Meine Meinung zu diesem Buch ist zwiegespalten. Auf der einen Seite haben wir das viel gelobte und mit Preisen belohnte "Standardwerk" zur Entstehung der RAF, auf der anderen Seite haben wir knapp 700 Seiten teilweise staubtrockene Faktensammlung, die das Lesen streckenweise extrem anstrengend machen. Aber zunächst mal zu den guten Seiten:
Wer sich über die Entstehung und die Anfänge der RAF umfassend informieren möchte, ist hier genau richtig. Es werden wirklich alle (!) Beteiligten genannt, vorgestellt und ihre Bedeutung für das Thema klargestellt. Es werden detailliert die Strukturen und Geschehnisse dargelegt, die zur Bildung der Baader-Meinhof-Gruppe" führten dargelegt. Dabei beschränkt sich der Autor im Wesentlichen auf die Zeit zwischen 1967 und 1977, so dass nachfolgende Ereignisse (die RAF als solche existierte ja auch danach noch weiter) keine Erwähnung finden, bzw. nur am Rande gestreift werden. Sicherlich ist es ein extrem schwieriges Unterfangen, die damalige Stimmung in der Gesellschaft dem heutigen Leser (z.B. mir, ich bin Jahrgang '72) verständlich nahe zu bringen und daraus die Motivation und das immense Gewaltpotenzial einer solchen terroristischen Vereinigung abzuleiten. Aber dieses Kunststück gelingt dem Autor auf jeden Fall. Das ganze erste Kapitel (120 Seiten) beschäftigt sich unter dem Titel Wege in den Untergrund" mit der Entstehung dieser Gruppierung, damals noch als "Baader-Meinhof-Bande" bekannt. Im Folgenden werden auf knapp 700 Seiten alle, aber auch wirklich alle Geschehnisse im Zusammenhang mit dieser Gruppe detailliert beleuchtet und dargestellt. Dabei gelingt dem Autor das nächste Kunststück mit Bravour, nämlich stets sachlich und neutral zu bleiben. Das ist angesichts der sehr heiklen und auch heute noch sehr brisanten Thematik eine beachtliche Leistung, immerhin wird dieses Kapitel deutscher Geschichte auch heute noch sehr kontrovers diskutiert.
Auf der anderen Seite ist es genau diese Detailfülle, die das Buch streckenweise extrem anstrengend zu Lesen macht. Ich persönlich muss nicht unbedingt wissen, dass das Fluchtauto von Baader und Meins erst die Kaiser-Siegmund-Straße in östlicher Richtung entlangfuhr, dann nach rechts in die Eckenheimer Landstraße einbog und von dieser wiederum rechts in den Kühlhornshofweg abfuhr. Viele Details sind ja schön und gut und auch sollten wirklich alle Fakten offen auf den Tisch, aber irgendwo muss dann auch die Grenze sein. Leider schleppt sich das Buch zum Teil immer mal wieder seitenweise mit völlig belanglosen Erzählungen oder Schilderungen irgendwelcher Geschehnisse dahin, die für die eigentliche Thematik völlig belanglos sind. Klar handelt es sich hier um ein Sachbuch, nicht um einen Roman, es gibt also keinen Spannungsbogen im klassischen Sinne. Dennoch schafft es der Autor, gewisse Episoden durchaus spannend und spielfilmreif darzustellen. Aber meiner Meinung nach hätte es hier auch ein bisschen weniger getan, es ist meiner Meinung nach auch für das Verständnis nicht wichtig, wirklich jede Einzelheit zu kennen.
Statt der teilweise ausufernden Details hätte ich mir lieber ein paar Bilder gewünscht. Das Buch besteht wirklich aus 700 Seiten nur Text. Ich kann mich als Kind noch sehr gut an die "Terroristen"-Fahndungsplakate erinnern, die damals ja in jeder Bank oder Postfiliale gehangen sind ;-) Insgesamt hätte einige Fotos oder Bilder den Text angenehm aufgelockert und hätten es mir auch ermöglicht, etwas näheren Bezug zu der "Baader-Meinhof-Bande" zu bekommen. So werde ich von der schieren Fülle an Details aus Ulrike Meinhofs oder auch Andreas Baaders oder Gudrun Ensslins Leben einfach nur erschlagen. Ein wenig Auflockerung hätte der Text dringend nötig.
Nun, das oben beschriebene bleibt aber auch der einzig negative Kritikpunkt. Gleichwohl hätte ich noch sehr gerne mehr darüber erfahren, wie die RAF nach 1977 ohne Baader, Meinhof und Ensslin weitergemacht hat, aber dafür gibt es andere Bücher. Hier liegt wie gesagt der Schwerpunkt ganz klar auf der Entwicklung und Entstehung, vor allem vor dem politischen Hintergrund der späten 60er und frühen 70er Jahre in Deutschland. Und das gelingt dem Buch wie bereits gesagt sehr gut.
Für mich ist es ein wichtiges Stück deutscher Geschichte, mit dem es sich auseinanderzusetzen lohnt. Dennoch gebe ich nur 4 Sterne, einen Abzug gibt es (wie oben beschrieben) aufgrund der unnötigen und erdrückenden Detailfülle und der fehlenden Bilder (im Sinne einer Visualisierung). Wer also ein Buch sucht, um zu verstehen, was die RAF erreichen wollte, warum es so gekommen ist und wer vor allem die Persönlichkeiten dahinter (in erster Linie natürlich die "Anführer" Baader, Meinhof und Ensslin) und die damit verbundenen Strukturen kennen lernen und verstehen lernen möchte, der findet hier das auf dem Markt mit Abstand beste Buch dazu. Wer einen groben Abriß über den Verlauf der RAF auch nach 1977 möchte, wer eher lockere Unterhaltung, mit ein paar Bildern aufgelockert möchte, wem allgemeine Informationen genügen und wer nicht so sehr in die Tiefe gehen möchte, dem sei von diesem Buch abgeraten.