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37 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
„Der Besuch der alten Dame", ein Titel - harmlos - der nicht vermuten lässt, welches Ausmaß die Gesellschaftskritik in einer ‚tragischen Komödie', einer - wohlgemerkt - dürrenmattschen ‚tragischen Komödie' annehmen kann. Auch ich - anfangs zweifelnd ob Dürrenmatts Können im Dramenbereich - wurde binnen kürzester Zeit des Lesens in den Bann dieses Dramas gerissen, und kam nicht umhin es zu rezensieren. Kaum ein anderes Drama verstand es mich so zu fesseln, wie das um den Besuch der alten Dame, Claire Zachanassian, die - gleich der Göttin Nemesis? - ausgleichende Gerechtigkeit sucht. Ja, göttlich, so wird sie dargestellt, so fühlt sie sich - doch ist sie nicht nur ein Götzenbild? Über Leben und Tod entscheiden. Ist dies einem Menschen gegeben, einem Menschen über dessen Leben einst auch - wenngleich auch nicht im selben Maße - entschieden wurde? Einem Menschen, der gebrandmarkt wurde, arm und verachtet seine Heimatstadt verließ und nun - märchenhaft reich - zurückkehrt? Claire Zachanassian, oder auch Kläri Wäscher - wie sie von den Güllenern genannt wird - ist ein solcher Mensch. Als junge Frau, vom Güllener Architektensohn Alfred Ill geschwängert, verliert sie auf Grunde von Aussagen bestochener Zeugen einen gegen ihn gerichteten Vaterschaftsprozess. Geächtet verlässt sie die Stadt, es folgt eine schwere Zeit, doch letztlich - wie heißt es doch? „Das Leben schreibt die schönsten Geschichten." - kehrt sie, als homo novus, nach Güllen zurück. Paradox: Die Situation; nicht mehr Kläri ‚Claire' Zachanassian ‚Wäscher' ist arm, sondern Güllen, der Ort vergangener Jugendträume. Kehrt mit ihr auch der Wohlstand zurück? Die Güllener - allen voran Alfred Ill - bauen darauf. Nicht an der Person Zachanassian interessiert - einzig an ihrem Geld - empfangen sie die „alte Dame", ohne zu ahnen was geschehen wird. Naiv sind sie, allzu menschlich, ehe sie bemerken, dass sie, die Bürger der einst florierenden Stadt, bald vor die - schwerste? - Frage ihres Lebens gestellt werden. Gelten Prinzipien auch dann noch, wenn eine beträchtliche Summe Geld ins Spiel kommt? Welchen Preis hat ein menschliches Leben? Das Leben Ills - des Menschen, der egoistisch und anmaßend über Claire Zachanassians Zukunft entschied, der vor Gericht log und die Gerechtigkeit bestach. Das Leben des Menschen, der neuer Bürgermeister von Güllen werden soll. Das Leben des Menschen, der seine Schuld verdrängt hat und nicht bereut. Nun, das Leben eines Menschen lässt sich nicht in Geld aufwiegen? Falsch! Claire Zachanassian bietet den Güllenern eine Milliarde ihres Vermögens, ein Drittel ihres Reichtums für das Leben, nein!, für den Mord an ihrem ehemaligen Geliebten, dem Mensch der sie verrat. Eine Milliarde: Fünfhundert Millionen der Stadt, fünfhundert Millionen den Bürgern: Genug Geld um Güllen in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, genug Geld um die Bürger Güllens zu wohlhabenden Menschen zu machen! Auch genug Geld, um sie zu Mördern zu machen? Nein, zentrales Thema dieses Dramas ist meines Erachtens nicht die Frage: „Werden die Güllener zu Mördern? Lassen sie sich vom Reiz des Geldes dazu veranlassen, ihre Prinzipien zu missachten?" Vielmehr ist das zentrale Thema die Frage: „Wie verhielten sich Menschen im Hier und Jetzt, wie verhielte ich mich? Ließe ich mich vom Reiz des Geldes zum Mörder machen? Ließe ich mich von einem einstigen Opfer, dass nun zum Täter wird, ob meiner Prinzipien bestechen?" Doch damit nicht genug, weitaus wichtiger ist die Frage: „Was täte ich - bliebe ich denn meinen Prinzipien treu - um die Menschen von der Tat abzuhalten? Wie verhielte ich mich der Gemeinschaft gegenüber? Dem Opfer?" Deutlich erkennbar - allein an meiner bewussten Verbwahl - ist mir der Aspekt des Verhaltens, das Verhalten des Einzelnen. „Beuge ich mich der Masse, oder schwimme ich gegen den Strom? Handele ich richtig oder falsch?" Zwiesprache mit dem eigenen Gewissen halten - sich selbst hinterfragen, aber auch das Verhalten anderer: Dürrenmatts Drama bewog mich dazu, wenn hierbei auch die von ihm sicherlich intentionierte Kritik an der Gesellschaft im Allgemeinen - derer Entwicklung - im Hintergrund zu bleiben scheint. Aber für mich ist schon die alleinige Kritik am Verhalten einzelner - wenn in meinem Falle auch vordergründig auf ‚Einzelpersonen' bezogen - Kritik an der Gesellschaft ‚im allgemeinen'. Sicherlich, auch der Aspekt der heutigen Rolle des Geldes - einstmals nur Tauschmittel - spielt meines Erachtens eine nicht unerwähnenswerte Rolle: Jedoch ist dieser ja schon, wenn auch nicht ausgesprochen, in die kritische Hinterfragung Verhaltens Einzelner und ‚Vieler' impliziert . Er sollte meiner Meinung nach nicht zu sehr in den Vordergrund gestellt werden, da hierdurch die Übertragbarkeit auf Situationen im alltäglichen Leben besser gewahrt bleibt. Nahezu meisterhaft, s.s.v., versteht es Dürrenmatt, die Gesellschaft zu kritisieren, ohne hierbei explizit anprangernd zu wirken. Er bedient sich hierzu einer eigenständigen Form des Dramas, der tragischen Komödie. Recht eigenwillig - seine Art Elemente von schwarzem Humor und Satire in sein Stück einzubetten. Dürrenmatt schafft es so, eine gewisse Distanz zum tragischen Geschehen aufzubauen. Brecht bezeichnete dies wohl als eine Art V-Effekt, da sich der Zuschauer, bzw. Leser durch die Distanz zum Geschehen immer darüber im klaren ist, dass er sich in einer Theateraufführung befindet. Dies wird u.a. durch die mitunter ebenfalls eigenwillige Bühnenbildgestaltung unterstützt. Es liegt nahe, dass sich Leser und Zuschauer auf Grund dieser Art des V-Effektes während des Lesens bzw. Zuschauens, die Intention des Stückes hinterfragen. Zusammenfassend komme ich zu dem Schluss, dass Dürrenmatts Drama „Der Besuch der alten Dame" zu jenen gehört, die sehr empfehlenswert und - nicht zuletzt zur Freude des Publikums - unterhaltsam sind, ohne dabei der reinen Unterhaltung zu dienen. Jedem, der sich einmal Fragen wie beispielweise „Wie steht es um die menschliche Moral, wie stark ist die Versuchung? Welche Stellenwert nimmt Verantwortung für den Einzelnen, welchen für eine Gruppe ein? Gibt es ein kollektives Versagen, oder versagt nur das Individuelle?" gestellt hat, empfehle ich Dürrenmatts Drama uneingeschränkt, und für jene, die sich nie eine dieser Frage gestellt haben, sehe ich es als Pflichtlektüre an.
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28 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 8. März 2004
Nach Jahren kehrt die Multimilliardärin Claire Zachanassian vormals Kläri Wäscher in ihren aus seltsamen Gründen total verarmten Geburtsort Güllen zurück. Sie verspricht den Einwohnern der Stadt den riesigen Betrag von einer Milliarde zu schenken, doch ist diese Schenkung an eine Bedingung gebunden: Sie verlangt den Tod ihres ehemaligen Geliebten Alfred Ill, der sie damals geschwängert und sitzengelassen hat und mittlerweile hohes Ansehen im Dorf genießt. Zuerst verweigern die Einwohner diese Bluttat, doch stürzen sie sich langsam aber beständig in immer höher werdende Schulden. Und so rückt das Unausweichliche immer näher...
Dieser Text eröffnet einem die Abgründe der menschlichen Seele, die, geleitet von Rachegelüsten zu den grausamsten Taten bereit ist. Auch zeigt Friedrich Dürrenmatt wie schnell sich Meinungen und Weltanschauungen unter der richtigen Beeinflussung ändern und umschlagen.
Ich kann jedem diese Buch nur empfehlen um sich einerseits selbst auf die Schliche zu kommen, andererseits um zu erkennen, dass die Menschen um einen herum nicht immer das sind was sie vorgeben und auch nicht immer so handeln.
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33 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 17. April 2007
Obwohl auch ich das Buch als schulische Zwangslektüre kennengelernt habe, habe ich bis heute noch keine Abneigung dagegen entwickeln können. Denn statt platt moralisierend den Juristen nach dem Mund zu reden, offenbart dieser Text einen nachvollziehbaren Fall von Selbstjustiz. Die "alte Dame" (Claire), die mit ihrem angeheirateten Reichtum ein ganzes Dorf (und sogar dessen Familie) gegen seinen spießigsten Mitbürger aufbringt, ist das Entwicklungsendstadium eines verlassenen, betrogenen, vergewaltigten Mädchens, das in einer schlechten Welt zunächst eine Ausgelieferte, eine Ausgestoßene war. Diese anfängliche gesellschaftliche Randposition hat sie a) zwar teils ihrer eigenen Dummheit zu verdanken (weil sie sich mit dem Spießbürger Ill eingelassen hat), ist b) aber in letzter Konsequenz auf die Charakterschwäche und die konspirativen Unternehmen Ills zurückzuführen, der sich als so wenig vertrauenswürdig und so menschlich-unanständig erwiesen hat, daß man ihm glatt ein halbes Dutzend Ohrfeigen verpassen möchte, als die Geschichte im Buch nach und nach offengelegt wird.

Indem die junge, an der Welt gescheiterte Claire sich selbst in deren Schlechtigkeit einfügt und nach und nach zu der Furie mutiert, die sie (hat man den Eindruck) besser von Anfang an gewesen wäre, schafft sie es, gesellschaftlich aufzusteigen. Nicht mit Unschuld, Nettigkeit, Liebe und sonstigen hübschen Konzepten kommt sie voran, sondern nur indem sie zum sich prostituierenden, halb-anorganischen Monster wird, das am Ende seines Lebens die Rache an dem Verräter Ill vollenden will. Dazu benutzt sie das Geld, daß ihre zahlreichen (verstorbenen) Ehemänner ihr hinterlassen haben und einen Panther, der ihrem Heimatdorf die Ausrede liefert, sich zu bewaffnen und auf Raubtierjagd zu gehen - wobei Ill sehr schnell merkt, daß nicht mehr nur die Katze auf der Abschußliste steht, sondern daß seine Mitbürger über seine Untaten informiert sind und darüber nachdenken, ob sie ihm nicht eine Kugel verpassen sollen, um sich Claires unsterblichen Dank und ein beträchtliches inoffizielles Kopfgeld zu sichern...

Man fühlt sich im Verlauf der Geschichte regelrecht auf Claires Seite gedrängt. Sie, die zu Anfang gut war (vielleicht etwas naiv und zu neugierig in sexuellen Angelegenheiten, aber das ist ja nicht per se schlecht), konnte nur überleben, indem sie sich der Realität stellte und zu einem ebenso amoralischen, hinterhältigen Menschen wurde, wie es all die Kleinbürger in ihrer Umgebung schon waren. Sie hätte untergehen können, ihre Chancen standen denkbar schlecht, doch mit einem aus ihrem Rachedurst entspringenden Lebenswillen hat sie sich nach oben gearbeitet, hat sich in der Tat gegen sich selbst, gegen ihre Persönlichkeit, ihre körperliche und geistige Selbstbestimmtheit gewandt, um am Ende nicht als Verliererin dazustehen.

Im selben Maße, in dem man ihre Geschichte nachzuvollziehen beginnt, verliert Ill rapide an Sympathien. Es wird klar, daß seine "Verbrechen", die tatsächlich widerwärtig sind, zutiefst von Feigheit zeugen und eine beachtliche kriminelle Energie offenbaren, in seinem Umfeld unter normalen Umständen nicht bestraft würden. Er lebt als unbescholtener Bürger, hatte ein ruhiges Leben und muß sich nicht davor fürchten, daß irgend jemand ihn vor Gericht zerren könnte. Daher erzeugt es so etwas wie eine tiefempfundene Erleichterung, als ihm durch Claires Aktion nun doch noch die Rechnung für sein Verhalten präsentiert wird. Ihm widerfährt Gerechtigkeit, wie man sie sich manchmal in realen Gerichtssälen wünschen würde, wenn wieder einmal ein mildes Urteil gesprochen wird angesichts eines Verbrechens, das nur als bestialisch zu bezeichnen ist.

Eben das hebt dieses Buch deutlich von anderer Schullektüre ab: Dem Leser wird erlaubt, sich dem Konzept der Selbstjustiz hinzugeben, es mit Claire, Ill und der Dorfbevölkerung zu erleben, zu bewerten, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Es führt zu leidenschaftlichen Diskussionen zu einem emotionsgeladenen Thema, das man häufig auch so in den Medien antreffen kann, das also immer über eine gewisse Aktualität verfügt. "Der Besuch der alten Dame" belehrt nicht mit erhobenem Zeigefinger - hier darf man seinem ureigenen Gerechtigkeitssinn einmal die Zügel schießen lassen, sich aufregen, toben, sich als Anwalt des Teufels hinstellen, kühl im Sinne des Gesetzes argumentieren oder hitzig dagegen. Wenn ich an viele andere gelangweilte, mit verhaltenem Gähnen durchlebte Buchbesprechungen denke, glaube ich, daß man über ein solches Buch einfach froh sein muß. Und selbst wenn es nicht zu schulischen Zwecken gelesen wird - die Argumentationslawine, die es im Kopf des Lesers lostritt, läßt sich auch wunderbar allein zu Hause genießen; gegebenenfalls kann man einen plötzlich auftauchenden armen Mitmenschen mit seinen Gedanken dazu bombardieren; auf jeden Fall aber wird man einen Ausbruch geistiger Tätigkeit erleben, der berauschend ist.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 29. März 2015
Rezension zum Drama „Der Besuch der alten Dame“
„Der Besuch der alten Dame“ ist eines der Bücher, die man vielleicht zweimal lesen muss, um sie zu verstehen. Aber wenn man die Message dann verstanden hat, ist sie einfach nur genial.
Dürrenmatt beschreibt eine alte Dame, Claire Zachanassian, die in ihr altes Heimatdorf Güllen zurückkehrt, um sich zu rächen. Sie bietet dem Dorf eine Milliarde, wenn jemand ihren alten Geliebten Alfred Ill umbringt. Dieser leugnete vor 45 Jahren die Vaterschaft ihres gemeinsamen, ungeborenen Kindes vor Gericht, indem er zwei Zeugen bestacht, die vorgaben, mit ihr (Claire) geschlafen zu haben. So zwang er Claire, das Dorf zu verlassen. Sie heiratete später einen Milliardär und als er starb, war sie im Besitz von drei Milliarden.
Als sie nun in ihr altes Heimatdorf Güllen zurückkehrt, weigern sich die Bürger zunächst, das Angebot anzunehmen. Mit der Zeit wird die Gelegenheit das Geld zu bekommen immer verlockender und sie verschulden sich immer mehr…
Mit seinem treffenden grotesken Schreiben inszeniert Dürrenmatt das Drama auf der einen Seite lustig, aber auch bitterernst spricht er die Schattenseiten der Gesellschaft an. Die Güllener verschulden sich aus Leichtsinn, aus dem Gefühl heraus, es lasse sich schon alles arrangieren. Sie sind Menschen wie wir alle, nicht böse, nur versuchen sie, aus ihrer bitteren Armut zu entkommen. Die alte Dame versucht ihres Zeichens wie eine griechische Göttin ihre ungerechte und schlimme Vergangenheit zu verändern, indem sie den in ihren Augen Schuldigen umbringt. Dies wird vielerorts durch ihr kühles Verhalten deutlich, das Dürrenmatt unterhaltsam zu beschreiben weiß. Sie versucht die Gerechtigkeit, die sie zweifelsfrei neu definiert, mit Geld zu erlangen. Zum Opfer fällt dem ihr ehemaliger Geliebter, der bald von allen isoliert, seine Schuld einsieht und dem Zorn seiner Geliebten, der Macht des Geldes, zum Opfer fällt.
Und eben diese Macht des Geldes kennzeichnet die Hauptaussage des Buches. Menschen wie wir alle, nur in völliger Armut, fallen ihr zum Opfer und so ist dies eine Geschichte der Gegenwart, die sich auch noch heute so abspielen könnte. Und so sehe ich es auch als wichtig an, dieses Buch im Unterricht zu behandeln und dieses perfekt geschriebene Drama von F. Dürrenmatt zu verstehen und sich auch bewusst zu machen, was Geld und Besitz mit uns machen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 19. Oktober 2013
In seiner tragischen Komödie "Der Besuch der alten Dame" aus dem Jahre 1955 (Neufassung anno 1980) zeigt der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Friedrich Dürrenmatt (1921-1990), wie das allerseits als Allheilmittel erachtete Geld die schuldigen Menschen nicht aus ihrer Schuldkrankheit hinausheilt.
In Güllen, einem Städtchen in der Schweiz, erscheint nach etwa 45 Jahren eine ehemalige Mitbewohnerin: die nunmehr Milliarden schwere Claire Zachanassian, die dort einst mit einem unehelichen Kind und bettelarm in einem Gerichtsprozess als Hure gebrandmarkt wurde, weil der Vater des Kindes seine Vaterschaft leugnete und gedungene Zeugen für Claires Vielmännerei vorbrachte. In der letzten Zeit vor ihrer Wiederkunft kaufte sie die einzige Fabrik des Städtchens und ließ sie stilllegen. Alles eignete sie sich an, um es verkommen zu lassen, sodass die Einwohner des Städtchens die bittere Armut erleben mussten, welche auch Claire einst durchlitten. Nun kommt sie und bietet der Stadt und ihren Bewohnern offen eine Milliarde Franken unter der Bedingung, dass der damalige Vater des Kindes, Alfred Ill, getötet werde.
Unter lautem Protest wird um der Menschlichkeit willen dies unmoralische Angebot abgelehnt. Zu selber Zeit aber wird allgemein angenommen, dass die Milliarde doch so oder so gezahlt werde, und jedermann kauft alles Mögliche bei allen Händlern auf Pump. Die so entstehende und wachsende Verschuldung erhöht den Druck, die Milliarde bekommen zu müssen, sodass die Frage der Tötung des Alfred Ill zunehmend klarer und öffentlicher beantwortet wird. Am Ende wird Ill sogar an seiner Abreise aus dem Städtchen gehindert und vor eine Volksversammelung gebracht, die ihn schuldig spricht, einen Meineid geleistet zu haben und der Vater jenes Kindes gewesen zu sein. Und für diesen Meineid vor 45 Jahren wird er dann dazu verurteilt, gewaltsam getötet, sprich: ermordet zu werden. Das Urteil wird unmittelbar vollstreckt.
Die Bewohner des Städtchens atmen auf: Jetzt ist die Armut weg! Zwar ist ein Bürger, der einen Meineid der Vaterschaftsleugnung geleistet hat, ermordet worden; aber das ist ja nebensächlich, denn die Hauptsache ist das Geld, das jetzt wieder da ist. Es lebe die edle, hochherzige Spenderin Claire Zachanassian!
"Man kann alles kaufen.", ist Claires Erfahrung. Und: "Für Geld kann man eben alles haben", weiß ein Bewohner des Städtchens - nur spirituelle Unschuld nicht! Dass für Geld gemordet wird, ist nicht neu. Dies so ungeniert zu tun wie die honorablen Bürger Güllens es betreiben, ist zwar geradezu unfassbar, jedoch irgend wie vollkommen glaubwürdig. Unter dem Vorwande, eine alte Schuld zu tilgen, lädt das Städtchen sich neue, größere auf. Dass dies niemanden stört, Hauptsache, das Geld ist reichlich da, lässt den Menschen als elenden Hanswurst seiner verlogenen Moral erscheinen und setzt Brechts provokantem Wort aus der Dreigroschenoper ("Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral") noch eins auf: "Erst kommt der Wohlstand; die Moral ist egal".
Die Schuld als sein Grundproblem des Seins in seiner Welt erschließt der Mensch zumeist nicht. Statt sie in sich zu vergeben, reagiert er das Problem am Gelde oder mit diesem ab. Aber wie entsteht Schuld? Durch Gesetzesbruch? So entsteht Schuld nur als eine iuristische, die in diesem Drama den Bewohnern des Ortes egal war und ist, sodass Ill als "unschuldig" gelten mochte und zuerst kaum behelligt davonkam. Die eigentliche Schuld aber entstand dardurch, dass Claire ihr empfundenes Leid in dessen vermeintliche Verursacher, also: in Ills und der Einwohner Güllens Schuld verwandelte! Weil sie, Claire, litt, muss jemand dessen schuldig sein; so denkt sie.Dass sie ihrerseits diese Schuld durch die Verwandelung ihres Leides erst gemacht hat, entgeht ihr. So denkt sie, der Rache berechtigt zu sein. Ihre Rache ist der nachmalige Versuch, diese Schuld (die ja eigentlich nur in ihr allein steckt!) dardurch loszuwerden, dass sie in deren vermeintliche Verursacher entgeben werde! Aber weder Unschuld noch Frieden wird sie auf solchem Wege finden. Allein durch Vergebung wird Unschuld und Heilung erreicht.
Trotz dieser Unerschlossenheit ist dies Drama durchwegs "großes Theater"! Unbedingt lesen!
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. Februar 2004
Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame" ist ein sehr anregendes Buch, das von den Themenkreisen Armut/Wohlstand, Rache und Gerechtigkeit handelt.
Die Geschichte spielt in der Kleinstadt Güllen, die an finanziellen Problemen leidet und an der der wirtschaftliche Aufschwung der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts spurlos vorüber gegangen sein dürfte. Abhilfe soll die Multimilliardärin Zachanassian schaffen, die der Kleinstadt einen Besuch abstattet. Sie soll nämlich von ihrem Jugendfreund Ill (er ist ein Einwohner von Güllen) dazu bewegt werden, der Stadt eine ordentliche Finanzspritze zu geben. Nach ihrer Ankunft in Güllen zeigt sie sich tatsächlich hilfsbereit und will der Stadt mit einer Milliarde wieder zu Wohlstand verhelfen - allerdings nur, wenn ein Bewohner Güllens ihre Jugendliebe Ill ermordet. Zachanassian hegt diese Rachegefühle für ihn, da er sie, nach dem sie von ihm geschwängert wurde, als Jugendliche im Stich gelassen hatte. Darum sieht Zachanassian dieses unmoralische Angebot als notwendigen Schritt zur Gerechtigkeit...
„Der Besuch der alten Dame" darf man durchaus zur Grundausstattung jeder Heim-Bibliothek zählen und ist mit Sicherheit lesenswert. Viele komische Momente in der Geschichte sorgen für Unterhaltung und kurzweiligen Lesespaß. Nachdenklich stimmt aber der verdeutlichte Aspekt, wie schnell Menschen für Geld etwas tun (im extremsten Fall sogar morden) - frei nach dem Motto „Geld regiert die Welt".
Die einfach gestrickten Dialoge sind leicht verständlich und aufgrund des Umfanges des Werkes eignet es sich hervorragend als Bettlektüre und ist innerhalb weniger Abende konsumiert.
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25 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Friedrich Dürenmatts Der Besuch der alten Dame wurde ursprünglich als Bühnenstück erdacht und ist deshalb ein Klassiker der besonderen Art.
Hauptsächlich spielt dieses Stück in dem heruntegekommenen Städtchen Güllen. Es beginnt mit dem Besuch der alten Dame, in diesem Fall der ehemaligen Stadtbewohnerin Klär Wäscher, die nun als Multimilliardärin Claire Zachanassian in ihr Heimatstädtchen zurückkehrt und dort bereits als große Wohltäterin empfangen wird.
Aber wie schnell klar wird sind die Motive dieser alten reichen Dame nicht so schön wie man sich erhofft hat. Sie bietet den Einwohnern 1 Milliarde für den Tod ihres Jugendfreundes Ill, der sie einst geschwängert und alleine zurück gelassen hatte.
Zunächst wiederstehen die Einwohner noch dem Ruf der Gier, aber langsam verfallen sie der Macht des Geldes und beginnen das Geld auszugeben dass ihnen zustehen würde wenn Claire ihre Rache bekommen würde.
Es läuft alles auf das unweigerliche Ende hinaus.
Dieses Stück beschäftigt sich auf tragikomische Weise mit dem Thema Gier, was im Verlauf des Stücks sehr deutlich hervorgeht. Für Reichtum, so scheint es, ist jeder bereit über Leichen zu gehen, vor allem wenn man sich selbst nicht die Finger schmutzig macht.
Dürenmatt bietet damit wieder ein interessantes, intelligentes, witziges Stück, das bis auf die passende Länge nichts vermissen lässt.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. September 1999
Milliardärin Claire Zachanassian,geb. Wäscher, kehrt nach Jahrzehnten in ihre, in der Zwischenzeit völlig heruntergekommene Heimatstadt Güllen zurück. Ihr erwarteter Besuch versetzt die, auf eine Finanzspritze spekulierende Bevölkerung in helle Aufregung. Folglich werden allerlei Pläne ersonnen, um dem „verlorenen Kind Güllens„ den erhofften Geldsegen zu entlocken. Eine dabei entscheidende Rolle spielt der allseits beliebte Krämer und künftige Bürgermeister Alfred Ill. Der ehrliche aber ebenfalls verarmte Ill, der vor Jahren eine enge Beziehung zur Zachanassian unterhielt, soll in ihr Heimatgefühle und Spendierfreudigkeit wecken.Die Erwartete trifft nebst 7.Gatten, Gepäck und Sarg ein und erklärt sich sogleich bereit, Güllen und seinen Bewohnern eine Milliarde zu vermachen, vorausgesetzt ihr widerfahre Gerechtigkeit, indem jemand Alfred Ill töte, der einst die Vaterschaft an ihrem Kind bestritt und das Gericht betrog, und sie damals so ins Unglück brachte. Da die Güllner das Angebot ablehnen, beschließt die Dame zu warten . . . . Bitterböse, ernst, zynisch und voll hintergründiger Komik präsentiert Dürrenmatt sein Werk über die Abgründe menschlichen Handelns und das Thema Kollektivschuld. Durch satirisch überspitzte Dialoge und ausgefeilte Charakteren macht das Lesen Spaß. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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21 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. Januar 2000
Dies ist wohl eines der Lieblingsbücher aller Deutschlehrer und wird sehr häufig in der Kollegstufe gelesen. Es ist eine Parabel auf Recht und Gerechtigkeit, wie auch auf Macht und Ohnmacht. Wie in Dürenmatt's „Die Physiker" geht es auch hier um die Verantwortung des einzelnen und die Verantwortung einer Gruppe. Das Buch, welches auch verfilmt wurde ist ein Welterfolg geworden und handelt von Kläri Wäscher, die als arme Frau aus ihrem kleinen Dörfchen mit Kind abreist und nach einer Heirat und Tod ihres schwerreichen Ehemanns als Multimillionärin Claire Zachanassian in ihr kleines Städtchen zurückkehrt. Das Städtchen, schwer durch Wirtschaftskrise und Geldmangel heruntergekommen ist plötzlich stolz auf ihre neue „Ehrenbürgerin". Diese will jedoch, dass Alfred Ill, der sie vor mehreren Jahrzenten schwanger hat sitzen lassen, getötet wird - im Gegenzug für eine großzügige Geldspende ihrerseits. Sehr spannendes Buch mit viel Hintergrund und Interpreationsmöglichkeiten. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Im Drama "Der Besuch der alten Dame" übertrifft sicht Dürenmat sich mit der Schilderung der Welt und unseren Gesellschaftszwängen.

Jeder Skeptiker des "modernen" Umganges muss dieses Buch gelesen haben, weil es das Verhalten der Menschen exakt beschreibt und dabei deutlich macht das jeder Mensch seinen Preis hat und seine Moral überbord schmeißt!

Leben und Leben lassen!

Wer über die Gesellschaft nachdenkt wird Dürenmat lieben!
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