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Der Besuch des Leibarztes: Roman
 
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Der Besuch des Leibarztes: Roman [Gebundene Ausgabe]

Per Olov Enquist , Wolfgang Butt
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (33 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Amazon.de-Hörbuchrezension

Als der dänische Kronprinz Christian 1766 16-jährig zum König ausgerufen wurde, war er bereits geisteskrank. Nicht von Geburt, nein -- er war von seinen Ausbildern psychisch gefoltert worden. Das war die spezifisch dänische Methode, sich mit dem Absolutismus zu arrangieren, denn wenn der König arbeitsunfähig war, delegierte er die Macht zwangsläufig an seine Beamten. Und da diese durchaus gern regierten, wurden Thronfolger schon einmal systematisch in den Wahnsinn getrieben, so funktionierte das System. Doch als Christians Leibarzt, der eigens eingestellt worden war, um allzu peinliche Auftritte des "kleinen kranken Königs" zu verhindern, sich in die junge Frau des Herrschers verliebt, droht der Staatsapparat zusammenzubrechen. Der Arzt wird zum mächtigsten Mann am dänischen Hof und initiiert eine kleine Revolution.

Die für ihre Hörspielproduktionen zu Recht gerühmten Rundfunkanstalten NDR und SWR haben sich an eine szenische Bearbeitung von Enquists großem Roman über die tiefen Zusammenhänge von Liebe und Macht gewagt, und das mit Erfolg: Die mit namhaften Sprechern wie Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel und Jutta Hoffmann aufgenommene Produktion haucht nicht nur diesem eigentümlichen Kapitel der dänischen Geschichte Leben ein, sondern schafft es auch, die herrlich schlichte, stellenweise fast naive Sprache der Romanvorlage auf denkbar gelungene Weise zu übernehmen. Auch wenn gut zwei Stunden Hörspiel natürlich nie alles transportieren können, was 350 Seiten Roman vorlegen, und Leser des Romans deshalb sicher die eine oder andere lieb gewonnene Episode vermissen werden, ist diese Produktion für sich genommen doch ein schönes Kleinod. --Christoph Nettersheim

Hörspiel, 2 CDs, Spieldauer ca. 137 Minuten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Die schwarze Fackel der Vernunft

Per Olov Enquists Roman «Der Besuch des Leibarztes»

Das marode dänische Königreich im Ausgang des Ancien Régime; ein halb schwachsinniger junger Regent in der Hand eines deutschen Leibarztes und Aufklärers, der seine revolutionären Ideale per Dekret durchpeitscht und obendrein als Geliebter der Königin ein Kind zeugt; Widerstand von Adel und Volk; Putsch, Folter, Hinrichtung. – Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist ist keineswegs der Erste, der sich dieses irrlichternden historischen Stoffes angenommen hat. Die kometenhaft in die Sphären der Macht aufgestiegene und dort verglühte Gestalt des Johann Friedrich Struensee (1737–1771) hat seit dem frühen 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von literarischen Bearbeitungen erfahren, wobei zum einen der Ehebruch, zum andern die Politik im Zentrum des Interesses stand. Die Usurpation von Herrschaft im Dienste des Guten indes rückte erst mit den tristen Erfahrungen dieses Jahrhunderts in den Vordergrund.

Wenn sich nun Per Olov Enquist dieser Tragödie der Freiheit annimmt, darf man Grosses erwarten. Der 1934 geborene Autor hat sich seit seinen Anfängen in den sechziger Jahren mit Romanen, Dramen und Essays als Archäologe ungestillter Vergangenheiten einen Namen gemacht. Enquists akribisch recherchierte und komplex komponierte, mittels Montage und Collage, Kommentar und Selbstreflexion als fortlaufende Verhandlung stets offen gehaltene historische Exkurse haben immer wieder den Nerv der Zeit getroffen – ob es nun um das Schicksal der grossen sozialistischen Utopie oder den Mythos der schwedischen Humanität ging. In Enquists Texten verbindet sich Ideologiekritik mit Trauer, Skepsis mit Einfühlung. An den Schlüsselszenen nordischer Geschichte interessieren den Autor insbesondere menschliche Grenzerfahrungen. Wo einer sich abhanden kommt, hakt Enquist ein: Das Beharren auf dem Nichtverstehen ist der Antrieb seines Schreibens.

Historische Meditation

Fast eher denn als Roman möchte man den «Besuch des Leibarztes» als Meditation bezeichnen. Mit Vorgriffen und Rückblenden, Einschüben und Leitmotiven umkreist der Text den Stoff, ohne im Ganzen die Chronologie aufzuheben. Enquist leuchtet das Geschehen in vielfacher Hinsicht explizit aus: individual- und sozialpsychologisch, historisch-politisch, kulturanthropologisch, ideengeschichtlich, existenziell. Hinzu kommen subkutane Deutungsmuster nach dem Alten und Neuen Testament sowie – unvermeidlich fast – nach Shakespeares «Hamlet».

Da ist zunächst das Drama des Kindkönigs Christian VII., der am Ende eines desaströsen moralischen Verfalls des dänischen Herrscherhauses steht. Kleinwüchsig und verwachsen, von labiler psychischer Gesundheit, ist Christian von seinen Erziehern systematisch entmündigt und seelisch zerbrochen worden. Seine Berufung ist ihm eine «ständige Qual», Scham sein «natürlicher Zustand»: «Er war Gottes Auserwählter. Er stand über allem und war zugleich der Erbärmlichste.» Vor der Verachtung des Hofs flüchtet sich Christian in Apathie, deren Aggressivität sich in periodischer Zerstörungswut nach aussen kehrt, sowie in einen apokalyptischen Wahn, in dem Verwechslungs- und Verschwörungstheorien, Ohnmachts- und Allmachtsphantasien zusammenlaufen. Sein Königsein begreift er als Theaterrolle, seinen Text als gottgegeben. Der Wunsch nach Selbstbestrafung verschmilzt mit dem Bedürfnis nach Rache: Die «Reinheit des Tempels» soll wieder hergestellt werden.

Tagtraum und Nachtmahr

Die arrangierte Heirat mit der dreizehnjährigen englischen Prinzessin Caroline Mathilde macht die Sache nicht besser. Zwar gelingt den verstörten Teenagern ein einziges Mal der gebotene Beischlaf (mit den erwünschten Folgen), doch ist die Ehe von Beginn an zerrüttet. Caroline Mathilde will kein «Zuchttier» sein, Christian in seiner Melancholie verfällt der Onanie, bevor ihm mit der «Stiefel-Catherine» eine Prostituierte aus dem Kopenhagener Hafenviertel präsentiert wird, die ihn in seinem Anderssein erkennt. Sie wird für ihn fortan als utopische «Herrscherin des Universums» über dem «strafenden Gott» firmieren – auch nachdem sie durch eine Intrige ausser Landes geschafft worden ist. Allein ihrer Suche gilt denn auch Christians Plan einer «Bildungsreise» durch Europa mit grossem Gefolge. Ein junger, schweigsamer Arzt aus dem freigeistigen Altona soll ihn begleiten: Johann Friedrich Struensee.

So hebt alles an: ein Tagtraum und ein Nachtmahr der Vernunft, eine Vater-Sohn-Geschichte und ein Amour fou, der Machtkampf zweier Parvenus, die Emanzipationsgeschichte einer Frau. Struensee ist ein Mann der Praxis, die Versuchungen der Theorie liegen ihm ebenso fern wie jene der Macht. Doch wo es anfangs das Mitleid ist, das ihn an die Seite des «Jungen mit dem Frostschaden in der Seele» zieht, wächst das Bewusstsein der Auserwähltheit. Entscheidend ist die Begegnung mit den Enzyklopädisten in Paris: Diderots Beschwörung der einzigartigen Situation, als Mann der Aufklärung das natürliche Vertrauen eines Königs gewonnen zu haben. Und Voltaires Diktum, «dass die Geschichte manchmal, durch einen Zufall, einen einzigartigen Spalt in die Zukunft öffnet», durch den man sich hindurchzwängen müsse.

Es ist «eine Art Verantwortung», die Struensee einen Weg einschlagen lässt, von dem er weiss, dass er ihm nicht gewachsen sein wird – seinen Idealen und dem kleinen König gegenüber, auf den in Kopenhagen die «Wölfe» warten. Sein Auftauchen erscheint diesen als «nationales Unglück», und in der Tat sieht sich Struensee bald mit absoluter Macht ausgestattet. Er zögert nicht, das «verrottete Reich» auf den Kopf zu stellen mit Einführung von Presse- und Religionsfreiheit, Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Adelspfründe, Reform des Gesundheitswesens und vielem mehr. Auch Struensee handelt im Namen der Reinheit – und diese schliesst selbst Gewalt gegen die Feinde aus. Sein Spiel ist lebensgefährlich, und er weiss es. Im Zentrum seiner Selbstsicherheit lauert die Angst.

Der Verzicht auf allen Machiavellismus und die Ménage à trois werden Struensee das Genick brechen. In der Königin lässt Enquist ihn eine in ihrer Fremdheit Verwandte erkennen. Während Christian mit seinem Negerpagen und seinem Hund Kinderspiele treibt, kommt es im Zeichen eines neuen Lebenshungers und Körpergefühls zum grösstmöglichen Vergehen an der Würde des Königtums. Es ist eine Revolte des Sexus, und diese wirft ein Schlaglicht auf die Aporie der Aufklärung, Selbstbestimmung und Kontrolle, Gefühl und Vernunft, Theorie und Praxis zur Deckung zu bringen. Was im englischen Garten als technische Vollendung der Natur ästhetisch aufgehen mag, bedroht die Gesellschaft. Tief im Inneren der Maschine unfähig, die Mechanik des Ganzen zu erkennen, beginnen die Befreiten gegen ihre neue Freiheit zu rebellieren.

Es ist die Stunde, da Struensees reaktionärer Gegenspieler Guldberg, der Informator von Christians debilem Halbbruder, aus dem Hintergrund tritt. Als Sohn eines Leichenbestatters ein Emporkömmling wie Struensee, vorzeitig gealtert und körperlich missgestaltet, ist auch er ein Mann der Reinheit, jedoch einer, der sich von Gott berufen fühlt, die Würde des Königtums selbst des geisteskranken Regenten zu verteidigen. Als Taktiker der Macht besitzt Guldberg das, was Struensee abgeht: Geduld, Kälte, Zynismus. In der Dekadenz des Hofes erkennt er ebenso das Böse wie im Humanismus der radikalen Aufklärer. Die neue Gleichheit sieht er in Chaos enden. «Sie redeten vom Licht (. . .) Aber aus ihren Fackeln fiel nur Dunkel.» Dass seine Gegner sich «das klare politische Spiel von der Leidenschaft verdunkeln liessen», macht er sich als Schwäche zunutze. Doch hat auch er die Versuchung kennengelernt – in der «kleinen englischen Hure» und der Sehnsucht nach ihrem sündhaft-heiligen Körper. «Das erregte ihn, und er hasste seine Erregung.»

Mythische Pole

Der Rationalist und der Gläubige, der Suchende und der Vollstrecker, der Lebensfromme und der Entsagende – mächtig wie einst Dostojewski in seinem «Grossinquisitor» setzt Enquist mit Struensee und Guldberg zwei Figuren in Szene, die für die mythischen Pole menschlicher Existenz zwischen Religion und Vernunft, Tabu und Freiheit stehen. Beide sind sie unbestechlich, beide treffen sie sich in der Pflicht gegenüber einer höheren Idee – und über beide geht am Ende die Historie hinweg. Was beide trennt, ist der Glaube an die Möglichkeit, Geschichte zu gestalten: Wo Struensee futuristisch vorprescht und als «Schreibtischtäter» endet, hilft Guldberg dem Lauf der Dinge effizient nach. Ironischerweise ist die Demenz des Königs der Raum, in dem beider progressive und restaurative Utopie blüht.

«Der Besuch des Leibarztes» ist kein moralischer Traktat. Enquist unterlässt es konsequent, Partei zu ergreifen. Der Komplexität dient der Gebrauch unterschiedlichster historischer Quellen (von Porträts über Schriftstücke bis zu diplomatischen Noten), aber auch das ständige auktoriale Räsonnement. Dass diese Metaebene da und dort interpretatorisch forciert und sprachlich überdeterminiert erscheint, mag man dem Text vorhalten – etwa wenn der Autor die sich sexuell bewusst werdende Königin im Jargon der Kulturanthropologie denken lässt, sie sei ein «Jucken am Glied des Hofes». Höchstes Lob gebührt dem Übersetzer Wolfgang Butt . Dass Enquist ein erfahrener Theaterautor ist, kommt dem Roman vielfach zugute: Aufs Essenzielle reduziert erscheint das epische Moment, die Figuren sind konsequent modern gehalten, die Szenen setzen in Dialog und Handlungsführung ein Glanzlicht nach dem andern. Jede einzelne Nebenfigur (wie Struensees Freund Brandt, der Aufklärung hedonistisch als «Sex, Rausch und Flötenmusik» begreift) ist ein Wurf, wobei sich die dramatis personae in ein subtiles System von Spiegelungen fügen.

Wie das Gute durchsetzen, ohne zu den Mitteln des Bösen zu greifen? – Per Olov Enquists Roman ist ein elegischer Abgesang auf das 20. Jahrhundert und seinen demiurgischen Traum von der Weltvollendung. Wo es sich dem Prinzipiellen ergibt, verwandelt sich das Licht der Aufklärung in jene «schwarze Fackel der Vernunft», wie sie der Irrsinn König Christians verkörpert. Ohne das vermittelnde Spiel der Politik gerät der utopische Moralismus leicht zum Desaster. Der Preis des letzten utopischen Liebessommers auf Schloss Hirschholm ist ein Blutbad. Es ist die Ästhetik des Untergangs in Reinheit, die Struensee am Ende leitet, sich von Guldbergs Schergen wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen. Doch da ist jemand, der gelernt hat, den «Hebel am Haus der Welt» anzusetzen. Eine Frau ohne Eigenschaften sollte sie sein – und wuchs als Liebende in einen anderen Zusammenhang hinein: Caroline Mathilde und ihre Zivilcourage weisen den Weg in die Zukunft. Und so ist «Der Besuch des Leibarztes» zuletzt auch ein feministischer Roman.

Andreas Breitenstein

Pressestimmen

"Der "Besuch des Leibarztes" gehört sicher zu den aufregendsten und kühnsten Neuerscheinungen dieser Saison. (...) Man staunt, wie sicher Reflexion und Dichtung ineinandergreifen, wie sich Essayistisches mit einer subversiven Poesie verbündet. Der Roman öffnet Türen und entläßt die Leser in weitläufige, geheimnisvolle Räume." Susanne Schaber, Die Presse, 10.2.01 "In großartigen intimen Arrangements, in ungemein dichten lakonischen Dialogen, in vor Spannung vibrierenden kammerspielartigen Szenen und inneren Monologen thematisiert Enquist die Illusion der Aufklärung als einer 'stillen und sehr schönen Morgendämmerung'" Walter Schübler, Falter Nr. 12/01 "Enquist brilliert mit gemeißelten Dialogen und scharf konturierten Charakteren." Barbara Basting, Tages-Anzeiger, 10.3.01 "Ein meisterhaftes Geschichtspanorama. Ein großes Buch, ein mächtiges Buch, souverän und selbstbewusst überragt es die landläufige Produktion der Belletristen... einen Meilenstein zu setzen in die Literaturgeschichte." Reinhard Baumgart, Die Zeit, 01.03.01 "Nicht zum ersten Mal reibt man sich nach einer Enquist-Lektüre die Augen und wundert sich über das Stockholmer Nobelpreiskomitee." Reinhard Baumgart, Die Zeit, 01.03.01

"Mit großer Genauigkeit, einfühlender Intensität und bitterer Leichtigkeit vergegenwärtigt Per Olov Enquist das historische Geschehen in all seinen Widersprüchen, bei offensichtlicher detaillierter Kenntnis aller überlieferten Dokumente und Stellungnahmen ... ein einzigartiges Werk ..." Heinrich Vormweg, Süddeutsche Zeitung, 10./11.2.01 "Aufs Essenzielle reduziert erscheint das epische Moment, die Figuren sind konsequent modern gehalten, die Szenen setzen in Dialog und Handlungsführung ein Glanzlicht nach dem andern. Jede einzelne Nebenfigur ist ein Wurf." Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung, 01.03.01 "Bewundernswert, mit welcher Ruhe Enquist die Fantasieräume seines konfusen Personals durchschreitet, wie leicht er seine geschichtsphilosophischen Überlegungen auszubreiten versteht und beides in feinster Balance hält." Klaus Siblewski, Die Welt, 17.2.01 "Ein einzigartiges Buch, das die Gattungsgrenzen des historischen Romans kühn überfliegt. ... atemberaubend spannend ... ein ungemein frivoler erotischer Roman. Mit so viel Fingerspitzengefühl hat kaum ein Autor zuvor von verbotener Liebe erzählt. ... Der Besuch des Leibarztes liest sich wie großes Kino, im Ohr der Klang einer großen Oper. Hajo Steinert, focus, 15/2001 "Ein Ereignis." Lothar Müller, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.2.01 "Der Stoff hat die Literatur seit Hebbel immer wieder beschäftigt, aber Enquist erzählt besser als alle Vorgänger." Stephan Opitz, Literaturen, 03.04.01 "Enquist erzählt mit der Distanz eines Berichterstatters. Dabei passiert etwas Wunderbares: Aus der Sachlichkeit entsteht ein leidenschaftlicher Roman über Macht und Politik ... Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen möchte." Max Eipp, Stern, 01.03.01

Kurzbeschreibung

Der dänische König Christian VII. ist verrückt und muss nach außen dennoch seinen königlichen Pflichten nachkommen. In Wahrheit machen die Staatsgeschäfte andere und seine Ehe mit der englischen Prinzessin Caroline Mathilde ist eine Farce. Als er seinem Leibarzt Struensee empfiehlt, er solle sich der einsamen Königin annehmen, ahnt keiner, dass sich daraus eine tragische Leidenschaft entwickeln wird. Ein psychologisches Drama um Politik, Macht und Liebe. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebt in Stockholm. Er arbeitete als Theater- und Literaturkritiker und zählt zu den bedeutEND sten Autoren Schwedens. Der internationale Erfolg seines "glanzvollen, hinreißEND erotischen, politischen Großwerks" ("Ekstra Bladet") bei Presse und Publikum war das Ereignis des literarischen Bücherfrühlings 2001. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

leblos zu sei n schien, als ginge sie - auch sie - in einem Traum. Christian hatte das Gedicht in der Hand gehalten, auf einem Bogen Papier. Als sie schließlich still voreinander standen, hatte er gesagt: "Ich will jetzt meine Liebe erklären, teure Prinzessin." Er hatte auf ein Wort von ihr gewartet, doch sie hatte ihn nur angesehen und geschwiegen. Seine Hände hatten gezittert, aber schließlich war es ihm gelungen, sich zu ermannen, und er hatte Guldbergs Liebeserklärung gelesen, die wie ihr literarisches Vorbild auf französisch abgefaßt war ...'

Auszug aus Der Besuch des Leibarztes. von Per Olov Enquist. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

König Christian VII. hatte bei seiner Thronbesteigung Anfang des Jahres von seinem Informator Reverdil einen Hund geschenkt bekommen, einen Schnauzer, an dem er schon nach kurzer Zeit sehr hing. Zu der Begegnung mit der kleinen Engländerin in Roskilde sollte er im Wagen eintreffen, mit großem Gefolge, direkt aus Kopenhagen. In der Kalesche des Königs saßen außer Christian ein ehemaliger Professor der Akademie Sorø mit Namen Guldberg, der Lehrer des Königs, Reverdil, sowie ein Höfling namens Brandt, der im Verlauf der späteren Ereignisse eine bedeutungsvolle Rolle spielen sollte. Guldberg, dessen Platz unter normalen Umständen nicht in der Kalesche des Königs gewesen wäre, weil seine Position am Hof noch allzu unbedeutend war, begleitete den König aus Gründen, die noch zur Sprache kommen werden. Im Wagen fuhr auch der Hund mit, er saß die ganze Zeit auf Christians Schoß. Guldberg, der in der klassischen Literatur bewandert war, hatte nämlich aus Anlaß der Begegnung eine Liebeserklärung verfaßt, die auf Passagen eines Dramas von Racine aufbaute, und hatte im Wagen "die letzten beruhigenden Instruktionen vor der Liebesbegegnung" gegeben, wie Reverdil es in seinen Memoiren nennt. "Beginnen Sie kraftvoll", hatte Guldberg der Majestät gesagt, die fast ganz abwesend zu sein schien und verzweifelt den kleinen Hund an sich drückte. "Die Prinzessin muß schon vom ersten Moment an die starke Passion Eurer Majestät erkennen. Der Rhythmus! 'Ich beuge mich dem Liebesgott... ich BEUGE mich dem Liebesgott...' Der Rhythmus! Der Rhythmus!" Die Stimmung im Wagen war bedrückt gewesen, und die Tics und Körperbewegungen des Königs waren zeitweise unkontrollierter denn je. Bei der Ankunft hatte Guldberg angedeutet, daß der Hund nicht an der Liebesbegegnung der Königlichen teilnehmen könne, sondern im Wagen zurückbleiben müsse. Christian hatte sich zunächst geweigert, ihn loszulassen, war aber schließlich dazu gezwungen worden. Der Hund hatte gewinselt, und später sah man ihn heftig bellend hinter dem Fenster der Kalesche. Reverdil schreibt, dies sei "einer der angsterfülltesten Augenblicke seines Lebens gewesen. Der Junge schien jedoch am Ende so apathisch, als ginge er in einem Traum".

Das Wort "Schrecken" kommt oft vor. Am Schluß hatten die Prinzessin Caroline Mathilde und ihr Verlobter Christian VII. trotzdem alles fast perfekt gemacht. Ein Kammerorchester war neben dem Glaspavillon aufgestellt. Das Abendlicht war sehr schön. Auf dem Platz um den Pavillon hatten sich Tausende von Menschen versammelt; sie wurden von den Soldaten, die in doppelten Reihe die Wache bildeten, zurückgehalten. Im exakt gleichen Augenblick, und begleitet von der Musik, waren die beiden jungen königlichen Personen durch die Türen eingetreten. Sie hatten sich einander exakt so genähert, wie das Zeremoniell es vorschrieb. Die Musik war, als sie drei Ellen voneinander entfernt standen, verstummt. Die Prinzessin hatte Christian die ganze Zeit angesehen, doch mit einem Blick, der leblos zu sein schien, als ginge sie - auch sie - in einem Traum. Christian hatte das Gedicht in der Hand gehalten, auf einem Bogen Papier. Als sie schließlich still voreinander standen, hatte er gesagt: "Ich will jetzt meine Liebe erklären, teure Prinzessin." Er hatte auf ein Wort von ihr gewartet, doch sie hatte ihn nur angesehen und geschwiegen. Seine Hände hatten gezittert, aber schließlich war es ihm gelungen, sich zu ermannen, und er hatte Guldbergs Liebeserklärung gelesen, die wie ihr literarisches Vorbild auf französisch abgefaßt war.

Ich beug' der Liebesgöttin mich, wo ich auch geh, ich hilflos unter ihrem mächt'gen Willen steh. Vor Eurer Schönheit kann ich nur verblassen, Eu'r schönes Bild bleibt stets bei mir, nachdem Sie mich verlassen. Weit in des Waldes Tiefe folgt Euer Bild mir sacht. Am lichten Tag wie in kohlschwarzer Nacht Ist meine Lieb' zu Euch ein Licht, das nie wird schwinden. Seht hier den Grund für neues zärtliches Empfinden.

Sie hatte an diesem Punkt eine Handbewegung gemacht, vielleicht versehentlich; aber er hatte sie als ein Zeichen aufgefaßt, daß er schließen solle. Er hörte deswegen auf zu lesen und sah sie fragend an. Sie hatte nach einer Weile gesagt: "Danke." "Das reicht vielleicht", hatte er geflüstert. "Ja, das reicht." "Ich wollte Euch mit diesen Worten meine Leidenschaft bezeugen", hatte er gesagt. "Ich empfinde die gleiche Leidenschaft für Sie, Majestät", hatte sie mit fast unmerklichen Lippenbewegungen geflüstert. Ihr Gesicht war überaus blaß, ihre Tränen waren überpudert, und das Gesicht wirkte wie weiß gekalkt. "Danke." "Können wir dann die Zeremonie beenden", hatte sie gefragt. Er hatte sich verbeugt. Die Musik hatte, auf ein Zeichen des Zeremonienmeisters, wieder eingesetzt, und die beiden Verlobten hatten daraufhin, vor Schrecken starr und doch mit vollendeten Bewegungen, begonnen, sich der größeren Zeremonie entgegen zu bewegen: den Huldigungen, der Ankunft in Kopenhagen, der Hochzeit, ihrer kurzen Ehe und der dänischen Revolution.

Am 8. November um sieben Uhr dreißig betrat das junge Paar die Schloßkirche in Kopenhagen, wo die feierliche Eheschließung stattfand. Die Festlichkeiten dauerten sechs Tage. "Unendliche Hoffnungen knüpfen sich an die einnehmende englische Königin", schreibt der englische Gesandte in seinem Bericht nach London. Man fand ihr Auftreten vollendet. An Christian nichts auszusetzen. Keine Ausbrüche, keine Fehltritte. Der Hund während der Trauungszeremonie nicht anwesend.

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