Vorweg: Ich bin weder Armenier noch Historiker. Ich habe mir dieses Buch gekauft, um mich auf eine Individualreise nach Berg-Karabach inhaltlich vorzubereiten. Und dies hat das Buch geschafft: Es hat mir einen faszinierenden Einblick in den aserbaidschanischen Informationskrieg verschafft. Dieses dünne, leicht zu lesende und mit vielen Karten versehene Büchlein ist nicht nur tendenziös ' nein es stützt sich gezielt auf aserbaidschanische Propagandaquellen, während die armenische Sicht völlig ausgeblendet wird.
Das Werk dämonisiert Armenier, die Azeris werden ausschließlich als Opfer dargestellt. So werden Verbrechen gegen Azeris in allen grausamen Einzelheiten dargelegt 'Kriegsgefangene wurden skalpiert, den Toten wurden die Augen ausgestochen' ' ohne Quellenangabe wohlgemerkt. Von azerischen Grausamkeiten an den Armeniern kein Wort. Überhaupt wird der Völkermord an den Armenien durch das türkische Brudervolk, eine Tatsache, die eine große psychologische Rolle im Karabach-Konflikt spielt, mit keinem Wort erwähnt. Nur auf ein Progrom an Armeniern wird im Text eingegangen. Der sei aber interessanter Weise weder von Azeris noch von Türken, sondern von Kurden begangen worden.
Dafür heißt es auf Seite 42, dass die Armenier einen Völkermord an den Azeris begangen haben sollen. Interessant auch die durchgehende Wortwahl: Armenier massakrieren, terrorisieren (Seite 28) okkupieren und assimilieren. Azeris fliehen, befrieden, integrieren und wirtschaften erfolgreich.
Erwähnenswert auch die verwendeten Quellen wie beispielsweise so "objektiv-wissenschaftlich" klingende Titel wie 'Ereignisse um Berg-Karabach im Lügenspiegel der Fälscher' eines aserbaidschanischen Autoren sowie zahlreiche Artikel, die aserbaidschanischen Webadressen entnommen wurden. Übrigens, alle abgedruckten historischen Landkarten entstammen der URL www.azerbaijan-online.com, eine URL, die heute zum Verkauf steht, die aber sicherlich nie für eine objektive Betrachtung des Konflikts stand, sondern wohl eher Propagandamaterial veröffentlichte. Eine armenische URL sucht man im Quellenverzeichnis vergebens. Überhaupt sucht man vergeblich nach armenischen Veröffentlichungen, bis auf einige wenige, die vor dem Zusammenbruch der UDSSR systemtreu verfasst wurden. Eine objektive Recherche sieht anders aus.
Interessant auch die Theorie, dass die Armenier erst im 19. Jahrhundert von den ach so wohlwollenden Russen (Seite 27) nach Karabach umgesiedelt worden seien. Da frage ich mich wirklich woher all die historischen armenischen Gebäude in Karabach herkommen sollen ' das Kloster Amaras wurde gar im 4. Jahrhundert gegründet. Die Liste fragwürdiger Stellen ließe sich endlos fortsetzen.
Nicht überraschend resümiert der Autor, dass der Karabach-Konflikt nur mit einer Wiedereingliederung Karabachs in die aserbaidschanische Republik gelöst werden könne und übernimmt so bis ins Detail die offizielle aserbaidschanische Position.
Es bleibt die Frage, was den Herrn Professor Rau getrieben hat unter solch ein Werk seinen Namen zu setzen. Wer sich objektiv über den Konflikt informieren will, kann mit dem Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung beginnen - kostenlos im Internet downzuloaden.