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Seit seinem Überraschungs-Bestseller Der Wanderchirurg ist Wolf Serno (Der Chirurg von Campodios, Hexenkammer, Die Mission des Wanderchirurgen) so etwas wie die deutsche Antwort auf Umberto Eco. Zumindest kann hierzulande keiner spannender und kenntnisreicher über historische Zeiten schreiben wie er. Sernos Paradezeitalter ist eigentlich das 16. Jahrhundert, wo viele seiner Romane spielen. Aber bereits mit Tod im Apothekenhaus hat der ehemalige Werbetexter bewiesen, dass er sich auch in der Medizin und Heilkunde des 18. Jahrhunderts ausagezeichnet auskennt. Der Balsamträger führt diese Tradition blendend fort. Auch wenn sich Motive und Bilder der Bücher beizeiten ähneln und der Plot nicht immer Neues verspricht: auch Der Balsamträger ist wieder ein Buch in bester Serno-Manier, dass man am besten an langen Winterabenden am Kamin verschlingen sollte. --Isa Gerck -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
historische-romane.de, Dezember 2006
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Der Balsamträger von Wolf Serno. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Potzblitz, gute Frau! Da hätt ich Euch fast über den Haufen gerannt, ich bitte um Vergebung!« Der blonde Jüngling riss voller Schrecken die Arme hoch, ließ sie wieder sinken und setzte ein entwaffnendes Lächeln auf. Die Frau, der seine Worte gegolten hatten, war eine schwere Matrone mit streitlustigen Augen. »Wer mich umrennen will, muss mehr Fett auf den Rippen haben!«
Der Jüngling lachte schallend. »Trefflich gesagt, trefflich gesagt, fürwahr!« Plötzlich wurde er wieder ernst. »Aber was sehen meine Augen? Ist es ein Trugbild, ein Irrlicht gar? Jetzt erkenn ich Euch! Wie schön, Euch zu begegnen! Ihr seid die Witwe Findteisen, stimmts?«
»Allerdings«, versetzte die Dicke ungerührt. Denn um das zu wissen, musste man kein studierter Kopf sein. Sie war in der Stadt bekannt wie ein bunter Hund. »Allerdings«, wiederholte sie und wollte weiter, denn an diesem heiteren Morgen, man schrieb den 23. Aprilis Anno 1777, war Mittwochsmarkt in Schmalenbach, einem kleinen Ort im Thüringer Land. »Ich habs eilig!« Doch irgendwie war der Bursche ihr noch immer im Weg, und da sie nicht recht vorwärts kam, fragte sie schließlich: »Wer bist du? Ich kenne dich nicht.«
»Ich bin Listig!«, strahlte der Jüngling.
»Das mag sein. Wie du heißt, wollte ich wissen. Ich habe dich noch nie gesehen.«
»Listig heiß ich, gute Frau.«
»Lächerlich. Das ist kein Name.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«
»Ja, ja, stiehl mir nicht länger meine Zeit.« Die Findteisen hatte endgültig genug von dem Spaßvogel. Der Markt wartete, und sie hoffte auf eine frische Forelle aus der Schwarza. »Vielleicht heiße ich nicht Listig, aber ich bins. Immerhin hab ich bemerkt, dass Euch bei unserer kleinen Rempelei Geld zu Boden gefallen ist.«
»Wie?«
»Ihr habt Geld verloren.« Der Jüngling bückte sich, sammelte die Münzen auf und übergab sie der Witwe mit einer artigen Verbeugung.
»Waaas? Ja, das ist doch « Die Dicke schluckte. »Danke.«
Widerstrebend musste sie dem Burschen Abbitte leisten. Er schien nicht nur ein Spaßvogel zu sein, sondern auch eine ehrliche Haut. »Nun ja. Hier, nimm. Ein kleiner Finderlohn. Niemand soll sagen, die Witwe Findteisen ließe sich lumpen. Kauf dir etwas zu essen, bist ja klein wie ein Spatz und dünn wie ein Spargel.«
»Ergebensten Dank, und vergelts Gott!« Der Jüngling verbeugte sich erneut, diesmal noch tiefer, und blickte der schweren Matrone nach. Die Münzen in der Hand wiegend, kicherte er: »Ich bin Listig, und ich bin listig, du dicke Vettel! Wenn ichs nicht wär, hätt ich dir alles geklaut und wär Gefahr gelaufen, dass du den Büttel auf mich hetzt. So aber bin ich kein Dieb, sondern ein ehrlicher Finder.«
Er ging zu einem Stand, an dem es verführerisch nach Gebratenem duftete, und kaufte sich zwei Würste. Mit vollen Backen kauend, schlenderte er die Marktgassen entlang. Wieder einmal hatte er sein Ziel erreicht: satt zu werden, ohne dafür einen Finger krumm machen zu müssen.
Alles in allem war er kein schlechter Kerl, und gegen Arbeit hatte er noch nie etwas gehabt solange andere sie verrichteten. Er selbst fasste sie nur ungern an. Umso eifriger war er, wenn es um die Freuden der Tafel ging. Er konnte gewaltige Mengen vertilgen und ebenso viel trinken. Dabei blieb er stets schlank wie eine Gerte, und niemand hätte zu sagen vermocht, warum er kein Jota zunahm.
Beschwingt stopfte er sich den Rest der Wurst in den Mund und verließ den Markt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.