Daß dieser Film auf DVD erscheint, dürfte sowohl für Cineasten als auch für Ingrid-Bergman-Fans ein kleines Wunder sein. Zwar mit großer Starbesetzung - neben der Bergman auch Anthony Quinn, Ernst Schröder und Hans-Christian Blech - gedreht, war diesem Film seinerzeit, in den frühen Sechzigern, allerdings kein großer Erfolg beschieden. Unverdientermaßen, wie ich finde.
Im Oktober 1996 brachte der Fernsehsender 3sat eine Reihe mit Filmen des Regisseurs Bernhard Wicki. In dieser Reihe wurde auch "Der Besuch" gezeigt, ein mir bis dato völlig unbekannter Film. An den Bildschirm zog mich damals weniger der Dürrenmatt'sche Stoff, der diesem Streifen zugrunde liegt, als vielmehr die Tatsache, daß die von mir hochgeschätzte Ingrid Bergman hier zu sehen war. Vor der Ausstrahlung erklärte ein Filmredakteur etwas zu den Hintergründen der Verfilmung und über die Umstände des Rechteverkaufs seitens Dürrenmatts an Hollywood. Dann berichtete Bernhard Wicki retrospektiv über die Dreharbeiten und über die Gründe, den Dürrenmatt'schen Schluß (Sergej Millers Tötung) für den Film nicht zu übernehmen, sondern die männliche Hauptfigur am Leben zu lassen. Schließlich erzählte Wicki, daß das Filmstudio 20th Century Fox ohne sein Einverständnis rund 20 Minuten aus dem Film herausgeschnitten habe. Sein trauriges Fazit: "So, wie es jetzt ist, ist es nicht mehr mein Film."
Das alles war schon höchst interessant und aufschlußreich, aber der Film selbst machte jenen Fernsehabend für mich schließlich unvergeßlich. Ich habe den Film, der meines Wissens bis heute nie wieder im Fernsehen gezeigt wurde, damals aufgezeichnet und ihn immer wieder mit großer Begeisterung angesehen. Er mag in den Augen eher literarisch orientierter Puristen nicht allzu viel mit Dürrenmatts Vorlage zu tun haben und von Wicki kritisch distanziert betrachtet worden sein, aber als für sich gesehenes filmisches Werk übt er eine Faszination aus, der sich wohl niemand entziehen kann. Diese liegt m. E. zuallererst in den schauspielerischen Leistungen und den wunderbar pointierten Dialogen begründet. Hinzu kommt eine unglaubliche Spannung, die aus der ruhigen Erzählweise heraus entsteht. Der Star des Films ist eindeutig die Bergman. Was für eine Frau! Treffender gesagt: Was für eine Dame! Und von so herrlich boshafter Eleganz! Ich glaube, sie war nie schöner, nie anmutiger als in diesem Film. Dazu tragen nicht zuletzt die wahnsinnig vielen Kostümwechsel von einem Designerstück zum nächsten, die häufigen Frisurwechsel und der atemberaubende Schmuck von Bulgari bei. Wer diese Stücke sieht, wird einfach nur staunen und sich gut vorstellen können, weshalb für die übrige Ausstattung des Films offensichtlich kaum noch Geld übrig war (was aber dem Vergnügen überhaupt keinen Abbruch tut).
Unbedingt erwähnt werden muß auch die hervorragende deutsche Synchronfassung - und hier ganz besonders Tilly Lauenstein als deutsche Bergman-Stimme. Was für eine Symbiose! Als wäre Lauenstein mit Bergman innerlich verwachsen. Solche Kongenialität einer Filmsynchronisation findet man heute kaum noch. Übrigens habe ich damals Tilly Lauenstein nur aufgrund dieser Synchronisation um ein Autogramm gebeten - so angetan war ich von ihrer Stimme. Und sie schrieb auf das Foto: "Damit Sie sich immer an den Besuch der alten Dame erinnern!"
Ich habe mir immer gewünscht, diesen Film auch einmal in der Originalfassung sehen (bzw. hören) zu können, hatte jedoch keinerlei Hoffnung, daß diese mir jemals zugänglich sein würde. Ich mußte zudem feststellen, daß diesen Film weit und breit niemand kennt. Deshalb hätte ich in tausend Jahren nicht mit einer Veröffentlichung auf DVD gerechnet, zumal doch Nischenfilme heutzutage, in dieser rein auf Kommerz ausgerichteten Welt kaum einen Markt haben und deshalb eigentlich keine Firma mehr das Risiko eingeht, einen Titel zu veröffentlichen, von dem vielleicht 100 oder 200 Exemplare verkauft werden. Aber nun ist das Wunder geschehen - und es gibt neben der gelungenen Synchronfassung sogar die Originalfassung. Die Bildqualität ist erstklassig, die Tonqualität in beiden Sprachen ebenso. Der Film liegt zudem im korrekten Originalformat 2,35:1 vor und ist anamorph codiert. Es gibt also an dieser Veröffentlichung absolut nichts auszusetzen. Dafür der Firma ein herzliches Dankeschön. Und möge sich diese DVD so gut verkaufen, daß man erstens wieder an die Marktchancen guter Filme glauben darf und daß zweitens noch viele solcher vergrabenen Schätze ausgebuddelt und in würdiger Form wiederveröffentlicht werden!