Eduardo Galeano sieht Fußball durch die Brille des Poeten. "So gehe ich durch die Welt, den Hut in der Hand, und in den Stadien bitte ich: 'Nur einen schönen Spielzug, Gott vergelt's'", schreibt er in einem einleitenden Geständnis. Sein Stil ist eher der eines Minnesängers als der eines Journalisten, Galeano lässt Leidenschaft und Wehmut aus seinen Zeilen sprechen. Er trauert jenen Anfangsjahrzehnten des Fußballsports nach, in denen nicht Geld und taktisches Kalkül, sondern Spielfreude und Offensivgeist dominierten. Wenn Galeano über Andrade, Di Stefano, Garrincha oder Pelé schreibt, glaubt man, am Lagerfeuer zu sitzen und Heldenepen zu lauschen, fällt die Rede hingegen auf FIFA-Boss Joao Havelange und seine Kamarilla, wird die vom Autor entgegengebrachte Verachtung schier greifbar.
Defensivspiel ist Eduardo Galeano ein Gräuel: "Das Tor ist der Orgasmus des Fußballs. Wie der Orgasmus, so wird auch das Tor in der modernen Gesellschaft immer seltener". Welt- und Europameisterschaften sind zum vom "Spiel zum Schauspiel", zu einem der besten Geschäfte der Welt geworden. Riskieren ist dabei strengstes verboten, schließlich geht es um Milliarden Dollars.
Als linksintellektueller Journalist hatte Galeano sowohl im heimatlichen Uruguay als auch in Argentinien viel zu leiden. Unverkennbar äußert er seine Abneigung gegen Militärregimes und Diktaturen, die den Fußball immer wieder aus nationalistischen Gründen zu vereinnahmen suchen. Franco, Pinochet, Videla, ihr Name ist Legion, das schändliche Prinzip immer dasselbe. Auch die Günstlinge der Machthaber kriegen ihren Sarkasmus ab. So schreibt er über Jesus Gil y Gil, Boss von Atlético Madrid: "In seiner Wahlkampagne versprach er, das Tourismuszentrum Marbella von Dieben, Betrunkenen und Drogenabhängigen zu reinigen, damit es wieder der gesunden Erholung arabischer Scheichs und internationaler Mafiosi dienen konnte." "El fútbol a sol y sombra" (so der wesentlich intelligentere Originaltitel) ist ein zutiefst politisches Buch.
Aber nicht nur das, Galeano erzählt eine Reihe herrlicher Anekdoten: was es mit der Rivalität der beiden Carioca-Klubs Fluminense und Flamengo auf sich hat; warum es in Montevideo Glaubenssache ist, Peñarol zu lieben und Nacional zu hassen und vice versa; wie ein nachnominiertes, trinkfreudiges Dänen-Team Deutschland den Europameistertitel abknöpfte; oder dass ein Elfmeterschießen schon mal über 44 Schüsse gehen kann, wenn die Gegner Argentinos Juniors und Racing heißen. Ein Buch, dass über Reportage und Faktenwissen hinausgeht, ein Kunstwerk wie ein Fallrückzieher ins Kreuzeck. Lesen!