Das Buch hat die höchsten Weihen der deutschsprachigen Literaturmedien erhalten: einhellige Befürwortung, ja nahezu Begeisterung im „Literarischen Quartett" des ZDF. Doch wer die eventuell aufgetretenen Bedenken gegen derartige Heiligsprechung durch Marcel Reich-Ranicki & Co. überwindet, der entdeckt mit Per Olof Enquists „Der Besuch des Leibarztes" tatsächlich eine der besten Neuerscheinungen des letzten Jahres.
Der vielseitige 1934 geborene schwedische Schriftsteller, der in seiner Heimat mit einem Theaterstück über August Strindberg bekannt wurde, feiert mit seinem dritten Roman den Durchbruch auch im deutschen Sprachraum. Zurecht, denn das als historischer Roman angepriesene Buch sprengt die Grenzen dieses Genres bei weitem.
Schauplatz des Buches ist das Dänemark der 60er und 70er-Jahre des 18. Jahrhunderts, beim Titelhelden handelt es sich um den deutschen Grafen Johann Friedrich Struensee, den aus Altona bei Hamburg stammenden Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. Zwischen dem Herrscher, der - so sind sich die Historiker einig - an einer nicht näher bekannten Geisteskrankheit litt und seinem Arzt entwickelt sich rasch ein besonderes Vertrauensverhältnis, das so weit geht, dass Christian auch seine junge Königin unter Struensees besonderen Schutz stellt. Herzstück des Romans ist ein Sommer, den das Königspaar mit Struensee, der sich inzwischen in die Königin verliebt hat, auf einem entlegenen Schloss in der dänischen Provinz verbringen. Struensee weiht die Königin dort nicht nur in die Liebe, sondern auch in seine Gedankenwelt ein, die von der Aufklärung geprägt ist. Und da Christian ihm mittlerweile auch die Staatsgeschäfte voll und ganz überlassen hat, regiert Struensee an seiner Stelle Dänemark, erlässt in kurzer Zeit mehrere hundert Dekrete und erreicht eine aufklärerische Revolution der Tinte zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution. Doch es kommt, wie es kommen muss: Da Struensee sich weigert, seine Machtbefugnisse auch zur Ausschaltung seiner gefährlichen politischen Gegner zu nutzen, wird er von diesen des Hochverrats beschuldigt, verurteilt und hingerichtet.
Was macht nun Enquists „Besuch des Leibarztes" zu einem so außergewöhnlichen Buch? Da wäre zunächst seine Sprache: In einer schmucklosen und doch in Satzbau und Duktus sehr poetischen Sprache erweckt Enquist die mehr als 200 Jahre zurückliegenden Ereignisse zum Leben und macht aus der Geschichte des Scheiterns eines Aufklärers eine faszinierende und zeitlose Parabel auf Macht und Moral.
Außerdem versteht er es, seine Figuren allesamt menschlich zu gestalten und die sonst gerade in historischen Romanen häufigen Klischees zu vermeiden. Sein Struensee ist ein grundguter, aber allzu blauäugiger Intellektueller, der für das Volk kämpft, ohne es wirklich zu kennen oder in allzu intensiven Kontakt mit ihm zu treten. Er liebt die Königin von ganzem Herzen, die cleverer und einfühlsamer ist als er, und doch bisweilen ein wenig zu kühl wirkt neben dem engagierten Struensee. Meisterleistungen der Charakterisierung gelingen Enquist bei Christian VII., in dessen gütige, aber erratische Persönlichkeit man sich hineingezogen fühlt, ohne sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Dunkle Faszination und Mitleid wechseln sich schließlich ab beim protestantischen Eiferer Guldberg, der Gegenspieler Struensees und zugleich dessen dunkles Alter Ego ist. Durch seine Kleinwüchsigkeit und Impotenz zeitlebens von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt, rächt er sich permanent an der Welt, indem er sie seinen Vorstellungen anzupassen sucht. Und während Struensee in seiner Naivität glaubt, allein durch seine klugen Dekrete die Macht sichern zu können, sucht und findet Guldberg Verbündete und triumphiert am Ende gegen die Menschlichkeit seines Widersachers.
Zuerst langsam und dann immer überwältigender wird das zentrale Thema des Romans aufgebaut: der scheinbare Widerspruch zwischen Macht und Menschlichkeit. Das Schicksal Struensees, der sich weigert, seinen vielen Dekreten einige hinzuzufügen, die seine Widersacher aus dem Wege räumen, hat zwar die Macht und will Gutes tun, kann es aber nicht, da er samt seinen Dekreten beseitigt wird. Hinter diesem Vorgehen, das auf den ersten Blick schlicht ein taktisch dummes Verhalten eines Amateurpolitikers zu sein scheint, verbirgt sich jedoch die zutiefst moralische Überzeugung des „Anti-Macchiavelli" Struensee, der seine Machtposition sich selbst gegenüber nicht mehr rechtfertigen könnte, wenn er seinen Grundsätzen zuwider handelte. Aus der scheinbaren Niederlage Struensees lässt Enquist in den Szenen von Struensees Hinrichtung einen menschlichen Triumph ersten historischen Ranges entstehen, und diese Passage gehört zu den bewegendsten des Buches und der Literatur überhaupt.