Autor bei seiner Wortwahl "größere Trennschärfe" bewiesen hätte. Bei allem Unbehagen lautet Ullrichs Fazit dennoch, dass mit diesem Buch ein wichtiger Beitrag zur Diskussion vorliegt, der viel "Sprengstoff" enthalte und mit dem man "behutsam" umzugehen sollte.

© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2002
Wichtig und nötig findet Rezensent Andreas Kilb dieses "nachempfindend geschriebene" Buch über die Vernichtung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig widerspricht er dem Vorwurf, Autor Jörg Friedrich stelle damit die Kriegsverbrecherfrage neu. Diese Diskussion in den deutschen Feuilletons sieht Kilb am Wesentlichen des Buches vorbeigehen, dem es nicht um die Feststellung von Schuld, sondern um den Schmerz geht. Von allen "Schrecknissen des zwanzigsten Jahrhunderts" hat die Auslöschung der deutschen Städte wohl am längsten gebraucht, ehe sie "Teil der Geschichtsschreibung" wurde, schreibt der Rezensent. Jetzt haben wir es Kilb zufolge mit einer ersten "Gesamtschau des Bombenkrieges als solchem" zu tun, einem Buch, das die Zeugnisse und Analysen in einer "dem Thema gemäßen Form" zusammenführt. Diese Form erhält das Buch im Wesentlichen durch die Sprache, lesen wir - einen "an journalistischen Vorbildern" geschulten, mit fremden Stimmen spielenden Ton, in dem der Rezensent Sachlichkeit und Sarkasmus sich mischen sieht. "In dem die Sprache birst, wird sie anschaulich", bringt Kilb das stilistische Verfahren des "Stakkatos der Beschreibungen" und der "hysterischen Expressivität" der Texte auf den Punkt. Als "geheimes Kraftzentrum" des Buches, den Impuls, der Friedrichs "katalogartigen Schreckensschilderungen" antrieb, empfindet Kilb jedoch die sorgfältig Beschreibung dessen, was zerstört wurde: indem Friedrichs die Geschichte des Zerstörten schreibe, rette er die Geschichte des Zerstörten.

© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 10.12.2002
Ein "Tabu, das es gar nicht gibt", schreibt Ralph Bollmann, habe Jörg Friedrich mit diesem besonders auch in England heiß diskutierten Buch gebrochen, - also hat er eigentlich gar nichts gebrochen, möchte man dem Rezensenten sagen. Aber der saust weiter und erinnert sich, dass in seiner Kindheit die Eltern und Großeltern enge Innenstädte zwar als pittoresk aber eher unpraktisch empfanden; diese Beobachtung findet er wieder bei Friedrich, der seinerseits meint, die Leute hätten die "fatalen Gehäuse", so zitiert Bollmann ihn, nicht mehr sehen wollen, "in denen sie das Trauma der Luftangriffe erlitten". Ansonsten führt Bollmann uns vor, wie man ein Buch von hinten rezensieren kann: der letzte Teil sei gar nicht so schlecht, der Mittlere bedenklich, "vollends problematisch" werde es am Anfang. Dort widme sich Friedrich "der Täterperspektive", womit die Alliierten gegen Hitler gemeint sind. Hier "verheddert sich Friedrich in genau jenem Dickicht von Aufrechnung und Gleichsetzung", schreibt Bollmann, "von dem er sich in Interviews kokett distanziert." Mit einigen Zitaten belegt der Rezensent seinen Eindruck, weist aber nicht mehr darauf hin, dass, vom Anfang her gelesen, der Rest des Buches seinen Wert als Dokumentation notwendig verlieren muss.

© Perlentaucher Medien GmbH

Kurzbeschreibung

Fünf Jahre lang lagen Deutschlands Städte im Zweiten Weltkrieg unter Dauerbombardement. Mehr als 600 000 Zivilopfer waren zu beklagen, die historisch gewachsene Städtelandschaft versank unwiederbringlich.

Der Historiker Jörg Friedrich legt die erste umfassende Darstellung dieser Katastrophe vor, die trotz ihrer beispiellosen Dimension im nationalen Gedächtnis der Deutschen kaum Niederschlag gefunden hat.

Der Verlag über das Buch

Als Deutschlands Städte brannten

Klappentext

Das fünf Jahre währende Bombardement deutscher Städte und Gemeinden im Zweiten Weltkrieg ist ohne Vergleich in der Geschichte. Neben der Vertreibung aus den Ostgebieten des Reiches war es die größte Katastrophe auf deutschem Boden seit dem Dreißigjährigen Krieg. Bombardiert wurden mehr als tausend Städte und Ortschaften. Auf 25 Millionen Zivilpersonen, überwiegend Frauen, Kinder und Alte, fielen über eine halbe Million Tonnen Spreng- und Brandbomben. 600 000 Todesopfer und der unwiederbringliche Verlust der seit dem Mittelalter gewachsenen Städtelandschaft waren zu beklagen.

In der nationalen Erinnerung haften die Fanale von Dresden und Hamburg. Das Los von Pforzheim, Dortmund, Darmstadt, Krefeld, Kassel und zahlreicher weiterer Städte, die ebenso eingeäschert wurden, ist kaum bekannt. Bis heute existiert keine umfassende zeitgeschichtliche Darstellung, die die tatsächliche Dimension des Geschehens und das Schicksal der Betroffenen erfasst.

Der Berliner Historiker und Publizist Jörg Friedrich, der sich durch Bücher über den NS-Vernichtungskrieg einen Namen gemacht hat, legt nun das längst überfällige Werk über diese von Briten und Amerikanern systematisch geplante und durchgeführte Terrorkampagne gegen Deutschlands Städte und ihre Bewohner vor. Auf breiter Quellenbasis schildert er die Entwicklung und Perfektionierung der Bombenwaffe, ihre verheerende Auswirkung am Boden, das traumatische Erleben der in Bunkern und Kellern ausharrenden Bevölkerung, den Tod durch Hitzschlag, Luftdruck und Brandgase und den Untergang eines unermesslich reichen Kulturerbes. Eine befremdliche Lücke in unserem nationalen Gedächtnis wird endlich geschlossen.

Über den Autor

Jörg Friedrich, geboren 1944 in Kitzbühel/Tirol. In Standardwerken der Zeitgeschichtsschreibung hat er die Staats- und Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus erforscht. Er hat an der »Enzyklopädie des Holocaust« mitgewirkt, zahlreiche Fernsehsendungen über die Kriminologie des Land- und Luftkriegs produziert und für sein Schaffen internationale Auszeichnungen erhalten. Friedrich lebt in Berlin.
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