Dass es sowas doch gibt! Einen historischen Abenteuerroman, der fernab der Bestsellerlisten sein Dasein fristet und doch besser ist, als so vieles, was es auf eben diese Listen schafft. Ein hammermäßiger Abenteuerroman zur Zeit der Kreuzzüge. Ausgezeichnet recherchiert. Stets spannend. In mundgerechte Kapitel eigeteilt, mit liebevoll gewählten Kapitelüberschriften, die Heiligen/ Schutzpatronen gewidmet sind. Und dann dieses Ende! Mir wurde schon wehmütig, als ich die letzten Seiten vor mir hatte. Ein Abschied von Jaufre und seinen Lieben auf der Burg Rocafort? Mit großer Wehmut musste ich die geliebten abenteuerlich untermalten Lesestunden beenden, bin mir jedoch gewiss, dass mir viele dieser lebhaften Abenteuer in eben diesen eindrücklichen Bildern, die beim Lesen entstanden sind, in wohlig angenehmer, als zuweilen auch schrecklicher, Erinnerung bleiben wird. Ich bin voll der Begeisterung, wie ungezwungen mich der in seinen Erzählungen traurig-melancholisch anmutende Held, Jaufre Montalban, mit auf diese gewaltige Reise durch seine Lebensgeschichte genommen hat. Schließlich sind wir beide heimgekehrt. Jaufre und ich auch. Wehmütig wir beide.
Als ein Kind von Traurigkeit oder gar Untätigkeit kann man ihn nicht bezeichnen, diesen Jaufre. Schon in jungen Jahren zieht es den jungen Adligen weit weg von zu Hause. Nach dem Tod seiner Geliebten, die bei der Geburt seines unehelichen Kindes verstarb, und dem Gräuel der anschließend von seiner Mutter eigefädelten Zwangsheirat, war er der Fremdbestimmung seitens der "familia" überdrüssig. Fort aus der Heimat, lautete sein Beschluss - und ab ins Heilige Land, wo es große Abenteuer zu bestehen gelten sollte. Im Namen der Kirche, mit dem Dispens des Papstes alle Sünden die im Namen der Befreiung des Heiligen Landes noch begangen sollten als erlassen zu betrachten, wird dort geschlachtet, gemetzelt und geplündert. Der erste große Kreuzzug. Und zu seiner Ehr` wird Jaufre, dort im fernen Land auch gleich noch "Castelan", findet viele Freunde und eine Frau, mit der er eine neue Familie gründet. Die Dinge verlaufen indes auch in seinem neuen Leben nicht nach Plan und so gelangt Jaufre nach Jahren in der Ferne zu der Einsicht, heimkehren zu wollen. So einfach, wie gedacht stellt sich sein Unterfangen zu Hause - auf Burg Rocafort, in der Corbieras - wieder Fuß zu fassen nicht! Mit (s)einer starken Frau Berta, die die "famila" über schwierige Zeiten alleine durchbringen musste, hat er nicht gerechnet. Und schon gar nicht damit, dass ihn ein dunkles Geheimnis eines Tages vollkommen überrumpelt... und ihn auch in der Heimat erbitterte Machtkämpfe und blutige Schlachten erwarten...
Mein erster - eher panischer - Eindruck von diesem schönen dicken Schmöker (über 900 Seiten!) war völlig grundlos. Ich hatte ehrlich Bedenken, weil es ein riesig anmutendes Repertoire an geschichtlich belegten sowie fiktiven Personen der Handlung gibt. Als Lesezeichen sehr nett gestaltet übrigens.
Die Angst in die Handlung hineinzufinden war sehr schnell verflogen, denn die Art und Weise wie Jaufre Montalban seine Geschichte (nach)erzählt, ist fesselnd und nimmt mich einer Leichtigkeit mit, dass ich das Buch nur ungerne aus der Hand lege. Auch hatte ich mich bisher stets erfolgreich um Romane zum Thema Kreuzzügen gedrückt. Weil mir schlichtweg das Verständnis für die Motivation der Teilnehmer an den Kreuzzügen fehlte. DEN Zahn hat Ulf Schiewe mir bereits nach nicht einmal 100 gelesenen Seiten gezogen. Ich bekomme einen einmaligen Geschichtsnachhilfeunterricht, der alles andere als trocken ist und fühle mich dabei noch wie mitten in einem Kinosaal vor der breiten Leinwand. Prächtige Bilder dieser fremden Kulturen bilden sich vor dem geistigen Auge. Alles ohne mich belehrt zu fühlen. Ein geschickter Geschichtenerzähler ist er, dieser Autor, von dem man hoffentlich noch sehr viel wird lesen dürfen.
Meine Hoffnung, dass der Autor Ulf Schiewe mich bald wieder einlädt zu so einen unterhaltsam-lebhaften Roman ist mittlerweile zur Gewissheit geworden. Im April 2011 erscheint sein neuer Roman:
DIE COMTESSAWem DER BASTARD VON TOLOSA gefallen hat, dem lege ich den Besuch der Homepage von Ulf Schiewe unbedingt ans Herz. Ich schätze Autoren sehr, die so offen mit ihrer Arbeit umgehen. Zumal es sich um einen Deutschen (Autor) handelt. Dort erfährt man sehr viel über seine Motivation dieses Buch zu schreiben und einen empfehlenswerten Artikel zu dem Thema "Das Zerrbild der Frau im Mittelalter". In seinen Recherchen, die man dem Roman auch anmerkt, bietet er einen tiefen Einblick in die Welt der Fakten. Und schöne Bilder aus den Gegenden wo DER BASTARD VON TOLOSA spielt, gibt es auch noch! Ein wahrer Glücksfall. Und einen schönen BLOG schreibt Herr Schiebe auch noch!
Eines der Bücher wo die fünf banalen amazon-Bewertungs-Sternchen mir als völlig unzureichend erscheinen. Einer der Abenteuerromane im fein gezwirbelten historischen Gewand, den ich tatsächlich empfehle möchte.