Habe das Buch gerade ausgelesen und schwanke noch zwischen 4 und 5 Sternen.
Ab Seite 200 (oder so) hat es mir sehr gut gefallen, war spannend und eine Lektüre, die ich nur schwer aus der Hand legen konnte.
ACHTUNG, Prologwarnung:
Ich habe ihn erst am Ende gelesen und rate jedem, dies auch zu tun. Ein Prolog ist dazu da, auf das Thema einzustimmen" und/oder eine rätselhafte Begebenheit oder Gedankenwelt zu schildern, die erstmal nichts mit dem danach Erzählten zu tun hat.
Dieser Prolog verrät allerdings zu viel. Wenn man ihn am Anfang liest - wie es ja gedacht ist -, weiß man, worum es geht, was das Thema ist, und kommt dann leicht auch schnell auf den Täter.
Wenn man ihn aber nicht liest, tappt man sehr, sehr lange völlig im Dunkeln, praktisch bis zur Entlarvung des Täters. So ging es mir jedenfalls. Ich konnte mir sehr lange absolut nicht vorstellen, wer von den doch recht sympathischen Charakteren solch grausame Morde begehen sollte und warum.
Zu den Charakteren:
Sehr beeindruckend, sehr einfühlsam fand ich die Darstellung des Samson. Bei ihm stimmt alles, er war wirklich wie aus dem Leben gegriffen und man konnte seine Gedanken- und Gefühlswelt, so beklemmend und realitätsfern sie auch mitunter war, sehr gut nachvollziehen und Mitgefühl empfinden.
Auch die Darstellung des John Burton, ambivalent, an sich sympathisch, aber gefiltert durch andere Augen wiederum etwas zwielichtig, fand ich sehr gelungen.
Mit Gillian konnte ich mich nicht wirklich anfreunden, ihre Gedankenwelt blieb mir weitgehend fremd. Zumal nicht ganz klar wird, warum sie sich anfangs so unglücklich fühlt, warum sie nicht fähig ist, ein soziales Netzwerk zu knüpfen. Sie war nicht unsympathisch, aber die Distanz zu ihr war zu groß.
Sehr einfühlsam, sehr nachvollziehbar waren wiederum die ersten beiden Opfer geschildert.
Fielder und Christy McMarrow, an sich Nebenfiguren, hätte ich gern mehr ausgearbeitet gesehen. Allerdings sehe ich ein, dass dafür kein Platz mehr war, das Buch wäre sonst noch umfangreicher geworden.
Die Länge:
Ich mag dicke Krimis, das vorweg. Aber dieser hier hätte im Bereich der ersten 200 Seiten gestrafft werden können, zu oft wiederholen sich Informationen und Gedanken - z.B. von Gillian über ihre Ehe. Der Leser hat es schon beim ersten Mal begriffen, da wurde leider zu vieles zu oft durchgekaut, was der Spannung schadete.
Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass der Täter ca. 150 Seiten vor Schluss bekannt ist. Danach wandelt sich der Roman von einem Whodunit zum Krimi mit Action- und Abenteuer-Szenen. Dieser Genre-Mix ist neuartig, wie ich finde, aber da es sehr spannend bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden.
Alles in allem ein Krimi, der einige kleine Schwächen hat (auch Logikfehler: wer, der sich bedroht fühlt, geht in der Dämmerung in den Garten und lässt die Haustür dabei weit offen stehen??), aber dennoch fünf Punkte für etliche Stunden spannender Unterhaltung, lebendiger Dialoge, sympathischer Charaktere, für einen vielschichtigen, schönen Winter-Krimi aus England. Kann ich nur empfehlen!
Noch ein Lob zur Haptik: Das sehr dicke Buch fühlt sich wunderbar weich und biegsam an, die Seiten sind fest in der Bindung, man kann es sich gut zurechtbiegen. Eine super Idee!