Sudden death
Judith Kuckarts Roman «Der Bibliothekar»
Es gehört zu den heikelsten Unternehmungen, einen weltfremden und sinnesfeindlichen Intellektuellen zum Protagonisten eines Romans zu machen. Judith Kuckart scheut in ihrem neuen Buch dieses Risiko nicht: Hans-Ullrich Kolbe, ihr «Held», hat es in seinem bisherigen Leben zu allem gebracht, was einen anämisch-faden Zeitgenossen auszeichnen könnte. Als Pfarrerssohn aufgewachsen, braver Anhänger der Sozialdemokratie und des Bachschen Kantatenwerkes, Bibliothekar, genauer: Spezialist für Abkürzungsverzeichnisse, im Hauptberuf, Dozent in schöngeistigen Angelegenheiten all das macht ihn zu einem dauerhaft «eingerosteten Menschen», im Berlin der achtziger Jahre.
Zumindest scheint es so, bis Kolbe jählings beschliesst, sein Leben umzukrempeln. Auslöser dieser Kehrtwende ist ein letztes Mal ein Buch: eine kulturgeschichtliche Monographie über das Pariser Lokal Crazy Horse. Die offenkundig anregende Lektüre markiert den «Knick» einer zuvor halbwegs geordneten Biographie; Kolbe erkennt, dass es «schon spät in seinem Leben» ist, will noch einmal die Liebe erleben und macht sich auf, durch die Berliner Amüsierszene zu streunen. Das Ergebnis lässt nicht lange auf sich warten: In einer Live-Show lernt er die aufreizend schöne Jelena kennen, die eigentlich Elisabeth heisst, aus einem Dortmunder Arbeiterviertel stammt und ein Vierteljahrhundert jünger ist als ihr neuer Verehrer.
Was dieser Exposition folgt, ist das nachgerade klassische Muster einer Amour fou. Judith Kuckart gelingt es, mit wenigen Strichen das Tohuwabohu nachzuzeichnen, das nun im Tagesablauf ihres Bibliothekars entsteht. Nach und nach entzieht sich dieser den bürgerlichen Anforderungen, mietet ein Liebesnest in einer Pension an und kündigt zuletzt seine Anstellung. In grossen Tableaus entfaltet sich eine Leidenschaft, die nicht nach Unwägbarkeiten fragt und wie es eben so ist selbstverständlich in Kauf nimmt, dass die junge Geliebte ein tückisches, ein womöglich falsches Spiel spielt. Der Intellektuelle als tumber Tor: Erneut greift der Text ein landläufiges Klischee auf, ohne dieses zu bekräftigen oder zu negieren. Denn selbst als sich Kolbe, Thomas Manns «Tod in Venedig» nacheifernd, mit Jelena nach Italien aufmacht, schwankt die Szenerie zwischen der Lächerlichkeit eines alternden Liebhabers und dem bitteren Ernst einer grossen Passion.
Und das Ende? Die Katastrophe, unweigerlich: Kolbe sieht sich von Jelena getäuscht, und eine letzte Zusammenkunft endet mit Jelenas mysteriösem Tod. Tötete er sie mit dem Rasiermesser, oder starb sie eines natürlichen «sudden death in der dreiundneunzigsten Minute ihres letzten Spiels»? Das bleibt unklar, und auch die zwölf Jahre später spielende Rahmenhandlung um Kolbes Tochter Sophie löst dieses Rätsel nicht zweifelsfrei auf. Der Roman versinkt in einer Sphäre des Unentschiedenen, die seinen künstlerischen Reiz ausmacht.
Ohne Netz und doppelten Boden gesagt: «Der Bibliothekar» ist einer der besten Romane, die in den letzten Jahren im deutschen Sprachraum erschienen sind. Sein Erzähltempo ist raffiniert ausgeklügelt, und sein Raffinement schafft einen poetischen Schwebezustand, wie er sehr selten anzutreffen ist. Kleine, unscheinbare Szenen und Randfiguren Jelenas Schluckauf, Kolbes Mutter in Tübingen, Frau Marotzke, die rosige Frau an der Peep-Show-Kasse erzählen viel und lassen noch mehr offen.
Und vor allem ist «Der Bibliothekar» ein Roman, der mit seinen sprachlichen Mitteln haushält und keinen Satz ungeschützt vor seine Leser treten lässt. Judith Kuckarts knappe, strenge Syntax wirkt karg, fast kühl auf den ersten Blick; wer sich freilich ihrem Rhythmus und ihren ungemein einprägsamen Bildern anvertraut, nimmt staunend ein Phänomen wahr, das man früher vielleicht Schönheit genannt hätte: «Hans sah Jelena mit ihrem Ventilator unter dem Baum sitzen. Noch nie hatte er sie so zärtlich betrachtet wie durch diese Scheibe. Er würde für immer bei ihr bleiben. Wenn er die Gefühle dieses Augenblicks jetzt halten könnte? Er würde bleiben, auch wenn Jelena mit den Jahren die Kontur verlöre und eines Tages sich von der Umgebung durch nichts unterschiede als durch die Farbe des Badeanzugs.»
Die Geschichte von Hans und Jelena ist auch eine, die um die vertrackte Beziehung zwischen Er-lesenem und Er-lebtem kreist. «Leseerfahrung war keine Erfahrung mehr für ihn», heisst es im Blickwinkel des bekehrten Bibliothekars, der aufwühlende Gefühle nicht mehr aus Romanen, also aus zweiter Hand, kennenlernen möchte. Doch das neue Leben, das mit Jelena einsetzt, schont den Mann nicht. Am Ende steht die Suche nach der «Körperstellung, in der sich am besten gegen Tränen ankämpfen liess», und die bequeme Position im Lesesessel kann das nicht mehr sein. Und welches, bitte, ist nun das richtige, das glückliche Leben? Judith Kuckarts Roman weiss darauf keine Antwort, und das ist gut so.
Rainer Moritz