Neue Zürcher Zeitung
Charmante Abrechnung - Fatou Diomes Roman «Der Bauch des Ozeans» Eine senegalesische Autorin im Diogenes-Verlag? Die Kenner der hiesigen Verlagsszene werden sich verwundert die Augen reiben, was es mit dieser Neuerscheinung wohl auf sich habe. Der Reklametext auf dem Buchrücken gibt denn auch bereitwillig Auskunft: Über 200 000-mal hatte sich das französische Original verkauft, was den Zürcher Verlag zu dem aussergewöhnlichen Schritt veranlasst hat. Allerdings stellt sich die Frage, ob der deutschen Übersetzung von Fatou Diomes «Der Bauch des Ozeans» ein ähnlicher Erfolg beschieden sein wird wie der Originalausgabe. Diese Skepsis hängt nicht mit der Qualität des Romans zusammen, sondern vielmehr damit, dass das deutschsprachige Publikum nicht dieselbe ambivalente Beziehung zu dem westafrikanischen Land unterhält wie die Bevölkerung der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Über die Verlagspolitik kann sich der Leser aber getrost hinwegsetzen, bekommt er mit «Der Bauch des Ozeans» doch einen mutigen Roman über die Schwierigkeiten der Interkulturalität vorgelegt, der für die neokolonialistischen Peinlichkeiten einer Corinne Hofmann oder eines Ryszard Kapuscinski entschädigt. Denn Fatou Diomes Alter Ego Salie berichtet von ihrem einsamen Leben als afrikanische Immigrantin, die sich ihrer Heimat auf unwiderrufliche Weise entfremdet hat und in Europa dazu verdammt ist, eine Aussenseiterin zu bleiben. Wer nur ein wenig mit den senegalesischen Erzählkonventionen vertraut ist, erkennt, dass sich hinter den charmanten Episoden des Romans eine schonungslose Kritik der senegalesischen Gesellschaft verbirgt: Sämtliche ihrer Mitglieder vom herzlosen Familienpatriarchen über nach Geld und Ruhm gierende Jugendliche und dümmliche Dorffrauen bis zum lüsternen Religionsführer bekommen ihr Fett ab. Die Ich-Erzählerin macht aber Heuchelei, Intoleranz und Ungerechtigkeit nicht nur in ihrer ehemaligen Heimat aus, sondern auch in Europa. Hier werden die Ausländer die ersten Opfer von korrumpierten gesellschaftlichen Werten, die nichts mehr mit den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu tun haben. Allerdings findet die intellektuelle Leistung der Autorin, den Klischees der Interkulturalität (meist) erfolgreich aus dem Wege zu gehen, keine Entsprechung auf ästhetischer Seite. So nett die Aneinanderreihung von kleinen Geschichten aus dem Leben ausgewanderter oder auswanderungswilliger Menschen auch ist, es gelingt der Autorin kaum je, ihren Figuren ein literarisches Eigenleben zu verschaffen; das Gefühlsleben der Charaktere wird meist nur behauptet und selten veranschaulicht. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben die eingesetzten Stilmittel plump. Das gilt auch für die titelgebende Metapher vom «Bauch des Ozeans», deren existenzialistische Konnotationen angesichts der fatalistischen Mentalität des Romanpersonals enttäuschend unausgelotet bleiben. Trotz dem beschränkten literarischen Anspruch ist Diomes Roman aber dank der charmanten Behandlung tiefgreifender gesellschaftlicher Konflikte dennoch lesenswert. Frank Wittmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
literature.de, 30. November 2004
Leben wie Gott in Frankreich. Das ist der einzige Gedanke, den viele Senegalesen hegen. Dort liegt das große Geld und man muss nicht viel dafür tun. Ja sogar für das Auflesen von Hundekötteln soll man dort ein Gehalt vom Staat erhalten. Doch der Weg über den großen Ozean ist oft sehr viel schwieriger, als es sich die jungen Senegalesen vorstellen. ... Mit ihrem ersten Roman "Der Bauch des Ozeans" gelingt es Fatou Diome, die oft harte Realität eines Senegalesen in Frankreich einfühlsam und zugleich faszinierend zu schildern...
(c) Désirée Drothen - literature.de - Das Literaturportal -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Europa ist kein Paradies, auch nicht fr Einwanderer aus dem Senegal. Trotzdem will Salies kleiner Bruder Madick nach Frankreich, um als Fuáballer reich und berhmt zu werden. Doch die Trume, die auf der kleinen Insel inmitten des Ozeans ersonnen werden, stoáen auf ein Hindernis: die Wirklichkeit.
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Über den Autor
Fatou Diome (geboren 1968) verließ mit 13 Jahren ihr Fischerdorf und studierte später in Dakar. Mit 22 Jahren folgte sie einem französischen Entwicklungshelfer nach Frankreich. Seine Familie lehnte sie jedoch ab. Nach ihrer Scheidung studierte sie in Straßburg, wo sie heute lebt, Literatur. 2003 erschien ihr Debütroman.