"Der Bauch von Paris" zählt zu den Hauptwerken des literarischen Naturalismus und ist das dritte Buch des 20 Bände umfassenden Romanzyklus "Les Rougon-Macquart".
Zola war einer der ersten, der den Kunststil des Naturalismus auf die Literatur anwandte und setzte ihn, gepaart mit einer gehörigen Portion Realismus gekonnt um. Die metaphorische Explosivität seiner sprachlichen Bilder und die detailgetreue Schilderung der Wirklichkeit machen dieses Buch interessant und zeichnen es aus.
Sehr gut gelungen ist Zolas literarische Darstellung der damaligen Gesellschaft. So enthält die Handlung dieses Romans nichts Außergewöhnliches, die Protagonisten werden nicht großartig beschrieben. Sie erscheinen oft nur überhäuft mit einer Unmenge von sozialen Einzelheiten.
- Florent wird als altruistischer Dürrer zweifelhafter Herkunft von allen mit Vorsicht betrachtet.
- Der gutmütige Quenu - Bruder Florents - lässt sich in seiner Bequemlichkeit gerne lenken und denkt ungerne selbst.
- Die schöne Lisa - Ehefrau Qeunus - tut alles dafür, sich ihre gesicherte Lebensqualität zu erhalten.
- Cadine und Marjolin, die Waisen - von Madame Chantemesse angenommen führen sie ein freies Leben auf dem Markt.
- Matz, der freche und gewitzte Sohn der schönen Normande - einer Fischhändlerin die in Rivalität mit der schönen Lisa steht - erhält von Florent Unterricht in Lesen und Schreiben . Florent gerät zwischen die Fronten und fällt der folgenreichen Klatsch- und Tratschsucht der Marktfrauen zum Opfer.
- Claude, der gebildete Künstler und Freund Florents versteht es, zu beobachten und gute Ratschläge zu geben.
Die Beschreibungen des Marktes sind plastischer, ausdrucksvoller. Der größte Teil des Romans spielt sich dort ab. Hier wurde ein möglichst genaues Abbild des wirklichen Lebens um 1850 geschaffen und die Wirklichkeit der Markthallen wurde fast fotografisch dargestellt. Man bekommt das Gefühl, selbst zwischen dem Gemüse zu stehen. Zola zieht einen hinein... mitten in den Bauch von Paris.
Zitat:
Der Tag erwachte langsam in einem zarten Grau und überzog alle Dinge mit einem hellen Aquarellton. Diese Haufen, die sich wie eilige Fluten kräuselten, und dieser Strom von Grün, der wie ein Niederprasseln heftiger Herbstregen in die engen Straßen und Gassen zu fließen schien, nahmen feine und perlende Schatten an: zartes Violett, mit Milchtönen durchsetztes Rosa, in Gelb ertrunkenes Grün - all diese Blässe, die den Himmel bei Sonnenaufgang mit schillernder Seide überzieht. Und je mehr die morgendliche Feuersbrunst am Ende der Rue Rambuteau in Flammenstrahlen gen Himmel stieg, desto stärker erwachte das Gemüse und trat aus der tiefen Blautönung hervor, die sich über die Erde ergoß. Kopfsalat, Endivie, Lattich und Chicoree, aufgeblüht und noch mit Gartenerde verschmiert, zeigten ihre glänzenden Herzen. Spinat- und Sauerampferstapel, Artischockenbunde, Berge von Bohnen und Erbsen und Haufen von Sommerendivie, die mit Strohhalmen zusammengebunden waren, sangen die ganze Tonleiter des Grüns, vom Lackgrün der Schoten bis zum Dunkelgrün der Blätter - eine anhaltende Tonleiter, die noch im Sterben die gesprenkelten Selleriestengel und Porreebunde erreichte.
Die dem Vorbild entsprechende Schreibweise hat unter anderem das Ziel, den Unterprivilegierten, "Hässlichen" einen Platz in der Kunst zu verschaffen.
Nachhaltig getroffen hat mich dazu das Zeitzeugnis des Geflügelkellers - z.B. die arme Gans, die mit gebrochenen Beinen in einer Ecke ihres Käfigs hockt. Man könnte die beschriebene Szene so wie sie ist unverändert in das Hier und Jetzt übertragen. Es bleibt festzuhalten, dass sich die Einstellung der Menschen zu ihrem vormals lebendigen Essen seit 150 Jahren nicht großartig verändert hat.
Vegetarier werden an den blumigen Beschreibungen der Schaufensterauslagen der Metzgerei keine große Freude empfinden.
"Diejenigen, die die Kunst in eine Spielzeugkiste
werfen, sind wirklich gut"
Und Zola hat es getan, hat mit Worten gespielt, Sinfonien erschaffen.
Lesen.