Elif Shafak, 1971 in Straßburg geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Spanien und kehrte zum ersten Studium in die Türkei zurück. Sie veröffentlichte dort vier Romane, die ihr zahlreiche türkische Literaturpreise einbrachten und sie zur Kultautorin machten. Seit 2002 lehrt sie in den USA und schrieb Die Heilige des nahenden Irrsinns auf Englisch. Der Bastard von Istanbul, im März 2006 in der Türkei erschienen und dort innerhalb kürzester Zeit 60.000 mal verkauft, hat Elif Shafak eine Anzeige wegen "Verunglimpfung des Türkentums" eingebracht. Es war das erste Mal, dass ein Schriftsteller angeklagt wird für Sätze, die er seiner Hauptfigur in den Mund gelegt hat. Am 21.09.2006 wurde das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt und Elif Shafak vom Vorwurf der Anklage freigesprochen. Der federführende Staatsanwalt Kemal Kerincsiz machte den Einfluss "ausländischer Kräfte" für das Urteil verantwortlich.
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1 . Z I M T
Du sollst nicht verfluchen, was vom Himmel fällt. Dazu
gehört auch der Regen.
Egal was herabregnet, egal wie heftig der Wolkenbruch
oder wie eisig der Schneeregen, du sollst niemals
Flüche aussprechen gegen egal was der Himmel für uns
bereithält. Jeder weiß das. Auch Zeliha.
Und dennoch ging sie an diesem ersten Freitag im Juli
fluchend auf einem Bürgersteig, der eine hoffnungslos
verstopfte Straße entlangführte; sie hastete zu einem Termin,
zu dem sie jetzt schon spät dran war, fluchte wie ein
Kutscher und ließ eine Schimpfkanonade nach der anderen
los, über das kaputte Pflaster, ihre Stöckelschuhe, den
Mann, der ihr folgte, über jeden dieser Autofahrer, die wie
wild hupten, obwohl doch jeder wußte, daß Lärm die
Auflösung von Verkehrsstaus nicht befördert, über die
ganze Dynastie der Osmanen, weil die vor langer Zeit die
Stadt Konstantinopel erobert und aus Versehen geblieben
war, und ja, über den Regen ..., diesen verdammten
Sommerregen.
Hier ist Regen eine Qual. In anderen Teilen der Welt
gilt ein Wolkenbruch wahrscheinlich als Segen für nahezu
alles und jedes - gut für die Landwirtschaft, gut für
Flora und Fauna und, mit einem Extraschuß Romantik,
gut für Verliebte. In Istanbul ist das nicht so. Für uns hat
Regen nicht unbedingt mit Naßwerden zu tun. Ja nicht
einmal mit Schmutzigwerden. Wenn überhaupt, dann
mit Wütendwerden. Er bedeutet Schlamm und Chaos
und Zorn, als hätten wir nicht schon genug von alldem.
Und Kämpfen. Er hat immer mit Kämpfen zu tun. Wie
Kätzchen in einem Eimer Wasser kämpfen alle zehn Millionen
von uns vergeblich gegen die Tropfen. Man kann
nicht sagen, daß wir dabei ganz alleine wären, betroffen
sind auch die Straßen mit ihren vorsintflutlichen Namen,
die mit Schablonen auf Blechschilder geschrieben sind,
die überall verstreuten Grabsteine aller möglichen Heiligen,
die Müllhaufen, die an fast jeder Ecke warten, die
überdimensionalen Baugruben, die sich bald in moderne
Prachtbauten verwandeln sollen, und die Seemöwen ...
Uns alle macht es wütend, wenn der Himmel sich auftut
und uns auf die Köpfe spuckt.
Wenn aber die letzten Tropfen den Erdboden erreichen
und noch viele weitere unsicher auf den nun vom
Staub befreiten Blättern balancieren, in diesem ungeschützten
Augenblick, wenn man nicht ganz sicher ist,
ob der Regen endlich aufgehört hat, ja nicht einmal er
selbst es weiß, genau in diesem Moment wird alles heiter.
Eine ganze Minute lang scheint der Himmel sich für das
zu entschuldigen, was er da angerichtet hat. Und wir,
immer noch Tröpfchen im Haar, Matsch im Hosenaufschlag
und Trostlosigkeit im Blick, starren in den Himmel,
der jetzt in einem etwas helleren Tiefblau und klarer
denn je erstrahlt. Wir blicken auf und lächeln unwillkürlich
zurück. Wir vergeben ihm; das tun wir immer.
Im Augenblick schüttete es allerdings noch und Zeliha
empfand wenig bis gar keine Versöhnlichkeit in
ihrem Herzen. Sie besaß keinen Schirm, denn sie hatte
sich geschworen, daß es ihr, wenn sie so blöd wäre, noch
einmal einem Straßenhändler Geld für noch einen weiteren
Schirm hinzublättern, den sie, sobald die Sonne her-
auskäme, wieder irgendwo liegenließe, ganz recht geschähe,
bis auf die Haut naß zu werden. Im übrigen wäre
es jetzt sowieso zu spät. Sie war bereits triefnaß. Hierin
glich Regen der Traurigkeit: Man tat alles, um unberührt,
sicher und trocken zu bleiben, aber wenn einem das nicht
gelang, kam ein Punkt, wo man das Ganze nicht mehr als
Problem einzelner Tropfen, sondern als unaufhörlichen
Schwall betrachtete, und beschloß, daß man dann genauso
gut auch richtig naß werden konnte.
Regen tropfte von ihren dunklen Locken auf ihre
breiten Schultern. Wie alle Frauen in der Familie Kazanci
war Zeliha mit rabenschwarzem, krausem Haar zur
Welt gekommen, aber im Gegensatz zu den anderen
mochte sie es so. Von Zeit zu Zeit verengten sich ihre
normalerweise weit geöffneten und eine messerscharfe
Intelligenz ausstrahlenden jadegrünen Augen zu zwei
Strichen unverhohlener Gleichgültigkeit, die nur drei
Gruppen von Leuten zu eigen ist: den hoffnungslos Naiven,
den hoffnungslos Zurückhaltenden und den hoffnungslos
Hoffnungsvollen. Da sie zu keiner dieser Gruppen
gehörte, war es schwer, diese Gleichgültigkeit zu
verstehen, selbst wenn es eine so flüchtige war. Plötzlich
war sie da und umgab ihre Seele mit narkotisierter Gefühllosigkeit,
dann war sie weg und ließ ihre Seele allein
in ihrem Körper zurück.
So fühlte sie sich an diesem ersten Freitag im Juli abgestumpft,
als stünde sie unter Drogen, ein außerordentlich
quälender Zustand für einen so energiegeladenen
Menschen wie sie. Konnte das der Grund sein, weshalb
sie heute absolut keine Lust gehabt hatte, es mit der Stadt
oder gar dem Regen aufzunehmen? Während die Gleichgültigkeit
sich wie ein Jojo im ganz eigenen Rhythmus
auf und ab bewegte, schwang ihr Stimmungspendel zwischen
erstarren und kochen hin und her.